Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Die Kunst: für immer jung

„Erinnerungen“ heißt diese zweiteilige Arbeit von Erika Klos.
»Erinnerungen« heißt diese zweiteilige Arbeit von Erika Klos.

Die Ausstellung zum 25-jährigen Bestehen der Kaiserslauterer Künstler-Werkgemeinschaft (KWG) endet am Freitag.

Am kommenden Freitag endet die Schau mit einer Finissage im Foyer der Fruchthalle. Wie so oft so geht auch hier nichts zu Ende ohne Neuanfang. Steht gerade der letzte Blick in die Ausstellung mit dem Untertitel „Tardigarda“ (auch Bärtierchen genannt) an, so geht es zeitgleich geradewegs ins zweite Vierteljahrhundert der KWG.

Im Foyer der Lauterer Fruchthalle - einem innenarchitektonisch eher beengten Raum mit befreiend hohen Wänden - stellen sich über 20 Teilnehmer vor, Musik und Literatur inbegriffen. Und kein Gerangel. Des Rätsels Lösung: die locker verteilte Präsentation mit jeweils einer, höchstens zwei Arbeiten pro Name. Ein Kraftakt des Entscheidens!

„Immer neu verlieben, aber Pausen machen“

Doch er bringt, was Besucher freut. Denn nun liegt der Fokus auf der Vielfalt kreativer Darstellungen zu den Themen Leben, Älterwerden, Sterben. Das berührende Porträt einer 102-Jährigen fotografierte Ray Albuquerque in einem Altersheim. Es ist Editha Hechenberger, eine leidenschaftliche Malerin. Ihr Rat fürs Jungbleiben: „Immer neu verlieben, aber Pausen machen.“

Aus Wellpappe, Leim und Acrylfarbe erwächst „Semper vivens“, das Sinnbild ewiger Jugend. Mit Götterweisheiten aus der griechischen Mythologie kommentiert Künstler Roland Albert in seinen Objekten die Saga von der Unsterblichkeit. Wer unbedingt „Forever young“ bleiben möchte, den oder die lädt Annette Coen ein, sich an der „Selbstbedienungstheke für Gefühle“ überraschen zu lassen.

„Selbstbedienungstheke für Gefühle“

Die Assemblage „Glanz und Scherben“ von Marie Gouil - eine Collage plastischer Objekte aus Holz und Glas - kommentiert die letztlich „fragile Konstruktion von Identität und Ideal im Zeitalter des ,Forever young’“. Bronze sieht Bildhauer Klaus M.Hartman sinnbildlich für ewig Unzerstörbares: Gewalt und Liebe. Die Abbildung zum Titel „Für immer junge, unzerstörbare Gewalt“ zeigt eine Panzerkuppel der Maginot-Linie. Die Liebe fehlt.

Die „Kryptobiose“, so der Titel der großformatigen Abstraktion von Jörg Heieck, ist ein todesähnlicher Zustand der Bärtierchen, den nur die Gabe von Wasser beenden kann. Kurz und bündig „Glorex“ nennt Shakti Paqué 40 Puppenkopf-Gießformen auf einem Tableau, das besagt: „Für immer jung bleiben, möglichst alt werden.“

Muse in Gestalt des Bärtierchens

Die bunte, organisch wirkende Installation „Unvermeidlich Ewiges“ aus Holz, Wachs und Glas von Hamdy Reda erkundet filigrane Wachsformationen. Das erzeugt Spannung zwischen Zerbrechlichkeit und Überleben ob ihrer „unvermeidlichen Ewigkeit“. Derweil liegt die zweiteilige Arbeit „Multiplikation eines Objekts, Teile des Ganzen“ von Mimi Rumenova auf Goldrandtellern in der Tiefe quadratischer Holzrahmen und serviert Augen auf Fotopapier. Das Thema heißt Organspende, Rumenova nennt es (verkürzt) „unbegrenzte Reproduktion“. Nummeriert und codiert gehen Individualität und Identität verloren.

Die Aussage seiner Fotomontagen und Linolschnitte bringt Künstler Keyvan Rooshanbin in 18 Zeilen Lyrik: „In der modernen Welt ist Jugend ein Gipfel/ Davor ein Wettlauf, danach ein Abstieg.“ Der Rest ist in der Ausstellung nachzulesen.

Lange und komplexe Titel

Designer Norbert Roth stellt sich vor, dass die Forschung an den Tardigraden lehrt, Alterungsprozesse zu stoppen. Mit „JungAlt“ zeigt er ein Profil beider Phasen zeitgleich. In Angelica Steinmachers Vitrine liegen sortiert braun-gelb-goldene Farbfragmente organischer Teile. Fundstücke in der Natur. Das Resultat heißt „Mues“ (Französisch für Häutungen) und fragt nach den „Überbleibseln gehäuteter Insekten“ oder zeigt mit Farbe haltbar gemachte Fruchtfleischschalen.

Medizinisch pragmatisch und klinisch keimfrei wirkt „Forever Young I“ bei Volker Tinti. Rotes Acryl auf Holz und Kunststoff bildet das lebensrettende Kreuz nach. Der Kommentar: Der Defibrillator macht nicht jünger, doch verbessert die Lebensqualität. Noch knapper fällt Danil Yordanovs Idee zum selbst gewählten Bildtitel „Messwerkzeug“ aus. Die Grafitzeichnung auf Papier ist „Ein Projekt für ein Werkzeug zur Bestimmung des Wertes unermesslicher Konzepte“. Kaum Raum für Assoziationen.

Rückblick auf ein Vierteljahrhundert

Nach dieser Sehreise subjektiver „Forever-young“-Facetten zwischen ewiger Jugend und repariertem Senior, umgesetzt von allen Kunstsparten in vielfältigsten Materialien, folgt ein kurzer Rückblick auf 25 Jahre KWG samt folgerichtiger Ausblicke.

Stichwort Nachwuchs: Formate wie Stipendien und die Entdeckung junger Talente belegen das Interesse an der Vereinigung. Die Mitglieder nehmen an internationalen Ausstellungen in den Lauterer Partnerstädten St. Quentin (Frankreich), Banja Luka (Bosnien-Herzegowina) oder Columbia (USA) teil. Ob über die Gemeinschaft oder in Eigenregie, ob auswärts oder als Gastgeber: Bereichernd sind die thematisierte Symposien (letztmals 2023 im Kunstlager zum Motto „Westwärts“), bei denen neben individuellem Künstlertum auch die Sprache anderer Kulturen zu Wort kommt.

Info

Finissage am kommenden Freitag, 17.30 Uhr, im Foyer der Fruchthalle Kaiserslautern. Shakti & Matze singen und spielen ihre neuen Lieder zum Thema.

Bea Roth macht sich in einer Installation „Gedanken zum Thema ,Forever young’“.
Bea Roth macht sich in einer Installation »Gedanken zum Thema ,Forever young’«.
„Tôle cintrée, petit tonneau“ von Reiner Mährlein.
»Tôle cintrée, petit tonneau« von Reiner Mährlein.
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