Kaiserslautern Der Wald wächst der Natur entgegen
Wald hat viele Gesichter. Besonders zauberhaft, charakterstark, voller Artenreichtum und vor allem uralt ist ein Waldabschnitt im Naturschutzgebiet Östliche Pfälzer Moorniederung. Das Naturschutzgebiet insgesamt umfasst 1400 Hektar und zieht sich von Einsiedlerhof kommend rechts und links der Autobahn im Bereich Kindsbach bis Landstuhl, weitet sich dann rechts der A6 bis Ramstein, grenzt an die A62 und erstreckt sich links der A6 bis Hauptstuhl. Es ist das größte Naturschutzgebiet von insgesamt acht solcher Areale, das im Forstamtsbereich von Ute Fenkner-Gies, der Forstamtsleiterin in Kaiserslautern, liegt. Und es ist ihr „Augapfel“, wie sie sagt. Dort ist eben jener charakterstarke Waldabschnitt zu finden. Er hat feuchte Abschnitte und seine Landschaft entwickelt sich sichtbar wieder dahin, wie sie früher von Natur aus einmal war. „Hier sieht es innerhalb einer Menschengeneration ganz anders aus. Das ist spannend“, vergleicht die promovierte Forstwissenschaftlerin das Naturschutzgebiet etwa mit den Kernzonen im Biosphärenreservat Pfälzerwald-Nordvogesen. Dort zieht sich der Mensch ganz zurück und überlässt der Natur das Tun. Allerdings sind in den ausgewiesenen Zonen die Baumbestände meist noch 50 bis 100 Jahre vom Stadium eines Zerfalls entfernt. Heißt: Es gibt zunächst keine große Veränderung. Ganz anders sieht es in der Pfälzer Moorniederung aus. In nur drei Jahrzehnten wurde aus dem dortigen Fichtenwald wieder ein naturnaher Wald mit Kiefern, Erlen, Birken mit der Moor- und der Sandbirke. „Auch die Stieleiche haben wir dort wieder eingebracht“, schildert Fenkner-Gies, dass der Mensch auf künstliche Art wieder einen „Naturwald“ aufgebaut hat – mit Beständen, wie sie in früherer Zeit von sich aus hier gewachsen sind. Die im Pfälzerwald stark vertretene Traubeneiche kommt mit den kalten Senken nicht wirklich gut zurecht, also bleibt sie außen vor. Die Moorbirke fühlt sich hier zwar zuhause, nur: Sie treibt mit flauschigen Blättern aus. „Auf diese Rarität stehen die Rehe besonders“, weiß die Forstamtleiterin genau, warum sich das Wachstum der Sandbirken besser gestaltet. Auch warum sich dort mancherorts nur vereinzelt Bäume nach oben strecken können, ist kein Geheimnis. „Im Bruch macht ein Buckel von 20 Zentimeter den Unterschied über nasse Füße oder nicht aus“, kann sich Fenkner-Gies so richtig an der Gestaltung, die sich die Natur trotz all der Eingriffe durch den Menschen vorenthält, erfreuen. An einigen Stellen im Bruch hat das Forstamt gezielt entschieden, die vorhandenen Entwässerungsgräben nicht mehr zu pflegen. Resultat: die Flächen laufen auch mal wieder voll und in solch einem Refugium hat sich relativ schnell jene Moorflora eingestellt, wie sie zu früheren Zeiten ganz normal war. „Überall geht es nicht“, verweist Bodo Mahl, am Forstamt unter anderem für Arten- und Biotopschutz zuständig, auf den Ortsteil Einsiedlerhof. Hier achte das Forstamt streng darauf, dass weiterführende Gräben frei gehalten werden. „Sonst laufen im Einsiedlerhof die Keller voll.“ Im Naturschutzgebiet wird, wo es sich anbietet, vom Forst auch Holz gemacht. „Ich habe schon auch Spaß am Holzverkauf. Holz ist ein toller Wertstoff, der bei uns im Gegensatz zu anderen Ländern nachhaltig heranwächst“, gehört die wirtschaftliche Nutzung des heimischen Waldes für Fenkner-Gies absolut dazu. Allerdings sind für die Forstwissenschaftlerin auch die Erholungsfunktion des Waldes für die Menschen sowie der Artenschutz und der Naturschutz mehr als bedeutsam und Teil ihrer Arbeit. „Es gehören alle Aspekte zusammen“, betont sie und verweist darauf, dass ihre Tätigkeit als Forstamtsleiterin zu einem guten Viertel Richtung Naturschutz geht. In ihrem Zuständigkeitsbereich gibt es auch sogenannte „Waldrefugien“. Das sind etwa ein Hektar große Waldstellen, die sich selbst überlassen bleiben. Dort entstehen Altholzinseln. „Das sind Trittsteine für die Natur“, beschreibt Bodo Mahl die Artengemeinschaften, die genau die Zerfallsphasen alter Bäume brauchen. Zusätzlich lässt das Forstamt etwa alle drei Hektar eine Biotop-Baumgruppe von etwa 15 Bäumen einfach altern. Seit 250 Jahren darf das sich selbst überlassene Waldstück bei Kindsbach schon altern. Ein herrlicher Anblick bietet sich da, mit aneinander liegenden Bäumen, mit knorrig geschwungenen Individuen, mit Kiefern, die noch heute zeigen, dass hier einst Harz abgezapft wurde – und mit der absoluten Lieblingseiche von Ute Fenkner-Gies.