Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Der Kaiserslauterer Hauptfriedhof ist der größte Park der Stadt

Der Hussong-Pavillon aus dem Jahr 1912 auf dem Hauptfriedhof.
Der Hussong-Pavillon aus dem Jahr 1912 auf dem Hauptfriedhof.

Er ist Ort der Trauer, Treffpunkt, Spiegelbild der Gesellschaft: der Kaiserslauterer Hauptfriedhof. Ein Spaziergang führt vorbei am Hussong-Pavillon und dem Grabmal des Nähmaschinenfabrikanten Georg Michael Pfaff. Und er offenbart: Die Friedhofskultur ändert sich rasant.

Er ist weitläufig, der 55 Hektar große Hauptfriedhof. Von der Friedhofskapelle aus über die Lindenallee bis zu den Gräbern ganz hinten im östlichen Waldteil ist ein Kilometer Strecke zurückzulegen, auf dem kürzesten Weg. An der oberen Friedhofsmauer entlang und nahe dem Haupteingang finden sich zahlreiche monumentale Grabstätten bekannter Kaiserslauterer Familien wie Jaenisch und Karcher, hier wird Industriegeschichte erzählt. Die Bildhauerdynastien Menges und Bernd haben Spuren hinterlassen. Ziemlich vorne stößt der Besucher auf den Jüdischen Friedhof aus dem Jahr 1858, um den herum die wie ein Park angelegte Anlage entwickelt wurde. Das Besondere sind die 5000 alten Bäume, Buchen, Eichen, Linden. „Der Klimawandel schlägt voll zu“, bedauert Mario Schaan, der für die Unterhaltung zuständig ist. Baumkontrolleure hätten viel zu tun, einige Bäume seien schon krank, deshalb müsse bei Herbststürmen abgeschlossen werden.

Rasengräber sind stark nachgefragt

Was auffällt: Die Anzahl der Urnengräber nimmt rasant zu. Christian Hemmer, Leiter der Friedhofsverwaltung, berichtet, dass im Jahr 2020 1147 Beisetzungen stattfanden, darunter 616 auf dem Hauptfriedhof, 205 auf den Vorortfriedhöfen und 326 im Bestattungswald Ruheforst. Dabei sei die Anzahl der Urnenbeisetzungen auf 75 Prozent gestiegen. Die Hälfte der Hinterbliebenen will oder kann die Grabpflege nicht mehr selbst übernehmen. Angehörige entscheiden sich deshalb für anonyme Gräber (zuletzt rund 40 im Jahr) oder ein Rasengrab, bei dem nur ein Name auf einer Steinplatte steht und Blumen abgelegt werden dürfen. Ein Urnen- oder Rasengrab kostet 54 Euro im Jahr, ein Standardgrab 82. Die Nachfrage nach Rasengräbern steige enorm, sagt Hemmer. „Angeboten wurden sie erstmals im Jahr 2008, damals gab es gerade mal 15. Derzeit kommen über 220 neue pro Jahr hinzu.“

Reine Baumbestattungen sind nur im Ruheforst in Richtung Hochspeyer möglich. Das soll so bleiben, sagt Gerhard Prottung, Leiter des Referats Grünflächen. Es spreche aber nichts dagegen, sich auf dem Waldfriedhof im hinteren Teil für ein Urnengrab ohne Einfassung zu entscheiden. Überhaupt der Waldfriedhof. Er ist ein bisschen verwunschen, die Wege sind uneben, Eichhörnchen springen umher. Da fehlt ein bisschen die geradlinige Wegeführung. Und genau das ist so gewollt. Dort, ganz im Osten, beginnend hinter dem Grabmal von Fritz Walter, kann man sich treiben lassen. Stößt auf den imposanten Hussong-Pavillon, das Grabmal des Nähmaschinenherstellers Pfaff, die alte Huber-Kapelle, den Ehrenfriedhof, auf dem 1023 Kriegsopfer ihre letzte Ruhe gefunden haben.

