Kaiserslautern Der Mut zum Eigensinn zahlt sich aus
Maren Ades Tragikomödie „Toni Erdmann“ war zwar der Favorit. Aber dass es am Samstagabend in der Europäischen Kulturhauptstadt Wroclaw (Breslau) für den Stoff gleich fünf Europäische Filmpreise geben würde, war doch eine Überraschung. „Ein bisschen fühlt man sich wie so ein Riesengorilla mit diesen fünf Preisen“, sagte die Karlsruherin nach der Preisverleihung überwältigt.
„Toni Erdmann“ war in fünf Kategorien nominiert und konnte in allen gewinnen: Die schräge Geschichte über eine erfolgreiche Unternehmensberaterin und ihren wohlmeinenden, aber exzentrischen Vater ist der beste Spielfilm Europas, Maren Ade wurde für ihr Drehbuch und ihre Regie geehrt und die Hauptdarsteller Sandra Hüller und Peter Simonischek für ihr Schauspiel. Gerade letztere Preise sind vollauf verdient, schließlich wagten sie es, durchaus auch sich selbst zu entblößen – Sandra Hüller im Wortsinn, denn es gibt eine äußerst skurrile Nacktszene im Film. Als knallharte Unternehmensberaterin, die in Rumänien arbeitet und mit ihren Expertisen dafür sorgt, dass Firmenbesitzer beim Arbeitsplatzabbau ihr Gesicht wahren können, wird sie auf sich selbst zurückgeworfen: Ihr Lebenskünstler-Vater kreuzt plötzlich auf krempelt ihr geordnetes Leben mit teils fiesen Scherzen um. So taucht er maskiert in ihrem Arbeitsumfeld auf und bringt sie dazu, ihr Tun zu überdenken. Wenn nötig, eben im Gorillakostüm. Zehn Jahre nach „Das leben der anderen“ hat damit wieder ein deutscher Film bei den Europäischen Filmpreisen gesiegt. Maren Ade schlug starke Konkurrenz wie Ken Loach oder Pedro Almodóvar. „Ich bin sehr glücklich und geehrt“, sagte die Filmemacherin, die selbst nicht gern im Rampenlicht steht, und gab zu bedenken: „Als Filmemacherin finde ich Wettbewerb im Kulturbereich eine schwierige Sache, weil es natürlich nie einen besten Film oder so etwas gibt.“ Dennoch geht sie mit „Toni Erdmann“ nun aussichtsreich ins Rennen um den Auslands-Oscar. Sandra Hüller freute sich bei der Gala in Polen ausgelassen: „Wir haben so viel Arbeit reingesteckt. Es ist eine schöne Belohnung.“ Simonischek erwischte die Ehrung kalt – aus Aberglauben hatte er keine Danksagung vorbereitet. Breslaus Bürgermeister Rafal Dutkiewicz hatte die Gala genutzt, um auch politische Töne anzuschlagen. Er warnte vor dem sich derzeit ausbreitenden Nationalismus. „Nationalismus ist wie stinkender Schweiß, der vom Körper abgewaschen werden muss“, sagte er. „Europa, nimm eine Dusche!“, appellierte er. „Sei unsere hellleuchtende Zukunft.“ Darauf stiegen auch die Preisträger ein. „Wenn Europa eine Dusche braucht, versuchen wir, Wasser zu bringen“, sagten die polnischen Gewinner des Publikumspreises, Malgorzata Szumowska und Michal Englert („Body“). Anspielungen gab es auch zum politischen Rechtsruck im Gastgeberland. „Polen ist ein Teil Europas“, sagte der polnische Gala-Moderator Maciej Stuhr. Er hoffe, dass dies so bleibe. Politisch wurde es auch, als Ex-Pussy-Riot-Mitglied Marija Wladimirowna Aljochina an das Schicksal des inhaftierten ukrainischen Filmemachers Oleg Sentsov erinnerte. Posthum wurde Polens verstorbener Meisterregisseur und Akademie-Mitgründer Andrzej Wajda („Das Massaker von Katyn“, „Pan Tadeusz“), der im Oktober im Alter von 90 Jahren starb, geehrt. Einwurf |ütz/dpa