Kaiserslautern Erna-de-Vries-Straße soll Holocaust-Zeitzeugin würdigen
Mit 100 Prozent Zustimmung, wie Oberbürgermeister Klaus Weichel (SPD) in der Sitzung am Montag zufrieden feststellte, sprach sich der Stadtrat für eine solche posthume Würdigung von Erna de Vries aus.
Am 21. Oktober 1923 wurde Erna Korn als Tochter eines Protestanten und einer Jüdin in Kaiserslautern geboren. Nach dem frühen Tod des Vaters 1931 lebte sie mit ihrer Mutter allein. Zusammen mit ihr wurde sie im Juli 1943 nach Auschwitz deportiert. Die Mutter starb im Todesblock in Auschwitz-Birkenau, während die Tochter – als Halbjüdin – knapp überlebte und nach einem tagelangen sogenannten Todesmarsch ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück wenige Tage vor Kriegsende von amerikanischen Truppen befreit wurde. 1947 lernte sie in Köln Josef de Vries kennen, mit dem sie nach der Heirat in dessen niedersächsischen Heimatort Lathen zog und drei Kinder bekam. 1981 verstarb ihr Mann.
Letzte Worte der Mutter in die Tat umgesetzt
Erna de Vries bekam die Ehrenbürgerschaft von Lathen verliehen, das Bundesverdienstkreuz und 2014 die Stadtplakette in Gold von Kaiserslautern. Ab 1997 berichtete sie in Schulen, Bildungseinrichtungen und auch Film-Dokumentationen über ihr Schicksal, auch in ihrer Heimatstadt, in der sie so viel Schlimmes erlebt hatte. Damit setzte sie die letzten Worte ihrer Mutter um, die ihr kurz vor der Ermordung sagte: „Du wirst überleben. Und dann wirst du erzählen, was man uns angetan hat.“
Am 24. Oktober 2021 ist Erna de Vries drei Tage nach ihrem 98. Geburtstag in Lathen gestorben.
„Wir sind verantwortlich dafür, was in der Zukunft passiert“
Die Fraktionen SPD, CDU, Die Grünen, FWG, FDP und Die Linke brachten einen Antrag in den Stadtrat ein, nach der Holocaust-Überlebenden eine Straße zu benennen. Janina Eispert (SPD) sagte, sie bedauere sehr, dass ihre Kinder nicht mehr die Gelegenheit haben, der Zeitzeugin zuzuhören, die mit ihren Vorträgen gegen das Vergessen angekämpft hat. „Sie hat die Schüler nicht für die Vergangenheit verantwortlich gemacht, aber dafür, was in der Zukunft passiert“, gab Eispert wieder und plädierte dafür, ihr eine Straße in der Innenstadt zu widmen.
Dirk Bisanz (AfD) sagte, de Vries’ Lebensleistung stehe außer Frage und sie hätte ein Gedenken völlig verdient, bedauerte aber, dass seine Fraktion nicht einbezogen worden war. Tobias Wiesemann (Grüne) erwiderte, er verstehe, dass jener sich ausgeschlossen fühle; aber nach antisemitischen Äußerungen seiner Partei zum Beispiel über das Holocaust-Mahnmal in Berlin „brachten wir es nicht übers Herz, Ihren Namen mit aufs Papier zu bringen“. Wiesemann begrüße es, wenn sich Bisanz persönlich anders positioniere, „aber Ihre Partei hat einen ganz anderen Zungenschlag“, begründete er das Vorgehen der anderen Fraktionen.
Mit 45 Stimmen votierten alle anwesenden Ratsmitglieder für eine Erna-de-Vries-Straße. Wo diese sein wird, steht noch nicht fest. Über eine solche Widmung entscheidet in der Kernstadt der Bauausschuss, in den Ortsbezirken der jeweilige Ortsbeirat. Die Vorschläge unterbreitet das Referat Stadtentwicklung.