Kaiserslautern
„E schääner Doller“: Fastnachter Walter Rupprecht findet seine Höhepunkte im Alltag
Drei Auftritte an einem Abend sind für Rupprecht nichts, wovor er sich fürchten müsste. „Vier bis fünf“ an einem Freitag oder Samstag hat er ein ums andere Mal schon gestemmt. Wie viele Auftritte kommen da zusammen pro Session? „Letztes Jahr waren’s nicht ganz so viele; ich glaub’, es waren 67.“ Aha. Rupprecht zählt offenbar zur Gilde der Extrem-Narrhallesen. Die Fülle aber erklärt sich auch dadurch, dass der Ruheständler seit drei Jahren ein Amt mit allerhand repräsentativen Aufgaben ausfüllt.
Walter Rupprecht verkörpert eine der Galionsfiguren des Karnevalvereins Kaiserslautern (KVK). Beim ältesten Verein der Stadt ist ihm die Ehre angetragen worden, ins schillernde Gewand des Pfalzgrafen Johann Casimir zu schlüpfen. Die Rolle spielt er mit Wucht und Verve; die Leibesfülle prädestiniert ihn dazu, das Kostüm seines Vorgängers Udo Ringel ohne Faltenwurf zu tragen. Der nötige Humor war ihm schon in die Wiege gelegt, die Portion hat Rupprecht früh zu respektabler Größe aufgetürmt.
In Fahrt kommt er erst, wenn er solo auf den Brettern steht
„Viele sind ja grün vor Neid, weil ich immer schönste junge Frauen an meiner Seite habe“, witzelt er gern über den größten Bonus vom Casimir: Jener ist Angetrauter der jeweils amtierenden Prinzessin. Mithin hat Rupprecht stets Glanz an seiner Seite.
So recht in Fahrt aber kommt er erst, wenn er solo auf den Brettern steht. Im Laufe der Jahre hat er die Kunstfigur „E schääner Doller“ entwickelt. „Nicht schön, aber halt ganz schön verrückt“, plaudert Rupprecht im Schwarzen über Gott, die Welt, den FCK und weiteren Alltags-Wahnsinn. Mit Gespür für zündende Witze, kitzelt Rupprecht pointensicher Gelächter aus dem Publikum. Klar, da dürfen auch Zoten und Kalauer nicht fehlen, da rutschen auch mal Schal- und Flach-Geschosse ins Mikro, die dann als Rohrkrepierer aus den Boxen plumpsen. Dies zu meistern, ist die hohe Kunst. „Man kennt ja mit der Zeit sein Publikum, kann die Leute einschätzen und weiß, was man bringen kann.“
Aufgeschnapptes wird auf Notizblock-Fähnchen gesammelt
Pointen-Material sammelt Rupprecht das ganze Jahr über. Er betreibt eine respektable Zettelwirtschaft, notiert sich Gedanken und Ideen, Aufgeschnapptes auf Notizblock-Fähnchen und Bierdeckeln. Rechtzeitig wird dann sortiert, gesiebt, ein Kampagnen-Fundus angelegt. „Da ziehe ich dann für jeden Auftritt zehn bis 15 raus.“ So fallen denn auch die Bütten-Auftritte immer unterschiedlich aus.
Bütten-Premiere hat Rupprecht anno ’78 gefeiert, als die Fußballer des TuS Erdesbach im Kuseler Land – von dort hat es ihn vor gut 20 Jahren nach Kaiserslautern verschlagen – eine Kappensitzung auf die Bretter legten. Der Jung-Narr kam prima an, fand fortan alljährlich wieder auf die Bühne. Gastauftritte ließen nicht auf sich warten. Und im Jahr 2005 klingelte der KVK an. Der damalige Präsident Herbert Hager ließ Rupprecht am Telefon wissen, dass er unbedingt noch einen Redebeitrag brauche. Ja gut, und wann? „Übermorgen ...“
Auch in der Pandemie gibt’s noch Höhepunkte
Rupprecht, der damals eine Sabbat-Session eingelegt hatte, schusterte eine Rede zusammen. Seither zählt er zum Stamm der KVK-Aktiven, ist bei Gala-und Damen-Sitzung oder Pälzer Owend mit von der Partie, zudem bei Sitzungen in weitem Umkreis gefragt. Und jetzt? Totale Flaute.
Aber auch ein 61-Jähriger freut sich im von der Pandemie bestimmten Leben noch über Höhepunkte. „Meine habe ich bei Globus und Aldi, wenn ich zweimal die Woche einkaufen gehen kann“, sagt Rupprecht lachend. Der vergangene Samstag war an Höhepunkten geradezu reich. Nach dem Einkauf hat Rupprecht als „schääner Doller“ einen Videobeitrag aufgezeichnet – eine der Folgen, mit der der KVK seine Online-Fastnacht bestückt. Die Auftritte aber vermisst er doch arg. Das Virus als Spaßbremser nervt gewaltig. Auch einen, der im kommenden Jahr – so Covid will – so gern sein 44. Jahr auf der Narrenbühne feiern würde.