Kaiserslautern Die passenden Worte

„Willst du Pedro heiraten?“, fragt Gerlind Hartwig. Wilke schaut ihren Zukünftigen an, mit Freudentränen in den Augen: „Ja, ich will.“ „Dann dürft ihr jetzt die Ringe tauschen“, sagt Gerlind Hartwig. Sie ist weder Standesbeamtin noch Pfarrerin – sondern Traurednerin. Es wenden sich Paare an sie, die sich eine feierliche Hochzeitszeremonie wünschen, ohne kirchlich heiraten zu wollen. „In der Rede, die ich dann halte, geht es um die individuelle Geschichte des Paars“, sagt Gerlind Hartwig. „Die Rede soll berühren, aber auch eine gewisse Leichtigkeit enthalten.“ Die Möglichkeit, mit einem Trauredner eine Hochzeitszeremonie an einem freigewählten Ort zu veranstalten, sei vor ein paar Jahren noch nicht besonders bekannt gewesen, berichtet die 43-jährige Kaiserslautererin. Inzwischen gebe es aber immer mehr Menschen, die als freie Trauredner arbeiteten – und auch mehr Paare, die sich eine solche Feier wünschen. Sie hat beispielsweise schon Trauzeremonien im Weinberg, neben einem Teich und in der Weidenkirche auf dem Gartenschau-Gelände mitgestaltet. Vor der Trauung trifft sich Gerlind Hartwig mehrmals mit den Paaren und lässt sie einen Fragebogen ausfüllen. Sie erfährt dann die Kennenlerngeschichte, fragt nach Familie und Freunden, nach den Eigenschaften, die sie aneinander schätzen und stets auch nach einem lustigen Ereignis. Aus diesen Details entwickelt sie dann die Rede, die sie vor der Hochzeit mehrere Male übt. Bei der Zeremonie von Wilke und Pedro im Garten des Hotels Klostermühle in Münchweiler hat Gerlind Hartwig nach dem offiziellen Ja-Wort gefragt: „Willst du Pedro auch in Zukunft Fußball spielen lassen?“ Auch dazu hat Wilke „Ja“ gesagt – lachend. So etwas lockere die Stimmung nach den häufig fließenden Freudentränen auf und bringe eben die gewisse Leichtigkeit, auf die Gerlind Hartwig Wert legt. Nach dem Ja-Wort hat sie mit dem Paar und den Gästen ein Sand-Ritual durchgeführt. „Die Gäste geben als Zeichen, dass sie bei der Trauung dabei waren, jeweils eine kleine Menge Sand in das Glas der Braut oder des Bräutigams. Anschließend schüttet das Paar gemeinsam den unterschiedlich farbigen Sand in ein vasenartiges Glas.“ Wilke und Pedro haben das Glas als Zeichen für ihr sich neu formendes gemeinsames Leben in ihre Wohnung gestellt. Besonders spannend findet Gerlind Hartwig, wenn das Paar ihr seine Geschichte erzählt. Hartwig erfährt bei ihrer Arbeit oft die Geschichte des Paares. „Das ist eines der Dinge, die mich an dem Beruf reizen. Außerdem ist es schön, die Liebe zwischen zwei Menschen zu sehen und den besonderen Tag der Hochzeit mit den richtigen Worten zu unterstützen“, sagt sie. Die Rede dauert meistens um die 45 Minuten und kostet 650 Euro aufwärts. In der Traurede von Wilke und Pedro hat Hartwig über „magische Schuhe“ gesprochen. „Die beiden haben sich in der Kneipe Pflaumenbaum kennengelernt“, erzählt Hartwig. Wilke wollte gerade gehen, weil ihr die Füße wehtaten. Deswegen hat Pedro ihr, kurz nachdem er sie angesprochen hat, erstmal einen Stuhl geholt. „In der Rede habe ich dann erzählt, wie die magischen Schuhe Wilke ein charmantes Lächeln ins Gesicht gezaubert haben, aber gleichzeitig so stark gedrückt haben, dass Pedro sich um sie kümmern musste“, erzählt Gerlind Hartwig. Seit zwei Jahren arbeitet die Kommunikationstrainerin als freie Traurednerin. Entstanden ist die Idee durch Zufall. „Der Bruder meiner ehemaligen Kollegin hat keinen Trauredner gefunden und dann meinte ich im Scherz, dass ich das ja machen könnte.“ Aus dem Scherz wurde wenige Wochen später Wirklichkeit. Nachdem sie ihre erste Traurede gehalten hatte, hat sie gemerkt, dass ihr diese Tätigkeit gefällt. „Es war wunderschön, die Hochzeit als Rednerin mitzuerleben. Mich hat das sehr berührt.“ Nach der Rede seien mehrere Verwandte des Paars auf sie zugekommen und hätten die schöne Atmosphäre gelobt. Danach hat sie über Empfehlungen weitere Aufträge als Traurednerin bekommen. Im Sommer dieses Jahres hat Gerlind Hartwig schließlich eine Webseite konzipiert, Flyer drucken lassen und war auf Hochzeitsmessen mit einem eigenen Stand vertreten. „Wenn Paare zu mir kommen, ist es mir wichtig, Vertrautheit und Offenheit aufzubauen. Deswegen erzähle ich dann auch öfter mal etwas von meiner eigenen Ehe“, sagt die dreifache Mutter. Oft seien die Trauzeremonien, die sie abhalte, auch eine Art Anschubser für sie selbst. „Ich merke dann wieder, wie wichtig es ist, dass mein Mann und ich einander Wertschätzung zeigen und dass man gewisse Sachen nicht als selbstverständlich hinnehmen sollte“, erzählt Hartwig. Sie hat selbst vor 15 Jahren auf dem Standesamt geheiratet. „Die Trauung war wenig spektakulär und nach 20 Minuten vorbei“, erzählt sie. Nun möchte sie, dass es bei den Trauzeremonien, die sie abhält, feierlicher und gefühlsbetonter zugeht. Häufig sagen ihr die Paare auch, was in der Rede besonders hervorgehoben werden soll. „Pedro wollte, dass ich seiner Schwester für die tolle Unterstützung danke und sage, dass sie die besten Pfannkuchen macht.“ Oft hört die 43-Jährige auch nach der Trauung noch von den Paaren. „Ich bekomme E-Mails mit Hochzeitfotos oder von den Flitterwochen. Das ist dann auch für mich eine schöne Erinnerung“, sagt sie und freut sich schon auf die nächste Trauzeremonie, bei der ein Paar einen Weinstock pflanzen will.