Kaiserslautern Die Ballade eines Überlebenden

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Regisseur Fatih Akin hat in Venedig einen guten Ruf. Vor fünf Jahren bekam er hier beim Filmfestival den Spezialpreis der Jury für sein Melodram „Soul Kitchen“. Beim der noch bis kommenden Samstag laufenden 71. Ausgabe ist er mit dem Film „The Cut“, der gestern Weltpremiere hatte und teils mit Western-Klischees enttäuscht, im Rennen um den Goldenen Löwen.

Die Erwartungen an diese vor allem mit deutschem Geld gedrehte internationale Produktion waren hoch, sehr hoch. Denn der in Deutschland lebende, türkischstämmige Regisseur nimmt sich eines diffizilen Themas an: des Genozids an vermutlich mehr als einer Million Armeniern vor knapp 100 Jahren im damaligen Osmanischen Reich, dem Vorgängerstaat der heutigen Türkei. Dort streiten die jetzt Regierenden noch immer jegliche Verantwortung der 1915 politisch Herrschenden an den Massakern und der Vertreibung ab. Für Spannung sorgte deshalb vor der Aufführung des von Fatih Akin gemeinsam mit dem in den USA lebenden Armenier Mardik Martin (77, Drehbuchautor von „Wie ein wilder Stier“) geschriebenen Films die Frage, wie sich das Duo dem Thema nähert. Polemik bleibt in „The Cut“ völlig aus. Zudem wird der historische Hintergrund lediglich als Ausgangspunkt einer sehr persönliche Schicksalsgeschichte angerissen: Der Schmied Nazaret Manoogian (Tahar Rahim) wird 1915 in der Stadt Mardin, im nordöstlichen Mesopotamien, von seiner Familie – Frau und Zwillingstöchtern – getrennt. Zunächst als Sklave beim Straßenbau missbraucht, soll auch er, wie alle seine Gefährten, erschossen werden. Doch er überlebt schwer verletzt und kann dem Terror entkommen. Nazaret erfährt, dass seine Frau tot ist, seine Zwillingstöchter aber sollen überlebt haben. Getrieben von dem Wunsch, seine Kinder zu finden, tritt er eine Odyssee an, die ihn über den Libanon und Kuba in die USA führt. 1923 kommt er in eine kleine Siedlung in den Weiten des fremden Landes. Außer der Hoffnung auf ein Wiedersehen mit seinen Töchtern ist ihm nichts geblieben... Je länger der Film dauert, umso weniger wirkt er politisch motiviert. Es wundert nicht, dass Fatih Akin für „The Cut“ die Begriffe „Abenteuer“ und „Western“ verwendet und betont: „Ich erzähle die Geschichte eines Vaters, der seine beiden Töchter sucht und dafür um die Welt reist.“ Diese Geschichte wird von epischen Bildern und peitschender Musik angeheizt. Die Ballade eines Mannes, der über sich selbst hinaus wächst, atmet die Weite alter Hollywood-Pferdeopern, wie sie etwa der legendäre Regisseur John Ford (1894 - 1973) inszeniert hat. In die Tiefe aber geht „The Cut“ nicht. Der Bilderbogen wirkt konstruiert, die Charaktere muten oft nur skizziert an, die Ausstattung riecht nach Kulisse. Hauptdarsteller Tahar Rahin („Ein Prophet“) ist jedoch sympathisch, dank ihm drückt man Nazaret die Daumen, so wie man sie einst auch den einsamen Cowboys in Hollywoods wildem Westen gedrückt hat. Die Erwartungen an ein großes Drama, das packend Weltgeschichte reflektiert, haben sich damit jedoch nicht erfüllt. Die Aufnahme des Films in der ersten Vorführung für Hunderte Vertreter der Presse war verhalten, der Beifall schwach. Gelegentlich wurde sogar gelacht. Thematisch verwandt, doch in der Wirkung viel stärker ist der Wettbewerbsbeitrag „Loin des Hommes“ („Fern von den Männern“) von David Oelhoffen (Frankreich). Auch hier ein Blick zurück, in diesem Fall nach Algerien, 1954. Die Rebellion gegen die französischen Besatzer nimmt zu. Die Soldaten der „Grande Nation“ schlagen brutal zurück. In diesem Spannungsfeld soll ein unbescholtener Lehrer (Viggo Mortensen) einen angeblichen Mörder (Reda Kateb) über das Atlasgebirge der Gerichtsbarkeit zuführen. Trotz der Weite der Szenerie als Kammerspiel inszeniert, packt der Film, da er in ergreifenden Szenen wichtige Fragen stellt: Was ist Gerechtigkeit? Wo ist Heimat? Wann muss man zur Waffe greifen? Der konzentrierten Inszenierung entspricht die packende Intensität der Schauspieler. Großes Kino, das im Kleinen die Welt spiegelt! Außerhalb des Wettbewerbs sorgte der österreichische Regisseur Ulrich Seidl mit seinem Essay „Im Keller“ für Gesprächsstoff. Er erkundet in dem Film, der stilistisch vor allem an seine Doku „Tierische Liebe“ (1995) erinnert, was in österreichischen Kellern im Verborgenen passiert. Der Reigen reicht vom Ausstellen ekelerregender Nazi-Devotionalien bis zu gewaltgetränkten Sex-Orgien. Das Publikum streitet, ob es legitim ist, Menschen derart schonungslos vorzuführen. Wobei die meisten die Frage, ob hier Wesentliches über den Zustand der Gesellschaft ausgesagt wird, mit „Nein“ beantworten. Außerdem kam Al Pacino vorbei. Ihm gelang, was bisher wohl nur sehr wenige Schauspielstars boten: Er lieferte eine der besten und eine der schlechtesten schauspielerischen Leistungen des Festivals. In der Adaption des Philip-Roth-Romans „Humbling“ schmiert er unter der Regie von Barry Levinson als alter Shakespeare-Mime, dass die Wände wackeln. In David Gordon Greens „Manglehorn“ hingegen rührt er mit der feinfühligen Interpretation eines Handwerkers, der im hohen Alter lernen muss, wie wichtig es ist, nicht nur Liebe von anderen zu erwarten, sondern sie auch anderen zu geben. Da „Manglehorn“ im Wettbewerb läuft, kann es gut sein, dass Al Pacino am kommenden Samstag, wenn das Festival endet, zu den Ausgezeichneten gehört.

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