Kaiserslautern
Familie Holstein und ihr Handballmärchen
Wer Familie Holstein besucht, dem fällt erst mal nichts Ungewöhnliches auf. Im Wohnzimmer sieht es aus wie bei einer ganz normalen Familie. Die zwei Söhne, 20 und 22, haben die Schule hinter sich. Der eine macht ein Freiwilliges Soziales Jahr, der andere studiert. Beide wohnen daheim, fühlen sich wohl, jeder geht seinen Weg. Aber es gibt etwas, für das alle gemeinsam brennen und das die ganze Familie so verbindet und zusammenschweißt, wie das sonst nur ganz selten der Fall ist.
Es gibt einen verräterischen Raum im Keller des Häuschens im Uniwohngebiet, in dem die Familie seit 20 Jahren wohnt: die Waschküche. Denn die sieht komplett anders aus als die einer normalen Familie. Da stapeln sich die Trikot, die Vereinspullis, Hosen, alle in den gleichen Farben und alle mit Flecken, die schwer zu entfernen sind: Harz. Nicole Holstein, die jahrelang nicht nur die Trikots der Familie, sondern auch die Vereinstrikots gewaschen hat, weiß mittlerweile, wie man das rauskriegt. „Es gibt da ein Spray, aber es ist mühsam.“
Handball ist das Hobby, dass das Leben der Familie bestimmt. Dass das so ist, ist für alle selbstverständlich und nicht mehr wegzudenken.
Es musste so kommen
Der Weg dahin schien vorbestimmt zu sein. Michael Holstein und seine jetzige Frau sind mit Sport groß geworden und beide beim Handball gelandet. Die 50-jährige Grundschullehrerin kommt aus einer sportlichen Familie. Ihr Vater spielte Feldhandball. Sie turnte zunächst, spielte Tennis, entdeckte dann die Liebe zum Handball, ging zur TSG Kaiserslautern. Nach einem ihrer zwei Kreuzbandrisse spielte sie bei den Wasserballern weiter, landete da im Tor. „Ich hatte keine Angst vor dem Ball, so kam das“, erzählt sie warum sie zunächst bei den Frauen, dann bei der Männermannschaft des SK Kaiserslautern im Tor stand und auch bei den Männern gefürchtet war.
Ihr Mann spielte Handball, seit er elf war, bei der TSG. „Dansenberg war der Feind“, macht Nicole Holstein deutlich, wie damals das Verhältnis war.
Das Sommermärchen
Die beiden lernten sich im Sommer 1990 über ihr Hobby kennen. Michael Holstein spielte bei den Herren 1, Nicole kam gerade aus der A-Jugend in die Damenmannschaft. Sie kannten sich, sahen sich öfter nach den Spielen. Bei der Party einer Handballerin funkte es dann so richtig zwischen den Beiden. Sie wurden unzertrennlich, heirateten, und das Handballmärchen ging weiter.
Als die erste Mannschaft der TSG wegen Personalmangels abmelden musste, wechselte Michael Holstein mit dem Trainer und der Hälfte seines alten Teams nach Dansenberg. Die TSG spielte damals, 1996, in der Oberliga, der TuS eine Klasse tiefer. „Wir sind direkt aufgestiegen“, erzählt Holstein. Mit 34 Jahren beendete er seine Handballkarriere, fährt jetzt Rad, geht Joggen. „Ganz ohne Sport geht es nicht“, sagt er.
In den Fußstapfen der Eltern
Dass die Kinder der Beiden auch sportlich talentiert sind, liegt nahe. Schon als sie klein waren, besuchten sie die Kinderturnstunden ihres Opas, Nicole Holsteins Vater, beim TFC. Als sie vier und fünf waren, gingen sie zum Judo, aber Marco meinte schließlich, „Judo macht mir keinen Spaß. Ich will einen Mannschaftssport machen.“ Und so suchten die Eltern. „Von Fußball waren wir nicht so begeistert“, erzählt der Vater. Dass es was mit einem Ball sein sollte, war ihnen aber klar. „Bei uns waren immer Bälle am Start, in jeder Größe.“ Bei Federball und Tischtennis überschnitten sich die Trainingszeiten mit dem Turnen. Basketball kam in die engere Auswahl. Die Familie wollte mit dem Fünf- und Sechsjährigen zum Schnuppertraining beim FCK gehen. Ein paar Tage davor brachte eine Bekannte die Holsteins plötzlich auf die Idee, mal bei den Handballern des TuS vorbeizuschauen.
Liebe auf den ersten Blick
Die Kinder waren sofort begeistert von den ersten Einheiten in der Burgherrenhalle in Hohenecken, wo damals trainiert wurde, weil die Halle umgebaut wurde. „Wir haben unseren Freundeskreis kennengelernt“, schwärmt Timo, der einen Jahrgang unter seinem Bruder einstieg, immer wieder auch mal mit ihm trainierte und oft nach ihm weiterrückte. Marco war in der Verbandsliga, hatte sein erstes Spiel für die zweite Mannschaft des TuS, Timo war in der Pfalzliga am Ball. Gemeinsam wurden sie 2018/19 Pfalzligameister, stiegen mit der zweiten Mannschaft in die Oberliga auf.
