Kaiserslautern Die Uncoolen
Ehrliche, handgemachte Rockmusik aus Köln: Die ehemaligen Straßenmusiker AnnenMayKantereit, die sich durch Liveauftritte nach oben spielten, könnten die Nachfolger von Bap werden. Jetzt ist das erste Album bei einem Major-Label erschienen: „Alles nix Konkretes“ versammelt teils schon auf der EP „Wird schon irgendwie gehen“ Erhältliches und bereits live erprobtes Neues, stets geprägt von Henning Mays Reibeisenstimme.
AnnenMayKantereit sind eigentlich viel zu uncool, unspektakulär und besonnen, um Massen junger Fans zu begeistern. Und tun es doch. Ohne „Sex’n’ Drugs“, ohne aufwändige Show und Verpackung, sondern ganz auf die Musik konzentriert. Die erfindet zwar nichts neu, wirkt aber doch so mitreißend frisch und sehnsuchtsvoll, dass sie so ziemlich jedes Publikum umhaut. Das Quartett will einfach nur spielen. Ohne großen Überbau. Darum auch der schlichte Bandname, der an Jazzcombos erinnert und die Nachnamen des 2011 gegründeten Urspungstrios aneinanderreiht: Christoph Annen (Gitarre, Mundharmonika), Hennig May (Gesang, Klavier) und Severin Kantereit (Schlagzeug, Cajón). 2014 stieß Bassist Malte Huck hinzu. Die Kölner machen Lagerfeuerrock mit wehmütigem Unterton, garniert mit Folk und Blues. Im Zentrum aber: diese Stimme, die nach viel Rauchwaren und Alkohol klingt und so gar nicht zu dem adretten jungen Mann passt, aus dessen Kehle sie kommt. Henning May ist jetzt 24, singt aber schon seit Jahren über verflossene Lieben, als wäre er doppelt so alt. Weshalb die Musik nicht nur bei ganz Jungen ankommt, auch wenn das Stück „21, 22, 23“ doch ganz klar die Gedankenwelt sorgloser Mal-Schauen-Studenten vertont: Was willst du nur werden?, fragt das lyrische Ich ein Gegenüber. Egal, „Hauptsache nicht Mitte 30“. Etwas Schalk sitzt den Musikern also doch im Nacken. Sonst geben sie sich eher brav. So ist „Oft gefragt“ vermutlich die erste Dankeshymne an väterliche Fürsorge im Indie-Pop. Henning May hat das Stück seinem Vater gewidmet, der ihn allein großgezogenen hat. „Du hast mich abgeholt und hingebracht/ Bist mitten in der Nacht wegen mir aufgewacht“, singt er. Und im Finale: „Hab keine Heimat, ich hab nur dich/ Du bist zu Hause für immer und mich.“ Welches Vaterherz rührt das nicht an? Doch lieben gerade Pubertierende die stets ironiefreie Band. Auflehnung gegen die Eltern ist heute offenbar kein Thema mehr. Schon der Nachwuchs, zumindest als AnnenMayKantereit-Fan, ist gewissenhaft und versteht sich gut mit Mama und Papa. Schließlich sind die Zeiten unsicher genug, da muss niemand rebellieren, sondern hofft, doch irgendwo seinen Platz zu finden. AnnenMayKantereit vermitteln ein Gefühl der Heimeligkeit und Konstanz. In ihrer Musik weiß sich der Hörer gut aufgehoben und behütet. Und ja, Spaß macht das Mitsingen doch auch. Zum Beispiel bei kraftvollen Mitwipp-Hits wie „Wohin du gehst“. Und so manches Mädchen dürfte bei Balladen wie „Barfuß am Klavier“ dahinschmelzen. „Du und ich, wir waren wunderlich“, heißt es da über eine zerbrochene Beziehung. Niedlich aber ist die Band nicht. Henning May klingt oft durchaus vorwurfsvoll, selbst bei Beteuerungen wie „Es tut mir leid“ in „Pocahontas“, der neuen Single. Zwei Millionen mal ist das Video dazu schon angeklickt worden, obwohl es bloß live in der Band-WG gefilmt ist und sich Gast-Trompeter „Ferdy“ auch mal verspielt. Perfektion aber ist der Band nicht wichtig – das Gefühl muss stimmen. Das wäre dann doch der Anknüpfungspunkt zur Punk- und Independentszene. Wobei die Grundhaltung von AnnenMayKantereit eine optimistische ist. Es geht ums Aufbauen, um die Freude am gemeinsamen Musizieren vor allem. Die Texte sind einfach, metaphernfrei, wirken dank der Inbrunst des Vortrags aber bisweilen wie tiefe Wahrheiten: eine seltene Kunst. Die Band ist sich ihrer Verantwortung gegenüber den jungen Hörern bewusst. Und ahnt auch, dass Musikfans, die eher dem wilden „Anti“ frönen, sich wundern über die Begeisterung, die den so bodenständigen Barden entgegenschlägt. So nennt Henning May auch eher Otis Redding als Vorbild statt den ihm meist zugeschriebenen Rio Reiser. Vor allem aber will er das eigene Erleben verarbeiten. „Wir bemühen uns, ehrlich zu sein und uns nicht zu verstellen“, betont er in Interviews. Die Band will auch übliche Marketingwege vermeiden. Sie gibt ihre Musik nicht für Werbung her, möchte nicht von Modemarken vereinnahmt werden, lehnt Konsumgüter wie Brause einer großen Marke oder Schnellrestaurant-Kost ab. Die Hemden, Beutel und Pullis mit dem Bandlogo werden aus Ökobaumwolle hergestellt. Holz und Wald prägen die Bildmotive. Man fährt viel Fahrrad. Passend dazu bleibt die Gitarre oft akustisch, auch die Ukulele gehört weiter zum Instrumentarium. „Ich glaube, wir sind ein Gegenentwurf zu vielem, was momentan in der Musikbranche erfolgreich ist“, sagt May. So hat die ohne Parolen und Pathos auskommende moderne Ökoband die Unterschrift beim Major Universal lang überdacht. Und einen Jugendfreund als Manager behalten. Schließlich sind die Musiker schon alte Hasen, haben sich seit dem Abi nach oben gespielt. Mit spontanen Konzerten in der Kölner Innenstadt fing vor fünf Jahren alles an, man organisierte sich erste Clubauftritte, wurde auf kleinere Festivals geladen, legte ein eigenes Album, das mittlerweile lang vergriffene „AMK“, auf. Der endgültige Durchbruch folgte 2014: Ein Song der Band lief bei einem kleinen Radiosender, den die Beatsteaks gerade hörten. Die begeisterten Berliner Punkrocker holten AnnenMayKantereit darauf als Vorgruppe mit auf Tour, beinahe spielten die Kölner sie an die Wand, auch beim Stopp in der Kaiserslauterer Kammgarn. Musik und Botschaft kommen an: AnnenMayKantereit stehen dafür, mit wachem Blick durchs Leben zu gehen, sich nichts aufdrängen zu lassen, Dinge zu hinterfragen. Eine durchaus politische Haltung, ganz ohne Zeigefinger. ALbum und Live-Konzerte —AnnenMayKantereit: „Alles nix Konkretes“, Vertigo/Universal. Die Tournee im April, die auch in Saarbrücken Station macht, ist bereits ausverkauft.