Kaiserslautern Ein gewisses Gefühl

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Gefühle zu messen ist kompliziert, erst recht Gefühle gesellschaftlicher Gruppierungen. Wie erkennt man, was gerade in der Luft liegt, und das mit wissenschaftlichen Mitteln? Als unzulässige Hellseherei wurden solche Ansätze lange bezeichnet. Der Soziologe Heinz Bude, der zuletzt über „die Gesellschaft der Angst“ geschrieben hat, traut sich dennoch, den Deutschen den Puls zu messen: in seinem neuen Buch „Das Gefühl der Welt. Über die Macht von Stimmungen“.

Anlässe für eine solche Untersuchung gibt es reichlich, viele Sachverhalte werden ja inzwischen mit dem Zusatz „gefühlt“ versehen. Der Satz „Die Stimmung könnte kippen“ war im Zusammenhang mit den nach Europa drängenden Flüchtlingen häufig zu hören. Dass sie längst gekippt ist, zeigten zuletzt die Landtagswahlergebnisse in Deutschland und die Präsidentschaftswahl in Österreich ... Doch wie fasst man das, Stimmungen? Als „Realität eigener Art, die als Reflex auf Lebensumstände und Systembedingungen nur unzureichend begriffen werden“ bezeichnet sie Bude, Lehrstuhlinhaber am Institut für Makrosoziologie der Universität Kassel. Sie seien von grundlegender Bedeutung, da sie uns „ein Gefühl der Welt“ vermittelten, schreibt er, und dazu in der Lage seien, das Ich oder ganze Kollektive „zu allem oder zu nichts“ zu befähigen. Zwei Komplexe, hart gegeneinander verkantet, macht er derzeit aus: Auf der einen Seite eine Stimmung des „heimatlosen, empörten Antikapitalismus“. Gegen den neoliberalistischen „Kult des starken Ich“ gerichtet, „dem das soziale Miteinander, die Rücksicht auf die Schwachen und das Kollektiveigentum des Wohlfahrtsstaats geopfert wurde“. Und natürlich gegen „die Finananzialisierung der Welt“, durch die „die Konventionen des guten Lebens von einem Regime totaler Mobilmachung“ hinweggefegt wurden. Auf der anderen Seite dagegen „entspannte Systemfatalisten“: „Die haben die Idee eines vernünftigen Ganzen mit ehrbaren Kaufleuten, sozial verantwortlichen Unternehmen und starken Volksparteien längst aufgegeben“. Ihnen sei es wichtiger, „das Feld zu überblicken als die Welt zu verbessern“ – um so gegebenenfalls günstige Optionen für sich selbst erkennen zu können. Einig, so der in der Öffentlichkeit gern gefragte Experte, seien sich die so oder so Gestimmten höchstens in der Einschätzung, dass die nachfolgende Generation in eine Welt prekärer Berufsperspektiven, globaler politischer Instabilität und einer sich zuspitzenden ökologischen Krise hineinwachse. Und beiden Gruppierungen sei nicht mit Gegenargumenten beizukommen. Wie also dieser Lagerbildung begegnen, die unsere drängenden gesellschaftlichen Konflikte nicht löst, sondern verschärft, befeuert noch durch die „Blasen der Selbstähnlichkeit“ im Internet? Heinz Bude stellt in seinem fachübergreifenden, gegen Ende leider in etwas geschwollen seinsphilosophische Mutmaßungen ausfransenden Essay interessante Bezüge zur Vergangenheit her und untersucht gerade sich zart anbahnende Ausbruchsversuche aus den festgefahrenen Stimmungsmustern. Aus „Behauptungen der Öffnung“, konstatiert er, seien hie wie da in den vergangenen 30 Jahren „Doktrinen der Schließung“ geworden, die daraus inzwischen resultierende Stimmung sei Enttäuschung und Verbitterung. Dagegen hält er die „informierte Naivität“ und den „pragmatischen Idealismus“ der gebeutelten Jungen. Seinem eigenen Unterfangen stellt er, etwas eitel, aber nicht unberechtigt, einen Freifahrtschein aus. „Die Frage nach der Stimmung kann ein Weg sein, um deutlich zu machen, was uns entgleitet, was auf uns zukommt und was völlig im Unklaren liegt“. Wer wüsste das alles nicht gerne beantwortet? Lesezeichen Heinz Bude: Das Gefühl der Welt. Über die Macht von Stimmungen. Hanser Verlag München 2016. 141 Seiten, 18,90 Euro.

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