Kusel RHEINPFALZ Plus Artikel Die Berliner von Lychee Lassi im Kinett

Abgefahren: Lychee Lassi im Kinett.
Abgefahren: Lychee Lassi im Kinett.

Ein wirrer Traum aus Bässen, Beats und Brüchen: Das Berliner Abstract-Hip-Hop-Gespann Lychee Lassi entfesselte Großstadt-Klang mitten im kuscheligen Kinett.

Bitte einmal kurz vorstellen: Man läuft eine schmale dunkle Gasse in Berlin Mitte entlang. Am Ende des Weges lockt das surrende Neonlicht über einer angerosteten Metall-Tür. Der Türgriff ist klebrig, es riecht nach verschüttetem Bier und brennenden Räucherstäbchen. Doch hinter der Tür – dieser Beat! Man läuft eine schmale Wendeltreppe hinunter, und der Beat pulsiert immer kräftiger, dumpf wie ein Herzschlag, und doch lässt er die Beton-Wände vibrieren. Es ist eigentlich ein ganz normaler Club, klein, dicht, kaum Sauerstoff. Auf der Bühne stehen vier Männer an Instrumenten. Doch der Sound ist so gigantisch, dass gefühlt die gesamte Berliner City im Raum tanzt. Das ist das Werk von Lychee Lassi – alias DJ Illvibe (Mischpult), Dirk Berger (Gitarre), Beat Halberschmidt (Bass) und „Based“ alias Sebastian Krajewski am Schlagzeug. Gegründet im Jahre 1999, mitten in der Hauptstadt, entwickelten die vier einen krassen Stilmix aus Hip-Hop-Beats, DJ-Grooves und Jam-Band-Improvisation für die Live-Bühne.

Die Musiker, die ihre Band nach einem indischen Joghurt-Getränk benannt haben, sind dabei alles andere als No-Names. DJ Illvibe gab sich schon bei The Krauts, Gerda und Peter Fox die Ehre, „Berger“ dürfte man ebenso von den Krauts und Gerda kennen, während „Beat“ bei Marsimoto und Marteria den Bass beimischte. Und „Based“ hat bei keiner Geringeren als einer der besten deutschen Bands überhaupt die Stöcke geschwungen: Seeed! Also allesamt haushohe Namen der deutschen Musikszene, mit viel Erfahrung, Know-how und dem nötigen Hauch Fingerspitzengefühl für exorbitante Sound-Kreationen. Klar, dass man hier nicht die übliche Konzert-Dudelei erwarten durfte. Bei Lychee Lassi wird nämlich nicht klassisch geklimpert, sondern entfesselt!

Alles ist erlaubt

DJ Illvibe ließ die volle Palette seiner über Jahre gesammelten Klänge vom Band laufen – kurze Snippets bekannter Songs, manchmal in Dauerschleife zu den improvisierten Background-Tracks rotierend, mal kurz eingeworfen wie ein Mantra zum instrumentalen Gesamtkunstwerk der Kollegen. Der Mann kratzte, wischte und drehte über die Platten, bis die heraus jagenden Klänge dreckig und präzise, getragen von einem Tabla-Beat, sich wie ein Spiraltunnel ins Ohr gruben.

Währenddessen hämmerte Halberschmidt mit seinen Fingern auf den dicken Bass-Saiten, bis der Boden Risse bekam, Krajewski machte Radau auf seinem Podium, und Berger ließ seine Gitarre teilweise noch härter rappen, als die Künstler auf Illvibes verzerrten Tonspuren! Es fühlte sich an, als hätte man Tupac- und Gloria-Gaynor-Hymnen aufgenommen, durch einen Drum’n’Bass-Zerhacker gejagt und mit „funky“ Berliner Clubstaub überzogen. Kein Ton ist „safe“, und alles ist erlaubt!

Lust auf Grenzüberschreitung

So schaffte sich das Quartett durch sein Programm, während sich die Kinett-Besucher und -Betreiber völlig vom Beat einnehmen ließen. Was Lychee Lassi so einzigartig macht, ist nicht nur ihre technische Virtuosität oder ihre musikalische Kühnheit. Es ist die kompromisslose Lust – oder vielmehr die Sucht – nach Genre-Sprengung und klanglicher Grenzüberschreitung. Deshalb ist es ganz natürlich, dass innerhalb weniger Sekunden Funk auf Folklore trifft, Dubstep auf Dilli, Reggae auf Rhythm und Rap auf Groove. Hier werden keine Songs mit Anfang, Bridge und Ende gespielt. Hier werden Klang-Kaskaden gebaut, die sich auf der Bühne verwandeln, mutieren, in Einzelteile zerbrechen und wieder auferstehen.

Das Kinett wurde zum Basar der Beats, sozusagen. Die Tracks zogen ihre Fäden manchmal minutenlang von Muster zu Muster, wie orientalische Teppiche. Dann, wie aus dem Nichts, plötzlich Stille, vor der Bühne schweres Atmen und als die Spannung fast zum Zerreißen war, ein triumphierender, wenn auch völlig ausgepowerter Applaus aus dem Publikum. So viele Eindrücke, so viele Tonspuren und Klangmuster, so viele Beats und Brüche – am Ende waren die Kuseler begeistert und erschöpft zugleich. Denn Lychee Lassi holten mit ihrem unkonventionellen Sound die große, laute, wilde und hektische Metropole mit all ihren Stimmen, Lichtern und Farben ins kleine, dunkle und beschauliche Kinett. Abstrakt, ja. Aber auch absolut genial!

x