Kaiserslautern Dirigent Michael Schønwandt erklärt, wie er Musik vermittelt
Was werden Sie am 6. März in Kaiserslautern für uns spielen?
Da spielen wir Werke von drei Komponisten. Den Anfang macht eine französische Komponistin, Mel Bonis. Von ihr spielen wir drei Frauenlegenden – Cléopatre, Ophélie und Salomé. Das sind drei Klavierstücke, die sie später orchestriert hat. Als zweiten Programmpunkt haben wir das letzte Klavierkonzert von Wolfgang Amadeus Mozart, Nr. 27, mit dem hervorragenden englischen Pianisten Paul Lewis. Nach der Pause spielen wir von meinem berühmten Landsmann Carl Nielsen die zweite Sinfonie mit dem Titel „Die vier Temperamente“.
Warum haben Sie sich für diese Werke entschieden? Was interessiert Sie daran?
Der Wunsch des Orchesters war, dass ich eine Sinfonie von Carl Nielsen spielen sollte. Das mache ich sehr gerne. Die Sinfonie Nr. 2 ist ein viersätziges Werk aus dem Jahr 1902, traditionell in der Form, aber in seiner Art ganz unterschiedlich, da der Ausgangspunkt die vier Temperamente sind. Nielsen charakterisiert aber auch die dritte Dimension eines Menschen. Der Choleriker kann auch sehr liebevoll sein, ein Phlegmatiker kann sehr humoristisch sein und so weiter. Das zeigt Nielsen in dieser Sinfonie, die sehr zugänglich ist, sehr interessant und sehr human. Und Nielsens großes Vorbild war Mozart. Er kam immer wieder auf die Musik Mozarts zurück. Und zu Mel Bonis: Im Moment gibt es ein großes Interesse an der Musik von Frauen. Diese Musik ist aus der Jahrhundertwende und die Stücke charakterisieren drei große Frauengestalten. Die Stücke stehen in der großen romantischen französischen Tradition. Die Komponistin nannte sich „Mel“, nicht „Mélanie“, das wäre für ihre Karriere schädlich, meinte sie, deshalb wählte sie den Namen ohne Geschlecht. Das habe ich der Deutschen Radiophilharmonie vorgeschlagen, um diese Musik zu verbreiten. Sie ist typisch für die französische Spätromantik, im Übergang zwischen César Franck und Claude Debussy.
Das Klavierkonzert ist das letzte von Mozart, der Gipfel seiner Klavierkunst, unglaublich intim, unglaublich raffiniert, eine der größten Perlen. Sie sehen die Verbindung von Mozart zu Nielsen, da dieser ein großer Verehrer von Mozart war, auch die Stücke von Bonis kommen aus ihrem Klavierwerk. Das ist der rote Faden durch das Programm.
Die Komponistin Mélanie Bonis ist – zumindest in Deutschland – wenig bekannt.
Das ist das Schicksal mancher Komponistinnen. Fragen Sie mich nicht, warum die Leute, die die Programme gestalten, an ihren Werken vorbeigegangen sind. Ihre Kompositionen bereichern das Repertoire. Wir spielen diese Musik nicht, weil es Musik von Frauen ist, sondern weil es gute und wichtige Musik ist. Das ist für mich richtige Gleichberechtigung. Jetzt geht es um die Qualität von Musik, nicht um das Geschlecht.
Sie dirigieren Opern, aber auch Konzerte. Wo sehen Sie Ihren künstlerischen Schwerpunkt?
Eigentlich bin ich immer zwischen beiden Welten gependelt. Ich hab’ versucht, 50 Prozent Oper zu machen und 50 Prozent Sinfonie. Ich habe das Glück gehabt, dass ich in sehr guten und großen Häusern und Orchestern arbeiten und sie leiten durfte. Als ich 70 wurde, hab’ ich gedacht: Damit hör’ ich auf und konzentriere mich zu 100 Prozent auf die Musik. Aber ich verbinde mich auch sehr stark mit den Menschen, mit denen ich arbeite. Das ist die Basis der lebendigen Musik – die enge Verbindung zwischen Dirigent und Orchester – und dem Publikum.
Seit Herbst 2025 sind Sie erster Gastdirigent der Deutschen Radiophilharmonie. Wie ist Ihr Kontakt zu dem Orchester zustande gekommen?
Maria Grätzel, die Managerin des Orchesters, kennt mich aus Wien. Sie hat mich eingeladen. Als sie nach Saarbrücken kam, hat sie mich gefragt, ob ich kommen möchte. Und seit Tag eins haben wir, das Orchester und ich, uns glänzend verstanden. Ich bin wählerisch, mit welchen Orchestern ich arbeite. Wir verstehen uns sehr gut und das ist für mich sehr viel wichtiger als die großen Städte. Jetzt geht es um die Musik, um die Vermittlung und um die Bedeutung der wortlosen Kommunikation zwischen Menschen durch Klang. Da spielt das Orchester in Saarbrücken und Kaiserslautern eine große Rolle.
