Kaiserslautern Die schicken Mieder des Barons von Hüpsch

Das erste Mal könnte auch das letzte sein: Die über 400 Jahre alten „Darmstädter Wämser“ sind so fragil, dass sie bei Erschütterungen zu zerfallen drohen. In jahrelanger Kleinarbeit wurde die Kleidersammlung in der Schweiz konserviert. Jetzt zeigen die Darmstädter den runderneuerten textilen Schatz erstmals komplett.
Es gibt Bilder, an denen laufen die meisten Museumsbesucher einfach vorbei. Streng blickende Herren in komischen Leibchen, Damen im einer Zwangsjacke gleich enden Kostüm, die Maler meist aus der zweiten Reihe. Selten ein Gesicht darunter, das einen für sich einnimmt: Sich selbst im repräsentativen Gewand darstellende Oberschicht eben. Nur interessant, wenn van Dyck oder Rubens daruntersteht. Interessiert das wen? Im Fall der Darmstädter Schau schon. Als kostümhistorische Quellen sind die (in als Referenzmaterial mit ausgestellten) Porträts und grafischen Darstellungen unverzichtbar. Schon beginnt der Besucher zu fantasieren. Wie kommt so einer in diese Kleider rein? Wer zieht an, schnürt, nestelt, plättet? Was kostet die aufwendige Stickerei? Was die Borten, was die Spitzen, der fein gefältelte Kragen? Kann man das waschen? Und, pardon: Wie riecht ein Träger eines solchen Kleidungsstücks? Bilder riechen nicht. Museen geben nicht immer Auskunft. Das Landesmuseum Darmstadt versucht es trotzdem, konzentriert sich auf die Erklärung der Kleidungsstücke – und vernachlässigt weitgehend, was mindestens genau so wichtig wäre: politische, soziale und gesellschaftliche Hintergründe, Rang und Identität der Dargestellten und was es mit dem Schneiderhandwerk im 17. Jahrhundert auf sich hat. „Chic! Mode im 17. Jahrhundert“ ist der Titel der im dunklen Raum versenkten Schau. Der Kommentar „Chic!“ ist eine Erfindung der Kuratoren, die Mode im eigentlichen Sinn aber begann just um 1600, mit all den beschleunigten Abläufen, die den Wechsel des gerade Angesagten bis heute prägen. Einzigartig sind die Darmstädter Oberteile, weil sie aus altem Kölner Familienbesitz stammen und als Exemplare (groß)bürgerlicher Kleidung zu den Rarissima zählen. Röcke, Hosen und Obergewänder waren nicht dabei. Diese stoffreichen und sehr kostbaren Teile wurden traditionell vererbt, umgearbeitet oder wiederverwendet, so auch die oft sündhaft teuren Spitzengarnituren. Seide war der Stoff des Bürgertums, Samt der Aristokratie vorbehalten. Der einzigartige Darmstädter Bestand an Gewandteilen aus dem 17. Jahrhundert stammt aus der Sammlung des ebenso leidenschaftlich wie enzyklopädisch ausufernd sammelnden Kölner Barons von Hüpsch. Mit seinem Vermächtnis fielen die 18 Mieder, Wämser und kurzen Herrenröcke 1805 an den späteren Großherzog Ludwig nach Darmstadt, wurden im neuen Museum ausgestellt – und fast vergessen. Zwischen 1997 und 2007 hat die Schweizer Abegg-Stiftung den fragilen Schatz erforscht, restauriert, konserviert sowie in Band 15 der „Riggisberger Berichte“ mustergültig veröffentlicht. Und das Ganze auch noch bezahlt. Jetzt sind die runderneuerten „Darmstädter Wämser“ erstmals komplett im Landesmuseum ausgestellt. Mode, die frühneuzeitliche nicht ausgenommen, ist immer auch die Geschichte ihrer Auswüchse. Siebzehn Meter feinstes Leinen für einen Kragen waren keine Seltenheit. „Robe“ (ein raffiniert zugeschnittenes, mantelartig fallendes Oberkleid), latzartig den Unterkörper überlappende Schneppe und überproportional voluminös aufgeplusterte Unterrockhose (sogenannte „Rhingrave“, nach einem am Hofe Ludwigs XIV. herumlungernden Pfalzgrafen Salm) nahmen zeitweise epidemische Züge an. Ebenso exzessiver Schleifenbesatz und über und über geschlitzte Wämser. Wer in Kölns Oberschicht auf sich hielt, kleidete sich nach der neuesten Mode. Dabei ging manches durcheinander, der spanisch-höfische und der niederländisch-französische Stil dominierten anfangs gleichzeitig und oft nebeneinander. Regionale Unterschiede und Abstufungen sind zu beachten. Von älteren Herrschaften ist bekannt, dass sie aus bürgerlichem Selbstverständnis und Distinktionsgründen an älteren Kleiderordnungen festhielten. Konfessionelle Überlegungen spielten in Köln keine Rolle. Die katholische Elite hatte keine Probleme, sich modisch an den protestantischen nördlichen Niederlanden zu orientieren; man war wirtschaftlich eng miteinander verbunden und lag, was Standesbewusstsein und -dünkel betraf, auf gleicher Wellenlänge. Um 1630 hatte Frankreich gesiegt, und das für die nächsten 300 Jahre. „Chic“ wird wahrscheinlich die letzte Komplettpräsentation der Darmstädter Kostüme sein. Ausgeliehen werden können sie nicht mehr. Sie vertragen kein Licht, ihr Zustand ist auch nach der Restaurierung heikel. Vor allem die schwarzen Gewänder sind in Gefahr, bei der geringsten Erschütterung beginnen sie zu stäuben. Die bei der Färbung verwendeten Eisenspäne und Tannine bilden Säuren, die die Faser zerstören. Schon ein Wunder, was die Expertinnen des zur internationalen Spitze gehörenden textilwissenschaftlichen Instituts der Abegg-Stiftung in Riggisberg nahe Bern in jahrelanger Fusselarbeit erreicht haben. Fast frisch sehen die „Darmstädter Wämser“ aus. Begleitet werden sie von luxuriösen Schildpattkämmen, Schuhen, Kinderhäubchen, Drahtgestellen für Krägen und Krausen sowie reichlich Schrifttafeln an der Wand. Die Ausstellung —„Chic!“ Hessisches Landesmuseum Darmstadt, bis 16. Oktober. Geöffnet dienstags, donnerstags, freitags 10 bis 18 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr, samstags, sonntags und an Feiertagen 11 bis 17 Uhr. —Katalog 24,95 Euro. —www.hlmd.de.