Kaiserslautern Engpass

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Die Realität gewordene Vorstellung der provinziellen Enge, einer regelrecht erdrückenden Enge kann nur von einem Wiener stammen. Aus der Geburtsstadt der Psychoanalyse, der Heimat Erwin Wurms, ist die Idee entsprungen und jetzt im lothringischen Meisenthal gelandet: Dort macht der originalgetreue und maßstabsgerecht verzerrte Nachbau von Wurms Elternhauses derzeit Station und verwandelt die frühere Glasbläserhalle in einen Freizeitpark verwandelt.

Wie in einem Spiegelkabinett auf einem Rummelplatz drücken sich die Besucher des „Narrow House“ durch die extrem verengten Flure, quietschen vor Vergnügen beim Anblick des unmöglich zu nutzenden Bettes und stoßen Schreie aus bei der Vorstellung, die sehr viel Zielgenauigkeit voraussetzende Toilette benutzen zu wollen. Wer die Industriekathedrale der früheren Glasbläserhalle betritt, könnte glauben, einem missglückten Versuch eines 3D-Druckers gegenüberzustehen. Das in Venedig oder Bonn schon gezeigte „Narrow House“ wirkt mit 16 Metern Länge, sieben Metern Höh, aber nur einer Breite von 1,20 Metern, als habe sich der Künstler bei der Kommastelle vertan. In wohl wenigen Jahren werden Häuser inklusive Interieur vielleicht auch wirklich aus solchen Druckern kommen und dann im Bedarfsfall auch mal in eine Baulücke gequetscht. Dem Österreicher geht es mit dem engen Haus aber um die Darstellung seiner Kindheitssituation. Der Vater, ein Kripobeamter, und die Mutter, eine Hausfrau, dazu ein Einfamilienhaus von der Stange in der Steiermark der 1960er Jahre: Fertig waren die Zutaten für eine Kindheit, die von Wurm als sehr beengt empfunden wurde, zumindest in seiner verzerrten Erinnerung. Mit dem „Narrow House“ hat er es durch Übertreibung auf den Punkt gebracht. Das Haus als Stellvertreter des Ichs. In seiner Installation geht es so eng zu, dass etwas beleibtere Besucher nach wenigen Metern den Rückzug antreten müssen. Wurm geht es jedoch nicht um körperlich-räumliche Enge, sondern um eine intellektuelle Verschlossenheit. Die Botschaft liegt für jeden auf der Hand. Die Computertechnik dürfte dabei geholfen haben, das Innere des Hauses inklusive der Konsalik-Bände im Regal auch maßstabsgerecht zu stauchen. Lange mag sich niemand darin aufhalten. Der Gang durch das Erdgeschoss birgt ähnlichen Kitzel wie eine Geisterbahn. Ein grusliger Schauer erfasst die meisten, und sicher werden nicht wenige an die eigene Kindheit erinnert, gerade wegen der einst und jetzt wieder schicken Tapetenmuster an den Wänden. „Da kann doch niemand drin leben“, meinte eine Besucherin treffend und war sich dessen wohl kaum bewusst. In Konstellationen, die das Wurmsche Haus beschreibt, leben jedoch viele. Die meisten, ohne es weiter in Frage zu stellen, genauso wie die Besucher des „Narrow House“ zwar begreifen werden, was der Künstler mit dem Haus sagen will. Aber für ein tiefgehendes Verständnis fehlt dem Haus die Subtilität, die tiefere Schichten anspricht, als es ein sehr plakatives Werk vermag. Das muss kein Fehler sein. Mit dem gestauchten Haus holt der Künstler breite Schichten dort ab, wo sie andere Künstler nie erreichen würden. Und für einige wird der Gang durch die engen Flure, der Blick auf die schmalen Stühle und das gequetschte Telefon auch mehr sein als nur eine lustige Episode an einem verregneten Sonntagnachmittag.

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