Kaiserslautern Ein Urwald aus Klängen
Eine seltsame Talkshow war das am Donnerstagabend im Cotton Club der Kammgarn. Die Talking Horns aus Köln erzählten höchst unterhaltsame Geschichten – und das ausschließlich mit Blech- und Holzblasinstrumenten. Blasmusik, aber keine „Dicke-Backen-Musik“. Kopf und Bauch waren beim Hörer gleichermaßen bedient. Für Jazz-Puristen und Schubladen-Denker unerhört. Aber wer innovative Musik liebt, der war begeistert.
Ein Urwald aus Klängen, ein Keckern von Saxofonen, ein geschäftiges Quietschen von Bassklarinette, ein Grunzen von Basstrompete, Posaunen und Tuba. Der Hörer der Talking Horns fühlt sich von einem ganzen Strom von Klängen übergossen. Die verschiedensten Instrumente, die für eine große Bigband reichen würden, bilden eine unscharfe Schnittmenge eines Tones. So ist es ein gerichteter Klangstrahl, der sich über einen ergießt wie ein Wasserfall. Das führt zu einer rauen, doch bestechend unmittelbaren Sinnlichkeit und wirkt zuweilen kühl und abstrakt. Gleichwohl ist die Musik ungewöhnlich dicht und fesselnd. In ihren kompliziert ineinander verschlungenen Linien, die vom freien Spiel herkommen, lassen die Musiker Spontanes und Notiertes so kunstvoll ineinander aufgehen, dass selbst der Fachmann Schwierigkeiten hat, zu unterscheiden, wo die Komposition aufhört und die Improvisation beginnt. Jeder der vier Messinggötter besitzt hier einen unverkennbaren, eigenständigen Sound – und doch verschmelzen sie im kollektiven Zusammenspiel zu einer Stimme, die weit über das Maß dessen hinausgeht, was die Summe von vier Teilen zu leisten vermag. Dabei wirkt das Quartett in seinen humorvollen Stücken und Improvisationen, etwa „Gnade für Jogie“ oder „Neun Kölsch, vier Korn“, wie ein faszinierendes, verrücktes Stil-Kaleidoskop: Latin, Bebop, Funk, Jazz-Rock bilden – sich vielfach umkreisend und überlagernd – immer wieder neue, facettenreiche, mitreißende Muster. Und der Schulterschluss zwischen der melodischen Linie und ihrer polyphonen Vernetzung gerät nicht nur klar, sondern wirkt ganz leicht, ganz selbstverständlich. Tatsächlich macht die Leichtigkeit, mit der diese hochkomplexe Musik hier erklingt, das ganz Besondere des Vortrags aus. Da wirkt der Titel „Trompetenärmel“, ein musikalischer Seitenhieb auf den „Trompetenärmel“ an den Blusen, wie aus dem Ärmel geschüttelt. Als Virtuose outet sich Achim Fink auf der Posaune, mit einer Leichtigkeit im Tonbereich und mit einer verblüffenden Geschmeidigkeit. Diese unruhige Expressivität wird von Bernd Winterschladen auf dem Baritonsaxofon zur „kühlen“ Überlegenheit geglättet, wozu Andreas Gilgenberg auf der Flöte eine Prise federnde Jazz-Phrasierung hinzugibt. Unter diese Instrumente legt Stephan Schultze auf dem Sousafon mit seinem wagenradgroßen Schalltrichter mit erstaunlicher Schnelligkeit und einem mitreißenden Groove einen Rhythmusteppich, der dem summenden Effekt einer vorbeifliegenden Hummel ähnelte. Einen quakenden Frosch imitiert Fink in „Duck“ auf der Tuba, während Winterschladen auf dem Baritonsaxofon extrem satte und rasante Läufe spielt. Und wer die Augen schließt, kann beim „Eichhörnchen-Ballett“ nicht nur ahnen, wie die Pelztierchen auf den Bäumen hoch und runter klettern, sondern sich auch eine muntere Talkshow bei Maybrit Illner vorstellen. Eine ganz scharfe Soße stellt die „Schaschlik-Polka“ dar, gewürzt mit Cayenne-Pfeffer und Paprika. Schultz zeigt dabei auf der Tuba den Biss einer Virtuosenschlange und auf der Posaune demonstriert Fink vom Portamento bis zum Growl alle möglichen, verblüffenden Effekte. Dazu drückt Gilgenberg mächtig aufs Bassklarinetten-Gas. Zum guten Schluss gesellt sich sogar noch ein grunzendes Schwein hinzu. Und das alles ohne Schlagzeug. Denn die vier Pustefixe haben die Zeit im Kopf. So lebt ihre Musik ganz stark vom Interplay der beteiligten Personen und dem originellen Sound. Nein, flach ist diese Musik beim besten kritischen Willen nicht, sondern lustvoll mehrdimensional. Und mit dem Pfeffer eines Kochs, der sich nicht auf gesunde Schonkost, sondern auf die Experimente des Würzens einlässt.