Kaiserslautern Einstürzende Altbauten

Der 55-jährige Dario Franceschini ist neuer italiensicher Kulturminister. Zu beneiden ist er nicht um seinen Job. Denn die Kultur hat im Land, wo die Zitronen blühen, schon bessere Tage gesehen.
Das italienische Kino lebe hoch! Dario Franceschini, der neue italienische Kulturminister, kommentierte so die Meldung, dass Paolo Sorrentinos Film La Grande Bellezza als bester ausländischer Film in Los Angeles mit einem Oscar ausgezeichnet worden war. Das war immerhin eine gute Nachricht in sonst recht düsteren Tagen für die italienische Kultur. Der Opernbetrieb steht vor dem Kollaps, allein die römische Oper schleppt sich bei 30 Million Schulden von einer Krise zur nächsten. In Pompeji war es nach den starken Regenfällen in den vergangenen Wochen zu neuen Einstürzen von antiken Gebäuden gekommen. Europas bedeutendste Ausgrabungsstätte hat zwar seit Dezember vergangenen Jahres endlich eine neue wissenschaftlichen und verwaltungstechnische Leitung, doch der neue Führungsstab konnte wegen bürokratischer Gängelung noch nicht antreten. Und die Gelder werden immer weniger. Machte im Jahr 2001 das ohnehin lächerlich geringe Budget des Ministeriums am Gesamthaushalt des Staates 0,37 Prozent aus, so sind es heute nur noch 0,2 Prozent - ein Rückgang von 2,7 auf 1,5 Milliarden Euro. Italien ist damit Schlusslicht aller EU-Staaten.
Es gibt für Dario Franceschini also viel zu tun. Der 55-jährige Rechtsanwalt und Schriftsteller (Autor unter anderem von drei Romanen) aus Ferrara gilt anders als viele seiner Vorgänger nicht als politisches Leichtgewicht. Er ist in der Christdemokratischen Partei groß geworden und gehört zu den Gründungsmitgliedern des Partito Demokratico (PD), in dem sich vor sieben Jahren linke Christdemokraten und ehemalige Kommunisten zusammengefunden hatten. 2009 führte er die neue Partei der linken Mitte für eine Übergangszeit sogar als Vorsitzender, danach leitete er vier Jahre lang die Parlamentsfraktion. In der Regierung Letta war er Minister für Beziehung zum Parlament.
Er möchte, so in ersten Erklärungen, die Außenstellen seines Ministeriums und die chronisch unterbesetzten Denkmalschutzämter stärken und zugleich die bürokratischen Strukturen der Zentrale straffen. Er setzt auf stärkere Zusammenarbeit mit privaten Einrichtungen und Geldgebern. Verwertung von Kulturgütern und ihr Schutz müssten sich nicht ausschließen. Außerdem will er bei aller Verpflichtung zum Sparen nicht generelle Kürzungen durchsetzen, sondern jeweils im Einzelfall prüfen, wo mehr oder weniger ausgegeben werden kann. Unterstützt wird er unter anderem vom nationalen Unternehmerverband Confindustria, der sich in Medienkampagnen für Investitionen in Kultur und Bildung als Triebfeder des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufschwungs einsetzt. Franceschini wird jede Hilfe brauchen können.
Wie in der vorangegangenen Regierung hat der forsch ans Werk gehende Ministerpräsident Matteo Renzi dem Kulturministerium die Verantwortung für den Tourismus zugeschlagen. Dario Franceschini sieht beide Bereiche auch Hand in Hand marschieren . Die Attraktivität, die Marke Italien würden durch das Kulturangebot bestimmt. Doch auch hier muss der neue Minister sich mit einer Großbaustelle auseinandersetzen, auf der weitgehend Stillstand herrscht. Italien, einstmals führend in Europa, ist inzwischen von Spanien und Frankreich überholt worden. Die Übernachtungszahlen sind im vergangenen Jahr weiter gesunken, während sie in fast allen anderen EU-Ländern oder der Schweiz stiegen. Der Grund: Die Preise sind zu hoch, der Service wird immer schlechter. 80 Prozent der italienischen Hotels, so die Tageszeitung La Repubblica , seien über 20 Jahre alt. Allein um sie zu modernisieren, benötige man Investitionen in Höhe 4,5 Milliarden Euro. Die privaten Betreiber fordern dafür vom Staat steuerliche Entlastungen. Im kommenden Jahr werden für die Expo Mailand 20 Millionen Besucher erwartet, doch der Aufbau der Infrastrukturen befindet sich gegenüber der Planung in einem dramatischen Zeitrückstand. Und der staatliche Tourismusverband ENIT schließlich, ein typischer römischer Wasserkopf, erweist sich als unbewegliche und damit unnütze Einrichtung, die mit dem größten Teil seiner Finanzmittel von 18 Millionen Euro vor allem die eigene Bürokratie unterhält. Italien, das Bel Paese, braucht mehr als einen Oscar für La Grande Bellezza , um wieder in Schwung zu kommen. (Foto: dpa)