Kaiserslautern
Die Künstler des Jazzfestivals und ihre aktuellen Einspielungen
Den ersten Abend am Donnerstag, 19. August, gestalten zwei Trios, von denen nur das erste ein echtes Trio ist: Der Gitarrist Peter Rom, der Sänger Andreas Schaerer sowie der Trompeter Martin Eberle haben sich 2009 im Dunstkreis der JazzWerkstätten in Wien und Bern gefunden. Seitdem hat sich das Trio Rom/Schaerer/Eberle in der europäischen Jazzszene einen Namen gemacht und auch ziemlich zu Beginn seiner Karriere zwei Einspielungen vorgelegt: 2011 kam die CD „Please Don’t Feed The Model“ heraus und zwei Jahre später „At The Age Of Six I Wanted To Be A Cook“. Danach verlegte man sich augenscheinlich eher aufs Livegeschäft.
Die beiden älteren Scheiben lassen dennoch aufhorchen. Roms Nummer „Cooking The Books“ von vereint freche, quäkige Trompeten- und verfremdete Stimm- und Gitarrenstrukturen sowie diverse Sound- und Rhythmusgimmicks zu einem eigenwilligen, stakkatohaft abgehakten Ergebnis. Rasende, neobop-eske Strukturen exponiert auch Schaerers Nummer „Unlose Hit“, inklusive Scatgeflüster und -gesang sowie rasenden Trompetenlinien.
Eine gute Spur ruhiger geht es auf „Mukuba Express“ zu, einem Titel des Gitarristen von der zweiten Einspielung. Weltmusikalisch-afrikanisch geprägt, ist sie auch hörerfreudlicher als die anarchisch-aggressiven Nummern des Trios. Zu ihrer kürzelhaften Schnelligkeit und Nervosität finden die Musiker in Roms „Please Don’t Feed The Model“ zurück. Eine skurrile Klangwelt baut sich auf, die sicherlich auch beim Jazzfestival für Aufsehen sorgen wird. Bestens dazu passt die Unkonventionalität, mit der das Horst Jansen Trio als zweite Gruppe des Auftaktabends zu Werke geht. (faro)
Ist das noch Jazz oder kann das weg? Diese Band ist fast so verrückt wie die Schweizer Formation Hildegard lernt fliegen, die vor vier Jahren in der Kammgarn für Furore sorgte. Erstens besteht das Horst Hansen Trio nicht aus drei, sondern aus fünf Bandmitgliedern, zweitens wurde das Album „Live in Japan“ nicht in Japan aufgenommen, sondern in Köln. Und drittens ist Horst Hansen lediglich ein fiktiver Bandleader. Das macht schon mal neugierig. Also die Scheibe in den Player und Mund und Ohren aufsperren! Ist das etwa Free Jazz? Nein. Experimentelles? Auch nicht. Ambient-Jazz etwa? Eher von jedem Stil ein bisschen. Innovativ sind sie auf jeden Fall, diese fünf Krefelder Musiker, die in Köln wohnen und im Booklet auch noch lediglich ihr Pseudonym angeben. Der Trompeter Otto heißt in Wirklichkeit Linus Klitzing, Manfred (Saxofon) ist Lukas Weber, Hans-Dieter Zimmermann („Klaviatur“) ist Carsten Hackler, der Bassist Sebastian Ascher nennt sich Heinz, und am Schlagwerk agiert Till Menzer, genannt Eberhardt.
Zunächst kommt lediglich ein „Weißes“ Rauschen aus den Lautsprechern. Mit dem Rauschen kommt die Stimme eines vermeintlichen Rundfunkmoderators. Eloquent moderiert er die beginnende „Radioshow“ an. Klangkonserven aus der Vergangenheit treffen auf ein fünfteiliges Trio. Bruchstücke dieser „Radioshow-Konserven“ tauchen immer wieder, verteilt über das ganze Album, wie aus dem Nichts auf, brechen immer wieder den musikalischen Vortrag. Das Hansen-Trio aus den 60er-Jahren ist mit Tanzmusik am Start. Das ändert sich aber rasch. Trompete, Saxofon und Schlagzeug werden durch Effektpedale elektronisch verfremdet, Synthesizer werden integriert, und die Kombination aus einer eher untypischen Liveshow mit eher oberflächlichem Witz gerät zu „heftigem Überjazz“, wie die Bandmitglieder ihre Musik selbst bezeichnen. Die Sinuskurven flitzen dem Hörer nur so um die Ohren. Jedoch die druckvollen Bläser, der ambitionierte Schlagzeuger mit seinen ungeraden, sich überlagernden Rhythmen und ein von Funk getriebener Beat, der nur so durch das Album jagt, geben dem Hörer den Glauben an das Gute im Jazz zurück. Exzellenter Fusion-Jazz, systematisch angereichert mit Electronics und starken Beats, die manchmal fast wie Techno klingen und lässiger Psychedelic-Rock machen „Live in Japan“ zu einem überraschend interessanten, hörenswerten Album. Erschienen 2020 bei Jazzhaus Records Freiburg. (fk)
Der zweite Abend...
