Kaiserslautern Die Kraft der Bilder
James Dean am New Yorker Times Square, fröstelnd im Mantel, die Schultern hochgezogen, Zigarette im Mundwinkel, verrätselter Blick: Wie dieses ikonische Schwarzweißfoto des Schauspielrebellens entstand, das der Fotograf Dennis Stock Anfang 1955 für das renommierte Reportagemagazin „Life“ schoss, erzählt Anton Corbijns neuer gleichnamiger Film.
James Dean ist am 30. September 1965 tödlich verunglückt, aber ein Gedenkfilm zum 60. Todestag ist „Life“ keineswegs. Vielmehr erzählt Corbijn eine Episode aus der Zeit, kurz bevor der Schauspieler zum Mythos wurde. Die Filme „... denn sie wissen nicht, was sie tun“ und „Giganten“ sind noch gar nicht gedreht, „Jenseits von Eden“ ist noch nicht angelaufen. Und in Los Angeles begegnen sich zwei Männer, die wenig gemeinsam haben außer dem Ehrgeiz, dem Rest der Welt zu beweisen, dass sie nicht einfach nur Durchschnitt sind. Dennis Stock ist ein 26-jähriger Fotograf, der auf den Durchbruch hofft. Porträts sind seine Spezialität, und so schlägt er seinem Agenturchef bei „Magnum“ vor, den aufstrebenden Schauspieler James Dean für das „Life“-Magazin abzulichten. Schließlich will ihn das umtriebige Warner-Studio zum neuen Kinostar machen. „Jenseits von Eden“ ist abgedreht, zum Kinostart sollen die Aufnahmen erscheinen. Stock verspricht, die Essenz des neuen Leinwandrebellen einzufangen. Sein Vorgesetzter ist skeptisch. Denn noch ist James Dean unbekannt. Auch von Stocks Talent ist er nicht vollends überzeugt. So vergibt er den Auftrag eher zögerlich. Auf Dennis Stock wartet nun die wirklich schwere Aufgabe: Er muss den störrischen Schauspieler überzeugen, sich überhaupt von ihm fotografieren zu lassen. James Dean will sich nicht in einen Werbefeldzug einspannen lassen, auch wenn er nicht unbedingt an die Macht der Bilder glaubt. Ein paar Schnappschüsse lässt er schließlich zu. Stock aber ist unzufrieden: Die Fotos sind nicht gut, nicht wahrhaftig. Sie fangen nicht die besondere Aura des aufmüpfigen Schauspielers ein. Das Vertrauen zwischen Fotograf und Porträtiertem fehlt, James Dean öffnet sich nicht. Und so beschließt Stock, dem Schauspieler zwei Wochen lang zu folgen, um seine harte Schale zu durchbrechen. Nach und nach lässt sich Dean auf den Begleiter ein, lädt ihn gar zu einem Besuch bei seiner Familie im ländlichen Indiana ein, wo Stock endlich den Menschen hinter der Fassade kennenlernt. Der niederländische Fotograf Anton Corbijn, der vor allem Bands porträtierte, später Videos für Größen wie U2 oder Depeche Mode drehte und erst mit über 50 Kinoregisseur wurde, ist der ideale Mann für einen Film wie „Life“. Schließlich hat er selbst ikonische Fotos enigmatischer Musiker wie Ian Curtis von Joy Division geschaffen. Und so geht es in seinem vierten Kinofilm nach „Control“, „The American“ und dem etwas missglückten Thriller „A Most Wanted Man“ vor allem um die Macht und Verantwortung eines Fotografen. Und natürlich um die Suche nach diesem einen Moment, in dem alles passt, und der im Foto für immer nachwirkt. Filmbiografien, die sich an Lebensstationen entlang hangeln, sind in der Regel ermüdend, und so ist „Life“ ein schöner Gegenentwurf zu diesen konventionellen Langstreckenporträts. Anton Corbijn erklärt nicht, sondern setzt ganz auf die Dynamik zwischen seinen Figuren. Dane DeHaan, der bereits in „The Place Beyond The Pines“ einen deutlich stärkeren Eindruck als der allseits beliebte Ryan Gosling hinterließ und auch in „The Amazing Spiderman 2“ bestand, ist ideal als James Dean. Der 29-Jährige hat die nötige Präsenz und strahlt genau die richtige Mischung aus Arroganz, Verletzlichkeit und Ungezähmtheit aus. Und er kann sich erstaunlicherweise auf seinen Partner verlassen: Robert Pattinson zeigt in „Life“, dass er durchaus mehr sein kann als ein waidwund schmachtender Vampir. Offenbar hatte Anton Corbijn den richtigen Zugang zu dem „Twilight“-Star, den Werner Herzog in „Königin der Wüste“ zuletzt eher als Witzfigur besetzt hatte. Oder es hat Pattinson gefallen, einmal eine dieser Personen zu spielen, die ihm sonst gegenüber stehen: einen lauernden Fotografen. „Life“ erzählt so durchaus doppelbödig vom Umgang mit Ruhm und dem Wandel der PR-Maschinerie, beschwört die stillen Momente vor dem Sturm und betont in den Szenen im verschneiten Fairmount in Indiana, in denen James Dean plötzlich gelöst wirkt, die Kraft von Freundschaft, Familie und Heimat.