Kaiserslautern Die jungen „Alten“ ziehen weiter

Gemeinsam standen sie in „Tschick“ auf der Bühne, nach der Saison verlassen sie das Pfalztheater (von links): Harry Schäfer, Mai
Gemeinsam standen sie in »Tschick« auf der Bühne, nach der Saison verlassen sie das Pfalztheater (von links): Harry Schäfer, Maike Elena Schmidt und Luca Zahn.

Dass junge Schauspieler Erfahrung an wechselnden Bühnen sammeln wollen, gehört zum künstlerischen Selbstverständnis. Am Lauterer Pfalztheater fällt der Aderlass diesmal besonders heftig aus, denn zum Saisonende verlassen gleich sechs Mitglieder des Schauspielensembles das Haus (die RHEINPFALZ berichtete am 6. April auf der Kulturseite).

Sie machen Platz für acht neue Kollegen, da die längeren Vakanzen von Susanne Ruppik und Natalie Forrester endlich neu besetzt werden. Mit den Namen der Neuen hält das Theater noch hinterm Berg. Den Exodus der durchweg jungen „Alten“ indes dürfte das Publikum als schmerzlich empfinden, handelt es sich doch um unverwechselbare Spitzenkräfte wie das nach Köln strebende Paar Nele Sommer und Harry Schäfer (RHEINPFALZ vom 11. April). Erinnerungen an glückhafte Theaterstunden der vergangenen Jahre. Luca Zahn war in der Lauterer Bühnenfassung von Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ der aus wohlhabendem, aber zerrüttetem Elternhaus stammende Maik. Seine Mitschüler finden ihn langweilig, beschimpfen ihn als „Psycho“ und grenzen ihn aus. Erst die Fahrt mit dem gleichfalls als Außenseiter geltenden Spätaussiedler-Jungen Tschick vermitteln ihm Selbstvertrauen, Lebensfreude und so etwas wie Glück. Eine ähnliche Figur spielte der 1991 im schwäbischen Herrenberg geborene Mime, der im Klassenzimmerstück „Malala“ von Nick Wood großen Erfolg hatte, jüngst in Simon Stephens’ „Motortown“: als zurückgebliebener, aber loyaler Bruder eines Kriegsheimkehrers. Den gab Daniel Mutlu, Jahrgang 1984 und seit neun Jahren Mitglied des Lauterer Ensembles. In dieser Zeit hat er schnoddrig-heroisch und mit wandlungsreicher Intensität große Klassikerrollen wie Hamlet (Regie: Johannes Reitmeier) und Orest (unter Johannes Zametzer), den Achilles in Kleists „Penthesilea“ und den Posa im „Don Carlos“ von Schiller gespielt. Großartig sein K. in Kafkas „Prozess“, unvergessen sein leichtlebiger Christian in der Dramatisierung der „Buddenbrooks“. Leider selten, aber nicht minder effektvoll entfaltete der blutvolle Furor seinen (tragi-)komischen Sinn: als Einstein in den „Physikern“, als Theaterspieler im Oliver-Haffner-Film „Ein Geschenk der Götter“ und derzeit als Geldvermittler im „Geizigen“ von Molière. Danach zieht es Mutlu von der Lauter an den Neckar, wo er Ensemblemitglied des Staatstheaters Mannheim wird. Nur kurz war der Abstecher von Stefan Herrmann in die Barbarossastadt. Der 1989 in Würzburg geborene Folkwang-Absolvent fiel erstmals im vorigen Sommer in Urs Häberlis opulentem Shakespeare-„Sturm“ auf, als er gemeinsam mit Sängerin Arlette Meißner und der Tänzerin Carmilla Marcati einen dreifachen Ariel gab. Im Weihnachtsmärchen „Ronja Räubertochter“ nach Astrid Lindgren war er Birk, der treue Freund der Titelheldin, in „Geächtet“ der Neffe des amerikanisch-muslimischen Wirtschaftsanwalts. Eine große jugendliche Fangemeinde erspielte er sich mit Eric-Emmanuel Schmitts Ein-Personen-Stück „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“, mit dem er seit Herbst durch die Schulen zieht. Bliebe noch die wunderbare Maike Elena Schmidt, die gleichfalls der Westpfalz Lebewohl sagt. Hier wird man sie vor allem als geheimnisvolle, von Gangstern verfolgte Fremde in Erinnerung behalten, die in der Bühnenversion von Lars von Triers „Dogville“ auch in der gleichnamigen Kleinstadt zum Opfer wird und grausame Rache nimmt. Junge Frauen zwischen Schwärmerei und Desillusionierung, Hoffnungsfreude und Diesseitigkeit sind die Spezialität der 1988 geborenen Bochumerin, die mit Auszeichnung die Ernst-Busch-Schauspielschule abgeschlossen hat. Sie brillierte an der Lauter als Teilnehmerin eines Wander- und Überlebenslagers in „Der nackte Felsen“ von Thomas Arzt. Zurzeit ist sie als mordlüstern-machtbesessene, dem Wahnsinn anheimfallende Lady Macbeth zu erleben. Und das sollte man allein schon wegen Maike Elena Schmidt sowie Rainer Furchs eindringlicher Gestaltung der Titelrolle keinesfalls verpassen! (Archivfotos: Girard de Soucanton (3), Stephan Walzl)

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