Kaiserslautern „Der Marathon ist definitiv zu kurz“

Die ultralangen Distanzen ziehen ihn an: Kai Jendrezke läuft in der Woche 100 bis 200 Kilometer.
Die ultralangen Distanzen ziehen ihn an: Kai Jendrezke läuft in der Woche 100 bis 200 Kilometer.

Wie klappt es, die Kurve zu kriegen, sich immer wieder für den Sport zu motivieren? Kai Jendrezke, Europameister im Sechs-Stunden-Lauf sagt dazu ganz klar, es braucht einen Verein und ein passendes Team.

Wie um alles in der Welt wird man Ultraläufer?

Spaß haben, klein anfangen und ganz wichtig, es braucht einen Verein mit einer sympathischen Mannschaft. Und dann rennt man locker über 50 Kilometer und mehr? Ganz so locker natürlich nicht. Ich war schon länger mit der FCK-Mannschaft ganz erfolgreich auf der 25-Kilometer-Distanz unterwegs. Es ist einfach eine nette Gesellschaft, in der man sich auch privat trifft. Da war einfach immer Spaß dabei. Und dann kam der Lauf in Hessen. Wie immer waren wir nach 25 Kilometern im Ziel, aber da waren andere, die sind weiter gelaufen. Die sind 50 Kilometer gelaufen. Das fand ich spannend, und ich dachte mir, das muss doch bei mir auch gehen. Hat wohl funktioniert, wie die große Liste der Erfolge dokumentiert? Es hat schon noch etwa drei Jahre gedauert, bis ich dann am 29. März 2009 zum ersten Mal einen 50-Kilometer-Lauf absolvierte. Und der war auch nicht gleich erfolgreich. Aber ich habe gemerkt, meine Stärken liegen tatsächlich im langen Lauf. Der Marathon ist für mich gesehen, definitiv zu kurz. So nach und nach kamen die Erfolge und mit ihnen der Hunger auf das Siegen und auf weitere Herausforderungen, wie die 100-Kilometer- Distanz oder auch der Sechs-Stunden-Lauf. Sie sind Europameister im Sechs-Stunden-Lauf, das ist echt eine gewaltige Leistung. Was hat man unterwegs für Gedanken, sind die nach Stunde eins ähnlich wie in Stunde sechs? Auf jeden Fall versucht man sich selbst abzulenken. Sechs Stunden sind schon lang. Am Anfang liegt der Gedanke beim Gegner. Wie läuft er, wie atmet er. Man horcht quasi die Konkurrenz aus. Dann kommt die Phase, da tun die Beine einfach nur weh. Der Punkt kommt immer, das weiß man, und man muss mit ihm umgehen und versuchen, es auszublenden. Den Schmerz ausblenden und weiterlaufen, wie geht das denn? Man konzentriert sich auf die eigene Stoppuhr, denkt nach, ob alles klappt, wie man sich das vorgenommen hat. Dann ist da wieder der Gegner. Wie sieht der aus, wie läuft er jetzt? Und irgendwann kann man mit den schmerzenden Beinen umgehen. Der Blick auf die Uhr zeigt dann auch, dass das meiste vorbei ist. Jetzt ist es der Gedanke, es ist schon so viel erreicht, aufgeben geht da nicht mehr. Langsam zählt im Kopf nur noch Platz eins. Danach bin ich hungrig. Das treibt schon an. Europameister, das war 2016. Danach war Ihr Name nicht mehr ganz so präsent in der Laufszene. Warum? Europameister zu werden, das war mein ganz großes Ziel. Ich hab’s erreicht und fand mich irgendwie in einer Leere wieder. Mein Ziel war weg. Die Motivation auch. Leistungsmäßig habe ich mir deshalb eine Auszeit gegönnt, und dann kam prompt eine Verletzung, die mir doch ein gutes Jahr zu schaffen machte. Ein Jahr, in dem mir der weite Lauf dann allerdings ziemlich gefehlt hat. Sie sind zurück in den Laufschuhen, greifen Sie in diesem Jahr wieder an? Ganz aufgehört hatte ich nie. Aber jetzt, wo der Körper sagt, alles gut, sagt mir auch der Kopf, Mensch, Du warst doch mal gut, das klappt wieder. Leistungsmäßig wieder in Erscheinung treten, vorne mitlaufen, so heißt das Ziel für 2018. Auf den Spaß kann ich einfach nicht verzichten. Sie haben Familie, einen Beruf. Da ist es doch sicher nicht immer leicht, sich für die Laufschuhe zu entscheiden und loszurennen, oder? Doch das geht schon. Ich gehe allerdings direkt nach der Arbeit ohne Umweg über das Sofa laufen. Oder aber ich laufe vor der Arbeit und gehe dann frisch motiviert in den Alltag. Meine Familie steht da hinter mir. Bei den Läufen ist meine Frau oft dabei, gibt mir die Zeiten durch. Das ist schon gut. Sie laufen auch international, verbrauchen dafür auch den Urlaub. Rennen statt Seele baumeln lassen. Wie geht das zusammen? Das geht super zusammen. Ich war gerade wieder mit Simone, meiner Frau, in Italien. Wir hatten eine Woche Urlaub, und am Schluss stand ein Ultralauf an. Bis dahin sind wir gemeinsam kleinere Trainingsläufe bis zehn Kilometer gelaufen, haben das Wasser und die gemeinsame Zeit genossen. Ein richtig schöner Urlaub. Ein Satz zu den Schuhen: Wie viele Kilometer kommen in der Woche auf die Laufschuhe? 100 bis 200 Kilometer pro Woche sind es schon, je nachdem, wie weit der nächste Lauf entfernt ist. Und wie viele Schuhsohlen kostet das? Da gehen schon sieben bis acht Laufschuhe pro Jahr drauf. Allerdings muss ich dazu sagen, ich habe ungefähr 20 Paar Laufschuhe im Einsatz und laufe jeden Tag mit einem anderen Schuh. Damit habe ich die besten Erfahrungen gemacht.

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