Inwiefern?
Die Musiker sind sehr nah an ihrem Publikum, lokal wie national. Da mitzumachen ist für mich unglaublich wichtig. Die Deutsche Radiophilharmonie ist für die Gesellschaft im Saarland und in Rheinland-Pfalz so wichtig. Bei einem der Konzerte saßen Schüler mitten im Orchester und um das Orchester herum. Diese physische und mentale Nähe war für die Jugendlichen fantastisch, aber auch für uns. Um diesen menschlichen Kontakt geht es in der Kunst, darum kämpfe ich täglich, weil Menschen zusammen sind, das ist eine „Kommunion“, ein Miteinandergehen.
Haben Sie einen Lieblingskomponisten oder ein Lieblingswerk?
Nein, ich würde nicht sagen, dass ein Komponist oder ein Werk für mich das größte ist. Der Horizont ist breit: Klassik, Romantik, Musik des 20. Jahrhunderts – ich hab„ viele Uraufführungen gemacht. Ich mag die Breite. Natürlich gibt es Stücke, auf die ich immer wieder zurückkomme. Der „Falstaff“ von Verdi, das ist fast wie eine Bibel. Das kommt mir entgegen, die ganze Lebenseinstellung. Leben und leben lassen – nimm’ das Leben nicht zu ernst. Wenn man lachen kann, lebt man noch.
Wie haben Sie zur Musik gefunden?
Mein Vater war ein musikalischer Mensch, er hat Jazz gespielt, aber auch viel Klassik gehört. Seine Mutter war Künstlerin, sie hat Klavier gespielt, gemalt und Gedichte geschrieben. Mit vier hab’ ich angefangen, Klavier zu spielen. Und mit drei oder vier hab’ ich Bewegungen gemacht, ich hab’ wohl einen Dirigenten im Fernsehen gesehen. Ich dachte, der Dirigent zeigt die Tonhöhe. Seit meinem siebten Lebensjahr bin ich jede Woche mehrmals in die Oper oder ins Konzert gegangen, und immer war ich vom Dirigenten fasziniert. In der Schule hab’ ich das Schulorchester dirigiert, aber erst mit 18 hab’ ich dann gedacht: Das musst du ernsthaft machen. Dann hab’ ich angefangen, Dirigieren zu studieren. Und nächstes Jahr hab’ ich mein 50-jähriges Jubiläum als Dirigent. In mir bin ich immer noch der begeisterte Knabe, der für Musik brennt. Ich bin immer noch hungrig, ich möchte neue Farben finden, neue Musik – oder die Musik, die ich kenne, anders machen.
Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?
Ich bin mit manchen Orchestern regelmäßig sehr verbunden, zum Beispiel in Saarbrücken, Brüssel, an der Pariser Oper, in Montpellier; ich gebe auch Konzerte in Japan. Ich werde aber nur das machen, was ich wirklich machen möchte – wunderbare Konzerte und inspirierende Begegnungen. Das war immer so in meinem Leben und das bleibt so. Und die Begegnung mit dem Publikum war immer wunderbar für mich. Wenn die Welt sich verändert, verändert sich auch die Begegnung. Und deshalb ist die Musik so zentral in unserem Leben. In Montpellier habe ich Konzerte für Obdachlose gegeben, das waren fantastische Begegnungen. Da ist auch eine Bereicherung für uns.
Konzert
Kaiserslautern, Fruchthalle, 6. März, 19.30 Uhr: Sinfoniekonzert „Legendäre Frauen“, Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern, Dirigent: Michael Schønwandt, Klaviersolist: Paul Lewis
Zur Person
Michael Schønwandt, 1953 in Kopenhagen, geboren, war 2000-2011 Musikdirektor des Royal Orchestra und der Royal Opera in Kopenhagen, Chefdirigent des Netherlands Radio Chamber Philharmonic Orchestra und des Berliner Sinfonie-Orchesters (jetzt Konzerthausorchester), der Nederlands Radio Kamer Filharmonie, außerdem Erster Gastdirigent des Staatstheaters Stuttgart, des La Monnaie, der Danish National Radio Symphony und der Royal Flanders Philharmonic. 2015-2023 war er Chefdirigent des Opéra Orchestre National de Montpellier, seit 2022 ist er stellvertretender Dirigent des Belgischen Nationalorchesters und seit September 2025 Erster Gastdirigent der Deutschen Radio Philharmonie. Michael Schønwandt hat ein umfangreiches Opernrepertoire an den führenden Opernhäusern der Welt dirigiert und gilt als einer der führenden Vertreter der Musik von Carl Nielsen.