Kaiserslautern Dirigent Teodor Currentzis gastiert in Mannheim

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War das nun der absolute Saison-Höhepunkt der Mannheimer Pro-Arte-Konzerte? Oder haben die Kritiker des griechisch-russischen Dirigenten Recht, die ihm vor allem die exzentrische Pose unterstellen? Mit dem von ihm gegründeten Ensemble „MusicAeterna“ und der Geigerin Patricia Kopatchinskaja gastierte Teodor Currentzis am Donnerstagabend im Mannheimer Rosengarten. Ein erstes Fazit: Es ist ein schmaler Grat zwischen Genie und Wahnsinn, auf dem sich Currentzis bewegt. Gelegentliche Ausrutscher inklusive.

Das Klassik-Geschäft ist geprägt von Uniformität. Im Publikum wie auf der Bühne herrscht noch immer ein Dresscode, der irgendwo zwischen Anzug, Frack, Abendkleid und mehr oder weniger kleinem Schwarzen variiert. Dirigenten sehen aus, wie Dirigenten eben aussehen, sind mal mehr, mal weniger extrovertierte Pultstars. Solisten schmücken sich vielleicht mal mit einem Hauch vergeistigter Genialität, ansonsten tun sie aber das, was Solisten schon immer getan haben: Sie präsentieren in einem ziemlich starrem Korsett klassische Musik. Ach, was hat’s die Pop- und Rock-Musik doch so gut! Je schriller, je größer die Abweichung von der Norm, desto besser. Kein Wunder, dass sich auch die Klassikbranche nach Abwechslung sehnt. Immer mal wieder werden da Exzentriker nach oben gespült – von dem Geiger Nigel Kennedy bis zum Pianisten Ivo Pogorelich – die den leicht eingerosteten Betrieb kräftig aufmischen. Aktuell fällt diese Rolle vor allem dem 1972 geborenen Teodor Currentzis zu. Der wirkt im fernen Sibirien, ist zwar Grieche, hat aber mittlerweile auch einen russischen Pass, und hat die Klassikgemeinde vor allem mit zunächst großartigen, dann leicht fragwürdigen Mozart-Einspielungen elektrisiert. Aktuell tourt er durch Deutschland und Europa, im Sommer wird er zusammen mit seinem „MusicAeterna“-Ensemble Mozarts „La Clemenza di Tito“ bei den Salzburger Festspielen herausbringen. Mozart ist das Stichwort auch in Mannheim. Die so genannte kleine g-Moll-Sinfonie (KV 183). Das Orchester: steht (bis auf die Cellisten). Der Dirigent: dirigiert (eigentlich) nicht. Formt vielmehr Bewegungen, animiert einen unter Höchstspannung agierenden Klangkörper, der phasenweise so spielt, als gäbe es kein Morgen. Gefangene werden nicht gemacht, wer bei den irrwitzigen Tempi der beiden Ecksätze nicht mehr mitkommt, muss sehen, wo er bleibt. Historische Blech- und Holzblasinstrumente tragen ebenso dazu bei, dass man einen vermeintlich authentischen Mozart hört. Die Nagelprobe ist der langsame Satz. Gute Dirigenten erkennt man daran, wie sie Mozart dirigieren. Sehr gute daran, wie sie mit dessen langsamen Sätzen umgehen. Das Dämonische, Gehetzte, Getriebene, Unheimliche, das dieser Sinfonie eingeschrieben ist, vermitteln Currentzis und seine Musiker mit unwiderstehlicher Leidenschaft. Das braust (wie dann später auch die zugegebene „Figaro“-Ouvertüre) über einen hinweg wie eine Naturgewalt, wie der sprichwörtliche Orkan. Aber gerade der zweite Satz wirkt merkwürdig gespreizt, manieriert. Wie ein Rokoko-Klischee. Klingt jedenfalls mehr nach Currentzis denn nach Mozart. Das wird dann auch nicht wirklich besser. Patricia Kopatchinskaja ist eine grandiose Geigerin. Aber eben auch eine sehr eigenwillige. Und das liegt nicht an ihrer Gewohnheit, nur ohne Schuhe zu spielen. Zwei Sätze geht im D-Dur-Violinkonzert (KV 218) im Grunde alles gut, auch wenn beispielsweise die Kadenz im ersten Satz schon sehr gewöhnungsbedürftig ist. Doch die Verfremdungen nehmen im Schlusssatz überhand. Die Irritationen werden größer. Bis man im Grunde nur noch eine Mozart-Karikatur wahrnimmt. Nach der Pause dann Beethovens dritte Sinfonie. „Eroica“ – mit einer Tempobezeichnung im ersten Satz, die da lautet: „Allegro con brio“. Ein gefundenes Fressen für Geschwindigkeitsfanatiker Currentzis. Doch er sieht das ja völlig richtig: In Beethovens Musik ist wie in einer angespannten Feder so viel Energie eingeschlossen, man muss die nur freisetzen, um zu einer überwältigenden Wirkung zu gelangen. Das gelingt nachgerade aufrüttelnd im Finale. Davor aber auch ein sehr aufwühlender langsamer zweiter Satz. Ein Trauermarsch, den Currentzis wie einen Weltabschied, mehr noch, wie eine Weltauflösung gestaltet. Die musikalische Form fällt auseinander. Alles Widerstehen ist vergeblich. Man muss das nicht so dirigieren. Man braucht nicht unbedingt diese Exzentrik, um Beethovens großartige Musik wirkungsvoll zum Klingen zu bringen. Aber man muss nur mal den eigenen Puls nach dem Schlussakkord überprüfen, um festzustellen, dass Currentzis’ Dirigat direkt ins Herz schießen kann.

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