Kaiserslautern Der Kontrabass-Flüsterer

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In den letzten Jahren ist er nicht mehr öffentlich aufgetreten, eine schwere Erkrankung machte ihm zu schaffen, Spätfolgen einer Polio-Infektion in jungen Jahren. Nun ist Charlie Haden, der große Jazzbassist, Komponist und Bandleader, mit 76 Jahren in Los Angeles gestorben.

Es war 1995 beim Deutschen Jazzfestival in Frankfurt. Ein merkwürdiges Trio hatte sich da auf der weitläufigen Bühne versammelt. Cream-Veteran Ginger Baker hatte sein üppiges Trommelinstrumentarium auf der rechten Seite ausgebreitet. In der Mitte stand der Gitarrist Bill Frisell mit seiner E-Gitarre und vergleichsweise kleinem Equipment. Ganz links, fürs Publikum fast nicht zu sehen, hatte sich Charlie Haden mit seinem Kontrabass hinter einem Mast der Beleuchtungsanlage verkrochen, sich zusätzlich mit einem Plexiglasschirm gegen den zu erwartenden Lärm der Kollegen abgeschirmt. Über Charlie Haden erzählt diese sonderbare Szene zweierlei: Zum einen war er ein empfindsamer, fast schüchterner Mensch, besorgt um sein tinnitusgeschädigtes Gehör und seine Musik, ein stiller Poet des musikalischen Erzählens, der auf jedem einzelnen Ton bestand. Sein Spiel war stets prägend für die Ensembles, in denen er mitwirkte, auch wenn er sich niemals in den Vordergrund gedrängt hat, weder als Mitglied von Ornette Colemans legendärem Quartett, mit dem er Ende der 1950er Jahre dem Free Jazz den Weg bahnte, auch nicht Ende der 1960er Jahre als Mitglied des Trios von Keith Jarrett und schon gar nicht beim Liberation Music Orchestra, das er gemeinsam mit Carla Bley leitete und als eine Art musikalische Protestplattform benutzte, speziell gegen die kriegerische US-Außenpolitik. Was man an der Frankfurter Begegnung von Haden mit dem Rockdrummer Ginger Baker und dem courtrybeseelten Jazzgitarristen Bill Frisell noch erkennen kann, ist die unglaubliche Offenheit dieses Musikers. Vielleicht hatte dies ja mit seiner Sozialisation im ländlichen Missouri zu tun. Die Haden-Family hatte es mit Country- und Western-Songs bis ins Radio geschafft und eine tägliche Show bestritten mit dem kleinen Charlie als Jodeltalent. Traditionellerer Jazz lag ihm genauso am Herzen wie die Avantgarde, er spielte mit so unterschiedlichen Musikern wie Dexter Gordon, Kenny Barron, Pat Metheney, Jan Garbarek, mit den Sängerinnen Norah Jones und Diana Krall, mit Yoko Ono, Ringo Starr und Elvis Costello. Eines seiner liebsten Bandprojekte in den 1980er Jahren war das Quartet West, in dem eine Art klassizistischer Neobop zelebriert wurde. Und immer wieder nahm Haden Duos auf, die intimste Form des Zusammenspiels. Auch sein letztes Album, im Juni bei ECM erschienen, ist ein Duo mit seinem alten Partner Keith Jarrett, Titel: „Last Dance“. Beim Festival „Enjoy Jazz“ war Haden regelmäßiger Gast mit unterschiedlichen Besetzungen. Er war gern bei diesem Festival, weil hier jeder Band ein eigener Abend und damit viel Aufmerksamkeit gewidmet wird. „You have big ears“, lobte er das Publikum in Mannheim einmal, er meinte damit, dass die Menschen ihre Ohren zum Zuhören nutzen. Und das war ihm das Wichtigste.

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