... des Jazzfestivals am Freitag, 20. August, bringt zunächst die Begegnung mit einem Duo der Region: Über die Schifferstadter Stimmakrobatin Jutta Brandl muss man im Grunde nicht viel sagen. Seit über vier Jahrzehnten steht sie schon auf der Bühne, wobei Kaiserslautern eine wichtige Station ihrer Karriere war. Während ihres Studiums an der TU wurde sie, wie sie launig vermerkt, „aus einer Bierlaune heraus, Frontfrau in einer Polit-Rock-Punk-Band der Uni. Das war im heißen Herbst 1983. Wahrscheinlich hab’ ich zu laut gebrüllt!“ Gleichzeitig kam sie über andere Kaiserslauterer Musiker in Kontakt mit Blues und Jazz. Auch wirkte sie bei der legendären Savannah Bluesband als Backgroundsängerin mit, bevor sie ihre eigene Formation, die Jutta Brandl Band, gründete. In vielen, höchst unterschiedlichen Konstellationen ist sie seitdem aufgetreten. Das Duo mit Bernhard Sperrfechter gibt es seit 2015. Eine CD der beiden soll Anfang September herauskommen (Release am 5. September, 18 Uhr, im Kulturhaus Käfertal, Gartenstraße 8, Mannheim).
Beide, Brandl wie Sperrfechter kommen dabei vom Jazz. „Wir kümmern uns aber nicht ums Genre. Die Songs und deren Inhalte sind uns wichtig. Wir spielen eine zeitlose Mischung aus dem letzten Jahrhundert“, gibt Brandl als Leitlinie vor. Das Programm reiche dabei von Billie Holiday bis zum Singer/Songwriter James Taylor. Eine Melange, die sicherlich stimmungsvoll in den zweiten Abend einführen wird. Ein ruhiger Joni-Mitchell-Song mit Sperrfechter, den man über Brandls Homepage hören kann, verspricht jedenfalls viel.
Danach kommt ein alter Bekannter ins Kulturzentrum Kammgarn, der zwar unzählige CDs rausgebracht hat, aber eben keine in der Besetzung, mit der er nun in der Kammgarn antritt: Nils Landgren, der Mann mit der roten Posaune, der sich seit etlichen Jahren auch das Singen nicht nehmen lässt, hat sich verstärkt mit folgenden Damen, mit denen er beispielsweise auch im Herbst 2020 bei den Festspielen in Mecklenburg-Pommern unter dem Titel „Red Horn Jazz“ antreten wollte, was aus bekannten Gründen auf den Herbst 2021 verschoben werden musste: Mit ihrer Gruppe MadSax hatte sich die Hamburgerin Tini Thomsen bereits beim letztjährigen Kammgarn-Jazzfestival vorgestellt. Ebenfalls aus der Elbmetropole stammt Lisa Wulff, die den Bass, gerne auch in seiner klassischen Form, bedient und sich unter anderem mit eigenem Quartett und zeitgenössischem Jazz einen Namen gemacht hat. Ebenfalls mit eigenem Quartett tourt Schlagzeugerin Eva Klesse und hat sich dabei Weihen wie den Jazz-Echo als beste Newcomerin 2015 oder den Jazzpreis Westfalen 2017 erspielt. Nicht zuletzt ist noch Sophia Oster mit im Boot des schwedischen Frontmanns. Sie hat auch ein eigenes Quartett am Start und und bedient wahlweise die Tasten oder wirkt am Mikrophon. Jede Menge Spielfreude lässt also diese Leader-Quintett erwarten bei seinem Auftritt am kommenden Freitag. (faro)
Der dritte Abend...