Stadtgärtnerei fehlt den Mitarbeitern

Es wird viel geschimpft in Kaiserslautern. Über den Hauptfriedhof gibt es kaum Klagen. „Er gilt als einer der schönsten Friedhöfe im Südwesten“, sagt Hemmer. Prottung ist überzeugt davon, dass das mit dem hohen Pflegeaufwand zu tun hat. 35 Mitarbeiter kümmern sich um den Friedhof, 24 sind für den Unterhalt zuständig, gießen, rechen Laub, überprüfen die Grabsteine auf Standfestigkeit, schneiden Hecken zurück, damit die Sicht frei bleibt. Der Schlüssel könnte sein, dass beim Friedhof noch alles in einer Hand liegt, nicht zig Referate sich die Zuständigkeit teilen. Nur die Stadtgärtnerei fehlt. „Heute muss alles zugekauft werden, vom Kranz für den Ehrenfriedhof bis zu den Stiefmütterchen, die auf eines der 21 Ehrengräber kommen, die die Stadt pflegt“, erklärt Schaan. Zu den Ehrengräbern zählen beispielsweise die letzten Ruhestätten neun verstorbener Oberbürgermeister.

Über 60 Grabmale stehen unter Denkmalschutz

Weil durch die sich verändernde Bestattungskultur schon jetzt rund ein Drittel weniger Fläche gebraucht wird, soll der Parkcharakter noch stärker herausgearbeitet werden. Über 60 Grabmale stehen unter Denkmalschutz, eines der ältesten ist ein Eisensarkophag für August von Gienanth. „Wir sind an einem Friedhofsentwicklungsplan dran“, berichtet Prottung, der Blumenwiesen anlegen will, die ebenso wie die 70 aufgehängten Nistkästen helfen soll, dass sich Vögel und Insekten auf dem Friedhof wohlfühlen. An der Hauptachse zum Löwenbrunnen setzt ein großes Staudenbeet längst Akzente. Schaan berichtet, dass der Friedhof mit seinen 400 Bänken Treffpunkt ist. „Die Leute gehen spazieren, kommen her und lesen ein Buch.“ Ein Magnet und ein Aushängeschild sei der über 100 Jahre alte Löwenbrunnen an der Eingangsachse von der Mannheimer Straße aus, der dank engagierter Bürger renoviert wurde, jetzt aber Schäden an der Brunnenschale aufweist.

Vieles auf dem Hauptfriedhof trägt die Handschrift des bekannten Stadtbaumeisters Hermann Hussong, nach dessen Plänen die Anlage im Jahr 1909 erweitert wurde. Von ihm ist etwa in der Nähe des Haupteingangs ein Unterstand zu entdecken. Zu sehen gibt es ganz viel. Alles, was es für einen Streifzug über den Friedhof braucht, ist Zeit.

Die Kümmerer vorm Löwenbrunnen: Mario Schaan, Christian Hemmer und der Chef des Grünflächenreferats, Gerhard Prottung.
Die Kümmerer vorm Löwenbrunnen: Mario Schaan, Christian Hemmer und der Chef des Grünflächenreferats, Gerhard Prottung.
Ganz besonders: der Waldfriedhof. Er wurde nach den Plänen von Stadtbaumeister Hermann Hussong angelegt.
Ganz besonders: der Waldfriedhof. Er wurde nach den Plänen von Stadtbaumeister Hermann Hussong angelegt.
Herbststimmung pur: die Lindenallee. Im Hintergrund die Friedhofskapelle, die unter Denkmalschutz steht.
Herbststimmung pur: die Lindenallee. Im Hintergrund die Friedhofskapelle, die unter Denkmalschutz steht.
Grabmal der Familie von Georg Michael Pfaff.
Grabmal der Familie von Georg Michael Pfaff.
Im Trend: Rasengräber.
Im Trend: Rasengräber.
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