Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Ergotherapeut hält in Corona-Krise durch

Die Praxis von Wolfgang Scheid ist geöffnet. Das Foto zeigt ihn mit einer Klientin bei der Vibrationstherapie nach einer Hand-OP
Die Praxis von Wolfgang Scheid ist geöffnet. Das Foto zeigt ihn mit einer Klientin bei der Vibrationstherapie nach einer Hand-OP.

Ergotherapeut Wolfgang Scheid ist besorgt: Etliche seiner Patienten sagen aus Angst und Verunsicherung wegen der Corona-Krise ihre Termine ab. Der 49-Jährige warnt jedoch davor, Therapien aufzuschieben. Das könnte schlimme Folgen haben.

Wolfgang Scheid ist einer, der positiv gestimmt durch die Welt geht, auch in Tagen wie diesen. Seit 25 Jahren ist er im Beruf, mittlerweile beschäftigt er zehn Mitarbeiter in drei Praxen, in der Kaiserslauterer Maxstraße, in Baumholder und Trippstadt. Sein Laden läuft, doch die Corona-Krise trifft auch ihn. „Wir haben voll geöffnet, aber die Leute kommen einfach nicht mehr.“ Scheid spricht von einem Einbruch von 80 Prozent. Er klagt aber nicht. Eher ist er besorgt, weil er befürchtet, dass viele Patienten in ihrer Therapie um Wochen zurückgeworfen werden, wenn sie aus Angst vor Ansteckung jetzt keine Termine mehr wahrnehmen.

„Beim Aussetzen der Therapie sind die Erfolge schnell rückläufig“

Das Problem sei das: „Wir Ergotherapeuten arbeiten mit Menschen, die ein gesundheitliches Problem haben.“ Das könne ein Schlaganfall sein, eine Depression, bei Kindern auch Lernbehinderungen oder Entwicklungsstörungen. Mit Schlaganfall-Patienten beispielsweise macht Scheid Gehübungen, schult die Motorik, das Greifen. „Manchmal dauert es zwei Jahre, bis jemand wieder selbstständig laufen kann. Wenn er jetzt wochenlang nur daheim sitzt und nicht weiter übt, sind die Erfolge schnell rückläufig“, ist Scheid überzeugt. Deshalb sage er jedem, der anrufe: „Nehmen sie die verordneten Behandlungen in Anspruch.“ Zumal er kommen sieht, dass es eng wird in den Praxen, wenn alle auf einmal wieder behandelt werden wollen, wenn das Kontaktverbot gelockert wird. „Dann kommen wir nicht mehr rum.“

Der Fachmann bietet auch Gangtraining für Senioren an. „Wenn die älteren Menschen jetzt nicht mehr üben, steigt das Sturzrisiko im Alltag wieder. Das müsste nicht sein.“ Er mache auch Hausbesuche, nutze Schutzmasken. „Wir sind medizinisch ausgebildet, wir halten schon immer Hygieneregeln ein, auf jedem Behandlungsplatz steht Desinfektionsmittel.“

Wegen der Schulschließungen dürfen Lernlücken nicht zu groß werden

Er habe wegen der Corona-Krise die Abläufe in der Praxis verändert, berichtet Scheid. Der Wartebereich ist geschlossen, Patienten werden mit einer Viertelstunde Versatz bestellt, um die Begegnungsmöglichkeiten zu reduzieren. „Und Hochrisikopatienten haben wir von unserer Seite aus abgesagt.“ Auch um viele Kinder, die aktuell nicht kommen, macht Scheid sich Gedanken. „Wer eine massive Lesestörung hat, kann jetzt den Schulalltag nicht allein bewältigen. Da entstehen schnell große Lernlücken, die zu Problemen führen, wenn die Schule wieder öffnet.“

Für solche Fälle hat Scheid versucht, schnell umzuorganisieren. „Wir dürfen Videobehandlungen anbieten, das bezahlen die Krankenkassen.“ Das laufe gut. Eltern bestätigten ihm: „Das ist eine willkommene Abwechslung im Alltag. Zumal die Ergotherapie helfen kann, den Tagesablauf zu strukturieren, was angesichts geschlossener Schulen und Kindertagesstätten wichtig ist.“ Sein Team gebe auch Ratschläge, wie Spiele genutzt werden können, biete Anleitungen für das Üben gewisser Fertigkeiten an, mache Wahrnehmungstraining, gewürfelt werde für die Handmotorik. Er bringe Eltern sogar Ordner mit Übungen nach Hause.

Angstpatienten mit Videoberatung stabilisieren

Angstpatienten, die die Corona-Krise besonders treffe, können laut Scheid mit Videoberatung zumindest in ihrem Zustand stabilisiert werden. „Viele waren anfangs wie gelähmt“, berichtet der Therapeut. Bei Demenzpatienten bitte er darum, dass bei der Teletherapie Angehörige dabei sind, wenn er beispielsweise altersbezogenes Hirn-Leistungstraining macht, was vom Zwiebelschälen bis zur Knobelaufgabe reiche. „Entscheidend ist, dass jetzt nicht pausiert wird“, drängt der Ergotherapeut, für dessen Berufsgruppe der Heilmittelerbringer es bislang keinen staatlichen Rettungsschirm gibt.

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