Seitdem wurde die Saison zweimal wegen Corona abgebrochen. Marco gehört seit diesem Jahr zum Kader der ersten Mannschaft, Timo trainiert bei der Ersten mit. Beide sind schon bei der Ersten eingesprungen, als sie noch A-Jugend gespielt haben.
Große Vorbilder
Was Marco von Anfang an gefiel in Dansenberg, dass er immer mit Freunden zusammengespielt hat, dass er auch in der Jugend mal oben mitspielen durfte. Heiko Benkel, Dominic Daneker, Sebastian Wächter, Ivan Vukas brachten ihm viel bei. „Man ist immer von den Leuten aus der ersten Mannschaft trainiert worden. Von Ivan habe ich am meisten gelernt. Er konnte viel von seiner eigenen Erfahrung rüberbringen. Er hat ja auch international gespielt“, sagt Marco und schwärmt vom Zusammenhalt in der Mannschaft.
Familie Holstein lebte das Hobby ihrer Kinder mit. An manchen Wochenenden standen drei Spiele auf dem Programm, wenn die Jungs mal in zwei Teams randurften. Dass die Klassenkameraden ihre Zeit anders verbrachten, sie nie Zeit für deren Unternehmungen hatten, störte die Söhne nicht, im Gegenteil. „Ich habe mich immer aufs Spielen gefreut. Ein Abend mit der Mannschaft ist ein gelungenes Wochenende“, findet Timo. Und sein Bruder schwärmt von der Verbundenheit in der zweiten Mannschaft, wo es eine besondere Verbindung zwischen Jung und Alt gibt.
Hobby Nummer eins
Dass Handball die Nummer eins ist, stört auch die Eltern nicht. „Wir haben beide Handball gespielt, für uns war es normal, dass wir immer unterwegs waren“, sagt Nicole Holstein und ihr Mann ergänzt: „Ich kenne das auch nicht anders. Als ich Handball gespielt habe, war mein Vater als Zeitnehmer dabei und meine Mutter war auf der Tribüne gesessen und hat mitgeschrieben.“ Die Holsteins mögen auch das Drumherum, „man trifft Freunde, die man von früher kennt.“
15 Jahre gehen die Eltern den Weg ihrer Kinder inzwischen mit und sind längst mehr als die Fahrer und Betreuer ihrer Söhne. Heiko Benkel sprach Nicole Holstein eines Tages an, ob sie nicht mithelfen würde. Sie stieg „kurz nach den Jungs“ in das Traineramt ein, begleitete sie bis zur B-Jugend, ist inzwischen Jugendleiterin. Ihr Mann saß am Zeitnehmertisch, sprang auch mal bei Heimspielen als Schiedsrichter ein und schrieb ab der E-Jugend die Spielberichte. Inzwischen hat er unzählige Spielberichte auf der Festplatte, die ältesten von 2008, war bald mit zuständig für die Saisonmagazine. Seit 2015 ist er Leiter der Öffentlichkeitsarbeit. Ein Jahr später wurde er stellvertretender Abteilungsleiter.
Timo muss grinsen, wenn er erzählt, wie seine Mutter „emotional voll dabei ist“, beim Aufstieg Sekt versprüht und der Papa auf der Rückfahrt „nette Tipps“ gibt. Marco gibt zu, dass es für ihn in der Jugend die „nervigen Eltern“ waren, „aber je älter man wird, umso mehr realisiert man, was sie alles machen, wie sie das Team unterstützen, wie ohne sie organisatorisch vieles nicht möglich wäre“.
Zur Person
Nicole Holstein
50, Grundschullehrerin an der Pestalozzischule, ist mit Sport groß geworden. Sie ist über Turnen und Tennis zum Handball gekommen, spielte zwischendrin Wasserball und landete dann wieder beim Handball. Sie ist Jugendleiterin und Hygienebeauftragte des TuS Dansenberg und feuert die Mannschaft mit der Trommel von der Tribüne aus an.
Michael Holstein
57, arbeitet bei der Volksbank im Marketing, hat Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Marketing studiert. Er war Handballer bei der TSG Kaiserslautern und zwei Jahre lang beim TuS Dansenberg. Inzwischen ist er stellvertretender Abteilungsleiter und zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit. Er fotografiert und schreibt für den TuS.
Timo Holstein
20, macht gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr an der Grundschule Betzenberg. Er würde danach gerne eine Ausbildung zum Physiotherapeuten machen. Er trainiert aktuell mit der ersten Mannschaft des TuS Dansenberg und ist Kameramann beim Livestream aus der Halle. Seine Stärke ist seine Schnelligkeit, sein großes Wurfrepertoire und sein Blick für Situationen, sagt sein Vater. Seine Position: Linksaußen. Sein Ziel: körperlich zulegen, im Training alles geben, offiziell Dritte Liga spielen.
Marco Holstein
22, ist Student an der TU, studiert in Kaiserslautern Sport und Erdkunde auf Lehramt. Er spielt in der ersten Mannschaft des TuS Dansenberg. Seine Stärke ist seine Größe (1,98). Die ist in der Abwehr von Vorteil. Seine Position: Rückraum links. Sein langfristiges Ziel: „Oben mitspielen, Teil der Mannschaft sein, die Spielanteile ausbauen, stabiler werden.“