Kaiserslautern Der Mann für das richtig Gute

Was fällt einem bei Sir Neville Marriner ein? Mozart natürlich zuerst – aber dann auch Mendelssohn und Cherubini, von dem es eine ebenso zündende wie amüsante Ouvertüren-CD unter Leitung des heute vor 90 Jahren geborenen britischen Maestros gibt. Eine von rund 600, wenn man den Statistikern glauben darf.
Bei den 600 Werken handelt es sich eher um die Anzahl der Einzelwerke als die der eingespielten Scheiben. Es bleibt auch in diesem Falle eine gewaltige Zahl. Besonders die 70er und 80er waren Marriner-Zeit, vor allem im Zusammenwirken mit der Academy of St. Martin in the Fields, diesem von ihm (damals noch schlichter Orchestergeiger) 1959 gegründeten, gemanagten und bis heute geliebten Ensemble. Was, wie es aussieht, auf Gegenseitigkeit beruht: zur Jubiläumstournee des Dirigenten in den kommenden Monaten sieht man sie wieder beisammen. Dass er sich nach und nach auch andere Wirkungsstätten erschloss – als Chef wie beim Los Angeles Chamber Orchestra oder den Stuttgarter Radio-Musikern oder als freundlicher und auch freundlich respektierter Gast wie unter anderem bei der Dresdner Staatskapelle – hat an der symbiotischen Außenwirkung mit „seiner“ Academy nichts Wesentliches geändert. Hier kam in den gemeinsamen Aufnahmen und Konzerten die Essenz dessen zum Tragen, was Marriners Ausstrahlung prägt: flüssig-elegante, elementare und sozusagen locker lustbetonte Musikalität, ein ausgeprägter, kammermusikalisch geschulter Sinn für orchestrale Farben und damit, summa summarum, eine sehr menschliche und oft geradezu anheimelnde Wärme des Klangbildes. Gewiss gab und gibt es da auch Grenzen, zumal im Kontrast zur sich parallel entfaltenden historischen Aufführungspraxis – deren Erkenntnisse der Dirigent aufmerksam registrierte und einsetzte, ohne dabei, zum Beispiel in der Frage der Tempo- und Instrumentenwahl, alle Konsequenzen mitzugehen. So zeigt sich der Jubilar in der Gesamtsicht eher als Mann des Heiteren, Unterhaltsamen oder Turbulenten und weniger als Sachwalter tragisch zerrissener und philosophisch vertiefter Tönungen. Seine Mozart-Serenadeneinspielungen etwa und vor allem die großartige Serie der Klavierkonzerte mit dem kongenialen Alfred Brendel sind bis heute Referenzaufnahmen – nicht zuletzt, weil er in diesen Werken auch ihre Gefühls-Verspieltheit und schwärmerische Verträumtheit, ihr sozusagen prä-romantisches Potenzial, erspürt. Die späten Sinfonien des Salzburger Genies hingegen erklingen zwar auch mit Anstand und Noblesse, aber doch in vergleichsweise kleinem Karo. Insofern sollte man vielleicht sagen: Da, wo Marriner und seine Crews gut sind, sind sie auch richtig gut; und das ist, wenn dabei eine solche Menge zusammenkommt wie bei ihm, immer noch eine wunderbare Bilanz für ein Musikerleben.