Kaiserslautern Ein Mann, der sich in alle Zeit verzweigt
Der Schriftsteller Marcel Beyer bekommt den Georg-Büchner-Preis 2016 der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Die renommierteste literarische Auszeichnung für deutschsprachige Literatur ist mit 50.000 Euro dotiert und wird am 5. November in Darmstadt vergeben. Beyers Texte seien kühn und zart, erkenntnisreich und unbestechlich, heißt es zur Begründung der Jury.
Marcel Beyer ist ein gewiefter Medientechniker. Seine Gedichte etwa sind Lichtspiel, Kamerafahrt, O-Ton-Protokoll und Schreibbewegung zugleich. Sie gehen aus von der unmittelbaren sinnlichen Begegnung mit Wörtern, Klängen, Stimmen und visuellen Reizen – und öffnen dann einen geschichtlichen Raum, um ihn akribisch auszuleuchten. Der 1965 in Tailfingen/Württemberg geborene Marcel Beyer wuchs in Kiel und Neuss auf und lebt seit 1996 in Dresden. Er studierte Germanistik, Anglistik und Literaturwissenschaft in Siegen und schloss sein Studium 1992 mit einer Arbeit über Friederike Mayröcker ab. Von 1989 bis 2000 gab er gemeinsam mit Karl Riha die Reihe „Vergessene Autoren der Moderne“ heraus. Von 1992 bis 1998 veröffentlichte er in der Musikzeitschrift „Spex“. „Graphit“ zum Beispiel, sein jüngstes Gedichtbuch, an dem der Autor 13 Jahre lang gearbeitet hat, erkundet die Materialität von Dingen, um die in ihnen abgelagerte Geschichte freizulegen. Bereits das Titelgedicht des Bandes, den er im Dezember vergangenes Jahr im Ludwigshafener Bloch-Zentrum vorgestellt hat, führt beispielhaft die Verflechtung unterschiedlichster Sprachstoffe, Schauplätze und Erkenntnisperspektiven vor. Die sechs Teile von „Graphit“ inszenieren meisterhaft die Entstehung von Poesie als „schrift die durch einen schneesturm watet“. Dieses Thomas Kling-Zitat wird hier zum Kern eines langen Gedichts, das „den Übergang von Weiß zu Grau zu Schwarz“ als schöpferischen Prozess darstellt. Der Blick des Dichters erfasst zunächst eine Kunstschneehalle in Neuss, dann folgt ein Schnitt und ein Filmset am Rande Moskaus wird imaginiert, wo der legendäre Sergej Eisenstein die Szene einer Winterschlacht drehen will. Beyers Stoffe und Motive sind stets geschichtlich aufgeladen, genaue Bildbetrachtung verbindet sich mit historischer Recherche. Lyrische Mikro-Biografien, wie die erzählerisch strukturierten Gedichte zu Ezra Pound („Mein Blauhäher“) und Karl May („Sanskrit“), wechseln mit extrem dichten Verschaltungen epochaler historischer Augenblicke („An die Vermummten“). „Graphit“, das meint hier nicht nur das grauschwarze Mineral, sondern auch das Handwerkzeug des Schreibens, den Bleistift und die Grapheme der Schrift. „Ich muß hinunter in die Dialekte/ steigen“: Diese Verse markieren Beyers poetischen Imperativ. Sein lyrisches Subjekt steigt hinunter in die Dialekte, ein Spracharchäologe, der fremde Wörter, Begriffe und Namen abtastet, die dann mit ihren Klangwerten und ihren Morphologien zum Resonanzraum seines Schreibens werden. Als verlässlichen Begleiter erfindet der Dichter dabei einen „Sprachhund“, dessen „Appetit auf unbekannte Sprachen“ zur poetischen Antriebsenergie wird. Die Gedichte ziehen uns sofort mitten hinein ins Sprachgeschehen, sie rufen in gestischer Direktheit ihre Sprachstoffe auf, Momente der Zeitgeschichte werden manchmal fast beiläufig erzählerisch, dann wieder fragmentarisch in schroffer Fügung evoziert. Im ersten Teil von „Graphit“ durchqueren Beyers Ich-Stimmen das heimatliche Rheinland, mit emphatischen Reminiszenzen an seinen verstorbenen Dichterfreund Thomas Kling. Danach folgen Expeditionen in östliche Regionen: ins bulgarische Rustschuk, dem Geburtsort Elias Canettis; nach Tomis ans Schwarze Meer, dem Verbannungsort Ovids und zugleich Sehnsuchtsland des russischen Weltpoeten Ossip Mandelstam; und schließlich nach Sankt Petersburg und Moskau, zum grübelnden Präsidenten Putin, der dem Untergang des Atom-U-Bootes „Kursk“ nachsinnt. Im Langgedicht „Sanskrit“ verwandelt der poetische Stimmensucher Beyer zudem Karl May, das Sprachengenie aus dem sächsischen Radebeul, zu seinem poetischen Stellvertreter. Das Gedicht, das anlässlich einer Karl May-Oper entstand, die im Sommer dieses Jahres 2014 in Dresden uraufgeführt wurde, führt alle Passionen des Lyrikers Beyer zusammen – seine Sprachbesessenheit, seine Erkundung des menschlichen Artikulationsapparats und schließlich seine Fähigkeit, die Position des lyrischen Ich auf viele Stimmen zu verteilen: „Sprache – ist zwischen Radebeul / und Ernstthal, ist heute / nacht ein dunkles Tier mit / sanften Augen, ist Geheul.“ Das Gedicht, wie fast alle Texte des Bandes in vierzeilige Liedstrophen gefasst, hebt als große Klage über den Untergang einer Generation. Danach formuliert der lyrische Protagonist ein Selbstporträt, das sich wie ein poetisches Credo des Dichters Marcel Beyer liest: „Ich / bin ein Mann, der sich in / alle Zeit verzweigt, ein Mann / der tief in Schützengräben / blickt und nichts vergessen kann ...“ Der Autor habe in drei Jahrzehnten ein Werk geschaffen, das die Welt zugleich wundersam bekannt und irisierend neu erscheinen lasse, so formuliert das die Akademie-Jury. Beyer, der sehr reflektiert über seine Arbeit sprechen kann, hat mehrere Poetikdozenturen wahrgenommen, zuletzt im vergangenen Januar und Februar an der Universität Frankfurt am Main. Im April kuratierte der die Veranstaltungsreihe „Sprache und Wissen“ im Berliner Haus der Kulturen der Welt. Sein erster Roman „Das Menschenfleisch“, der von Liebe und Erotik und zugleich von der Sprache handelt, erschien 1991. Im selben Jahr legte er auch den Gedichtband „Walkmännin“ vor. Weitere Romane sind „Flughunde“ (1995), mit dem er einen größeren, auch internationalen Erfolg erzielte, sowie „Spione“ (2000) und „Kaltenburg“ (2008). Letzterer beschreibt Leben und Arbeiten eines Wissenschaftler und zugleich 70 Jahre deutscher Geschichte. Beyer veröffentlichte außerdem die Lyrikbände „Falsches Futter“ (1997) und „Erdkunde“ (2002). Erzählungen und Essays enthalten „Nonfiction“ (2003) und „Putins Briefkasten. Acht Recherchen“ (2012). Beyer hat vor dem Büchner-Preis schon mehrere Auszeichnungen erhalten, zuletzt 2014 den Kleist-Preis und den Oskar-Pastior-Preis.