Kaiserslautern
DFKI und TU-Forscher arbeiten an Visionen für die Zukunft
Wie wird das Leben von Menschen im Jahr 2030 aussehen, welche Bedürfnisse werden wir in der Zukunft haben, um unsere Existenz sicher und komfortabel zu gestalten – und welche Schlüsseltechniken brauchen wir, um diese Ziele zu erreichen? Solche und ähnliche Fragen bewegen den Mobilfunk-Experten Hans Schotten. Er koordiniert das Forschungsprojekt „Open6GHub“, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung in den folgenden vier Jahren mit 68 Millionen Euro gefördert wird; jeweils elf Millionen Euro gehen davon an das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) und die TU. In dem Projekt werden 17 Forschungsinstitutionen an den Grundlagen arbeiten, auf denen unser Leben in zehn bis zwanzig Jahren beruhen könnte. „Wir machen schon ein bisschen Science-Fiction“, sagt Schotten, der an der TU das Fachgebiet Funkkommunikation und Navigation leitet und am DFKI den Forschungsbereich Intelligente Netze.
Derzeit gehe es darum, Visionen zu entwickeln. Und hiervon haben die Forscher so einige. So rechnen sie damit, dass Menschen in naher Zukunft viel Kontakt zu autonomen Fahrzeugen haben werden, beruflich wie privat. Die Medizin werde sich personalisieren und verstärkt mit körperbezogenen Daten, die über Biosensoren gewonnen werden, arbeiten. Auch die Mobilitätskonzepte in den Städten werden sich wandeln, Robotertaxis Einzug halten.
Mit eigenem Avatar unterwegs
Denkbar sei auch, dass Menschen eigene Avatare haben werden, also digitale Stellvertreter ihrer selbst, die für ihre Sicherheit und ihren Komfort sorgen. Gehe ein Mensch über die Straße, gebe sein Avatar diese Information an die autonomen Fahrzeuge weiter, die in diesem Bereich unterwegs seien, nennt Schotten ein Beispiel. Laufe man durch einen Flur, könne der Avatar bei Bedarf das Licht an- und ausschalten und die Klimaeinstellung auf die eigenen Vorlieben einstellen. Sind mehrere Personen im Raum, könnten sich die Avatare untereinander über die geeignete Temperatur abstimmen – sofern die Menschen ihnen das erlauben. Denn der Entscheidungsträger sei immer der Mensch, betont Schotten. Der Avatar übernehme nur die Funktionen, die ihm freigegeben werden. Unterstützen könnte er auch beim Thema Reisen: Er kenne den Wetterbericht und die Reiseroute, könnte die Zugverbindungen checken und auf Alternativen hinweisen.
In der industriellen Produktion könnte mit digitalen Zwillingen gearbeitet werden: Bevor eine Produktion beginne, könnte der komplette Prozess simuliert werden und dadurch Schwachstellen aufgedeckt werden. Schwerpunktthema sei hier Nachhaltigkeit: So sollen Emissionen und der Ressourcenverbrauch durch digitale Technologien gesenkt werden.
Künstliche Intelligenz im Einsatz
Generell werde der Einsatz von Künstlicher Intelligenz eine große Rolle spielen. Während das 5G-Netz eher für die Anwendung in der Industrie und der Landwirtschaft gedacht sei, stehe bei der Entwicklung des 6G-Netzes der Mensch mit seinen Bedürfnissen im Mittelpunkt, betont Schotten. Bevor jedoch neue Funktionen genutzt werden können, brauche es einen jahrelangen Vorlauf. Daher werde bereits jetzt über das Mobilfunknetz der Zukunft informiert, auch wenn die Forschung erst am Anfang stehe. Denn noch existieren die notwendigen Technologien nicht.
Wie diese ausgestaltet werden müssten, soll künftig das Living Lab „Connected World“ am DFKI zeigen, wo erste Anwendungen Realität werden sollen. Schotten geht davon aus, dass die neuen Technologien langsam und Schritt für Schritt eingeführt werden: „Man muss schauen, ob es Akzeptanz findet“ Einen Zweif.el daran hat der Forscher nicht, es sei schon sehr komfortabel, was die Technik möglich machen könne und man gewöhne sich sehr schnell daran, Türen nicht mehr selbst öffnen zu müssen oder zu überprüfen, ob das Auto auch tatsächlich abgeschlossen sei.
Zugang weltweit möglich
Weitere zentrale Themen werden der Datenschutz sein sowie der Schutz der Privatsphäre und die technologische Souveränität. Der Zugang zu den neuen Technologien soll weltweit möglich sein – egal, ob die Menschen in einer ländlichen Region oder einer Großstadt leben. Aus europäischer Sicht sei es wichtig, das Thema aktiv zu prägen, um sich nicht von ausländischen Netzbetreibern und deren Vorgaben abhängig zu machen, betont Schotten.
Schotten geht davon aus, dass 6G die Jahre zwischen 2030 und 2045 prägen wird: „Als Forscher hat man nicht oft die Gelegenheit, an solchen Projekten zu arbeiten, es ist eine tolle Aufgabe, die Zukunft gestalten zu können“. In den kommenden Jahren sollen 35 bis 40 neue Stellen in Kaiserslautern entstehen, die sich genau diesen Themen widmen.