... am Samstag, 21. August, bringt zunächst die Begegnung mit einer weitere jungen Saxophonistin: Die Mannheimerin Alexandra Lehmler hat sich mit dem Vibraphonisten Frank Tortiller zusammengetan, was zwar noch zu keiner CD-Produktion führte, aber doch zu einem Stream vom Dezember 2021, der bei Youtube zu bewundern ist. Die virilen, satt glucksenden Ton- und Akkordfolgen des 58-jährigen französischen Jazz-Vibraphonisten, Marimba-Spielers, Komponisten und Bigband-Leaders treffen dabei auf die äußerst wandelbaren Saxophonstrukturen, die die 41-jährige Kurpfälzerin auf den Instrumenten der Familie vom Sopran- bis zum Baritonsax entfesselt. Es entstehen höchst atmosphärische, klanglich ausdifferenzierte Nummern. (faro)
Die Norwegerin Rebekka Bakken ist in der Kammgarn wie ihr skandinavischer Kollege Landgren eine „alte Bekannte“ im Kulturzentrum Kammgarn. Sie hätte eigentlich zur letztjährigen Festivalausgabe auflaufen sollen, konnte jedoch ob der Einreisebeschränkungen nicht kommen. Ihre Drei-Oktaven-Stimme hatte sie zuletzt 2014 in dem Kulturzentrum hören lassen. Mit ihrem Album „Things You Leave Behind“ (2018) zeigt sie einmal mehr, dass sie in weit mehr als nur einem Genre zu Hause ist. Elf Songs hat sie für ihr mittlerweile achtes Studioalbum aufgenommen, und die zeigen zwischen Jazz, Soul und Blues, Chanson, Folk und Country die Vielseitigkeit ihrer Musik. Rebekka Bakken präsentiert sich auf diesem Silberling als außerordentlich gereifte Sängerin. Der Albumtitel markiert gleichermaßen Neuanfang und Rückschau auf ihr Leben. Es ist praktisch ihr persönlicher Befreiungsschlag nach einer Zeit der Veränderung, nach ihrem Rückzug in ihr Heimatland, Trennung und Eingehen einer neuen Beziehung.
Bis auf das melancholisch klingende Cover von Cindy Laupers „Tim After Time“, dem mit expressivem Sprechgesang vorgetragenen „Dance for You“ und „Hotel Sankt Pauli“ präsentiert die kosmopolitische Norwegerin ausschließlich eigene Songs. Stilistisch sehr unterschiedlich und trotzdem stringent durch ihre Stimme und die fantastische Begleitung. So finden sich auf diesem Album der rockende Blues „Black Shades“, der melancholische Country-Song „Sound Of Us“ oder sogar eine Prise Ragtime und das wunderbar dramatisch vorgetragene „Shelter“. So schwimmt Bakkens Stimme zuverlässig auf verschiedenen stilistischen Wassern. Und stets mischt sich eine Träne in ihren Gesang. Erfreulicherweise haben Produzent und Arrangeure die Songs nicht zu sehr verklebt und vorm Versinken in Süßlichkeit bewahrt. (fk)
Der vierte Abend...
... ist einem Künstler respektive einer Gruppe gewidmet: Manu Katché. Mit seinem neusten Longplayer „The Scope“ präsentiert Katché sein elektronisches Power-Quartett. Hochkarätig begleitet von Jérome Regard (Bass), Patrick Manouguin (Gitarre) und Jim Henderson (Keyboards), stellt der innovative Taktgeber jetzt erneut seine fulminanten Qualitäten als Songschreiber unter Beweis. Dabei zeichnen sich die groovebetonten, dem Themenkomplex Afrika gewidmeten Songs durch eine unwiderstehlich Melodieführung aus. Die stilistisch zwischen Pop, Soul, R&B, Dub und World angesiedelten Kompositionen versprühen dabei einen leicht melancholischen Charme. Der in Frankreich geborene Musiker ist zweifelsohne einer der besten und elegantesten Schlagzeuger der Gegenwart. Das Album präsentiert einen Sound, der einfach komplett ist. Zeitlos modern und geschmackvoll. Da ist kein Riss, keine Ecke, die stört, wenn dieser wunderbare Musiker spielt. Aber sein aktuelles Album ist eben auch ein Werk, dem die nötigen Ecken und Kanten fehlen. Dank des sympathischen 60-jährigen Jugendlichen kommt die Musik zwar unterhaltsam rüber, aber letztlich fehlt es an markanten Erhebungen.
Gesangliche Gastbeiträge gibt es auf diesem Silberling von dem senegalesischen Sänger Faada Freddy („Vice“), der bereits mit Peter Gabriel oder Flea von den Red Hot Chili Peppers zusammengearbeitet hat. In „Paris me manque“ singt der fantastische französische Rapper Jazzy Bazz von der Gruppe L’Entourage, und die amerikanische Singer/Songwriterin Jonatha Brooke besticht mit der atmosphärischen Ballade „Don’t U Worry“. Mutmaßlich also ein temperamentvoller Ausklang des 26. Kammgarn International Jazzfestivals. (fk)
Info
26. Kammgarn International Jazzfestival vom 19. bis 22. August im Kulturgarten des Kulturzentrums Kammgarn; Karten unter www.kammgarn.