Boxen RHEINPFALZ Plus Artikel Eiskalt erwischt in Kiew

Frank Kiy vor dem Denkmal der Gründer von Kiew, von denen einer Kiy heißt.
Frank Kiy vor dem Denkmal der Gründer von Kiew, von denen einer Kiy heißt.

Von sportlichem Erfolg war die Reise Frank Kiys in das noch winterliche Kiew nicht gekrönt. Der Boxtrainer musste mit ansehen, wie sein Schützling Joan Manuel Lique Canaveral bereits in der ersten Runde des Kampfes gegen Vasyl Chebotar durch K. o. verlor. Doch Frank Kiy empfand die Tage in der Hauptstadt der Ukraine trotz der bitteren Niederlage als Gewinn.

Schon lange habe er sich gewünscht, nach Kiew zu reisen, sagt Frank Kiy und spricht von dem besonderen Verhältnis, das ihn mit dieser Stadt verbinde. Der gebürtige Schopper glaubt nämlich aufgrund eigener genealogischer Studien, dass seine Vorfahren aus Kiew stammen. Und tatsächlich sollte er dort einem seiner legendären „Ahnen“ begegnen, dem die Stadt sogar ein Denkmal setzte. Somit ging für Kiy ein Wunsch in Erfüllung, als der von ihm trainierte Joan Canaveral von der K2-Promotion-Firma ein Angebot erhielt, in der Eissporthalle in Kiew gegen den jungen Lokalmatador Vasyl Chebotar zu boxen.

Auf acht Runden war das Duell der beiden im Halbweltergewicht kämpfenden Preisboxer angesetzt. Eine überaus reizvolle Offerte, die man in diesen auch für das Profiboxen harten Corona-Zeiten einfach nicht ablehnen konnte.

Grau und kalt

So ging es von Frankfurt aus mit dem Flugzeug nach Kiew. Dort gelandet, erwartete eine Winterlandschaft Frank Kiy und seine Begleiter. Neben Joan Canaveral war auch noch der Schwergewichtler Evgenios Lazaridis mit von der Partie, auch er ein Schützling Kiys, der aber nicht im Ring zum Einsatz kam, sondern als Dolmetscher fungierte. „Alles grau und kalt“, schildert Kiy seine ersten Eindrücke. Auch die Menschen hätten sich „kalt wie Eisblöcke“ gezeigt. „Ihnen war kaum ein Wort, geschweige denn ein Lächeln zu entlocken.“ So habe er sich an den Film Rocky IV erinnert gefühlt, in dem es der Titelheld in Moskau mit dem sowjetischen Boxer Ivan Drago zu tun bekommt.

Dieses Gefühl der Fremdheit sollte sich dann aber legen, und auch die Menschen zeigten sich bei näherem Kennenlernen von einer anderen Seite. „Sie haben sich sehr um uns gekümmert“, lobt Kiy die Veranstalter des Kampfabends und beschreibt sie als überaus korrekt und verlässlich. Manch deutscher Boxveranstalter könne sich da „eine Scheibe abschneiden“, so Kiy, der die Boxszene in all ihren Facetten kennt.

Eklat beim Wiegen

Weniger gut zu sprechen war er auf den Gegner seines Schützlings. Der erst 19 Jahre alte Vasyl Chebotar sorgte beim Wiegen für einen Eklat. Er provozierte Canaveral, indem er einen Kopfstoß andeutete. „Die Security musste einschreiten, sonst wäre es da schon zu einem Kampf gekommen“, schildert Kiy diese unschöne Szene. Mag sein, dass der temperamentvolle und stolze Joan Canaveral diese erste Begegnung mit Chebotar noch im Kopf hatte, als am nächsten Tag der Gong zur ersten Runde ertönte.

Eigentlich hätten Zuschauer den Kampf in der Halle verfolgen sollen, doch ein kurz zuvor verhängter Lockdown verhinderte das. Um seiner Vorbildfunktion als Bürgermeister von Kiew gerecht zu werden, verzichtete der frühere Boxweltmeister Vitali Klitschko auf einen Besuch der Veranstaltung, die von der von ihm und seinem jüngeren Bruder Wladimir gegründeten Firma K2 Promotion organisiert und durchgeführt wurde.

Volltreffer

Der bis in die Haarspitzen motivierte Canaveral stürmte auf seinen in der ungewohnten Rechtsauslage boxenden Kontrahenten los und vergaß dabei so ziemlich alles, was ihm sein Trainer Frank Kiy mit auf den Weg gegeben hatte. Als er dann in seinem Ungestüm einen Augenblick unachtsam war und seine Deckung vernachlässigte, nutzte dies Chebotar eiskalt aus und landete einen Volltreffer. Am Kinn getroffen, ging Canaveral zu Boden und wurde vom Ringrichter ausgezählt.

„Das war besonders schmerzlich, da es in der ersten Runde passierte“, bemerkt Kiy zu diesem schnellen K. o. und fügt hinzu, „dass Joan kalt erwischt wurde“. Ihm selbst sei „das Herz stehen geblieben“, als er Joan regungslos auf den Brettern liegen gesehen habe, schildert Kiy seine Ängste. Ist doch für ihn Joan Canaveral nicht nur einer seiner Boxer, sondern auch der Lebensgefährte seiner Tochter Melany.

Als dann Canaveral wieder auf den Beinen stand, flossen Tränen beim Verlierer. War es doch nach sechs siegreichen Profikämpfen die erste Niederlage für den 33-Jährigen, der vor seinem Wechsel zum klassischen Faustkampf Weltmeister im Kickboxen war.

Die fremde Welt

In Sachen Boxen werden die Tage in Kiew für Frank Kiy sicherlich nicht in guter Erinnerung bleiben. Aber Kiew war für ihn mehr als nur der Boxkampf. Untergebracht in einem Hotel, das noch den Charme der untergegangenen Sowjetunion verströmte (bevor die Ukraine im Jahr 1991 unabhängig wurde, war sie eine der Unionsrepubliken der UdSSR), lernte Kiy eine für ihn fremde Welt kennen. Mit einem Taxi erkundete er die fast drei Millionen Einwohner zählende Stadt und war danach „beeindruckt von Kiew“.

Auf dieser Tour besuchte er auch das am Fluss Dnepr gelegene Denkmal der Kiewer Stadtgründer, von denen einer den Namen Kiy trägt. Ein für ihn ganz wichtiger Besuch bei „seinem Vorfahren“, so Frank Kiy, der ihm immer in Erinnerung bleiben werde.

Gefeierter Sieger und enttäuschter Verlierer. Links Vasyl Chebotar, rechts Joan Canaveral.
Gefeierter Sieger und enttäuschter Verlierer. Links Vasyl Chebotar, rechts Joan Canaveral.
Mehr zum Thema
x