Kaiserslautern
Der Lauterer Musiker und Clubbetreiber Michael Halberstadt bringt neuen Song heraus
Am Klavier sieht man den Gitarristen heutzutage eher selten. Für gewöhnlich bearbeitet er den Sechssaiter, schwingt die Gläser hinter der Salon-Theke oder interviewt Gäste aus Kunst und Kultur auf der hauseigenen Talk-Couch – eine Erfindung, die aus der Pandemiekrise heraus geboren wurde. In seinem ersten eigenen Musikvideo seit Jahren sitzt er aber da am E-Piano, flaniert über die Tasten und singt balladig ins Mikrofon. Ohne Band, ohne viel Brimborium, nur echte, handgemachte Musik.
Vor rund 30 Jahren sah das noch ein bisschen anders aus. Handgemacht – ja. Aber mit Band. Und viel Brimborium! Denn mit seiner damaligen Gothic-Punk- und Dark-Wave-Kombo Arts & Decay hatte Michael Halberstadt sich mit Haut und Haaren – im wahrsten Sinne – der exzentrischen „Schwarzen Szene“ der späten 1980er und frühen 1990er verschrieben. Und dabei nicht nur die Aufmerksamkeit des damaligen Lautrer Musikkosmos’ erlangt, sondern auch die des Münchener Independent-Labels BSC von Christoph Bühring-Uhle und Christian Stolberg. Zu den beiden Verlagsgründern behielt Halberstadt auch fast 30 Jahre nach der Bandauflösung 1992 Kontakt. „Die musikalische Wiedervereinigung war aber eher Zufall“, sagt er.
„Charmant abgemischt“
„Christoph schickte mir Anfang Mai eine Mail. Ich sollte doch seine neue Facebook-Seite liken, was ich gerne tat. Gleichzeitig habe ich ihm eine MP3-Version eines Songs geschickt, den ich in derselben Woche als Demo aufgenommen hatte – mit dem eher nicht zu ernst gemeintem Vermerk: ,Hi Christoph, habe übrigens gerade einen neuen Hit aufgenommen. Beste Grüße!’ Christoph schrieb mir spontan zurück und meinte: ,Ist ja spitze! Können wir den bitte bei uns veröffentlichen ?’“ Fertig war die Kollaboration! „Ich hatte den Song lediglich mit Piano und Gesang live eingespielt, machte dann noch ein String-Arrangement und fügte im Schlussteil ein paar Drums ein – das war’s.“
Und dank des digitalen Zeitalters ging der Rest auch ziemlich schnell – schneller als noch zu Arts & Decay-Zeiten. „Ich war mir zunächst etwas unsicher wegen dem Endmix, da ich den Song lediglich mit meinem MacBook und einem gewöhnlichen Musikprogramm aufgenommen hatte“, gesteht der Musiker. „Aber der Tonmischer Frenzy Erl von den Highline Studios in München meinte, ich hätte alles bereits so charmant abgemischt, dass er nur noch den Pegel etwas anheben und Kleinigkeiten beim EQ verändern musste. Und so haben wir’s dann genommen.“
Eine One-Man-Show
Dabei war der Track nie für die Öffentlichkeit gedacht. „Wie gesagt war ,One More Time’ als Demo gedacht, von denen ich während des Coronalockdowns einige im Salon Schmitt aufgenommen habe. Insofern eine One-Man-Show, von mir komponiert, getextet und eingespielt. Auch das Video war eher eine Aufnahme-Session, mit verschiedenen Einstellung vor einer statischen Kamera. Tebriz Xelilov hat mich bei ein paar Sequenzen unterstützt.“ Eigene „Halby“-Werke – so die liebevolle Abkürzung für den Lautrer Kult-Gitarristen – im Netz sind eher eine Seltenheit für den Musiker. „Ich bin mit eigenem Material sehr selbstkritisch und eher etwas vorsichtig. Da sollte doch alles stimmen, sonst bleibt es in der Schublade“, sagt er.
„Halby“-Fans dürften jedoch etwas anderes hoffen. Denn der neue Song ist vielversprechend – und inhaltlich brandaktuell. „In Text und Video geht es um die Corona-Krise, wenn auch auf den zweiten oder dritten Blick. Ich mag es, Dinge zu produzieren, bei denen mit Symbolik gearbeitet wird und am Ende die wahre Intension des Autors nur ihm selbst klar ist. Da bleibt letztendlich viel Raum zur Eigeninterpretation.“
Niemals nie sagen
Ob man die einmalige Wiedervereinigung zwischen ihm und BSC Music eventuell auch als Startschuss für mehr eigene Veröffentlichungen interpretieren kann, bestätigt Halberstadt – getreu seinem Motto – deshalb nicht. Aber „Wenn durch Zufall nach so langer Zeit eine spontane Songveröffentlichung zustande kommt, mit demselben Team, ist das doch äußerst romantisch. Vielleicht ein gutes Omen“, lockt er.
Abwegig wäre es nicht. Immerhin läuft über BSC Music bis heute der komplette Onlinevertrieb des Arts & Decay-Materials, das die Band zwischen 1986 und 1992 veröffentlicht hatte. Warum also nicht auch Halberstadts Solo-Fahrten. Doch träumen kann man viel. „Aber erst mal steht die Promo-Arbeit für ,One More Time’ an. Es sind mehrere Radiointerviews geplant, ein TV-Auftritt und natürlich die Präsenz in den Sozialen Netzwerken sowie eine flächendeckende Bemusterung von Radiostationen und Redaktionen. Weihnachten ist ja auch dieses Jahr wieder – vielleicht ein gutes Timing, um davor ein komplettes Album raus zu bringen. Lust und Material habe ich.“ Vielleicht auch Zeit für ein Arts & Decay-Reunionkonzert? „Das Thema taucht immer mal wieder auf. Letztendlich scheiterte das Ganze an der räumlichen Verteilung der Bandmitglieder und an unserer Gagen-Vorstellung. Man sollte aber niemals nie sagen!“