Kaiserslautern
Der Kaiserslauterer Fotograf Jörg Heieck und sein Ludwigshafener Kollege Günther Wilhelm stellen erstmals gemeinsam aus
Anfang des Jahrtausends war es, als sich der Kaiserslauterer Fotograf und der Ludwigshafener Grafiker, Fotograf und Objektkünstler kennen lernten. Und das, wie sollte es anders sein, bei einer Fotoausstellung in Koblenz. Der eine seinerzeit ein aufstrebender Mittdreißiger, der in diesen Jahren einer breiteren Öffentlichkeit über Ausstellungstätigkeiten in der Pfalzgalerie und dem Kaiserslauterer Kulturzentrum Kammgarn bekannt wurde. Der andere bereits eine Institution in der freien Szene am Rhein mit seiner Galerie Hartmannstraße 45, die 1984 an den Start ging und in den Folgejahren mit ausgefallenen Ausstellungen und Performances von sich reden machte.
Man blieb in Kontakt, Heieck gab Workshops in Ludwigshafen, Wilhelm steuerte im Gegenzug zu dessen international besetzter Fotoschau im Kunstlager Kaiserslautern 2017 Arbeiten bei. Auch gemeinsam stellte man aus: Die Arbeiten beider Künstler waren bei einem Projekt des Docu Center Ramstein in einer Gruppenausstellung zum Thema Ramstein im Wirtschaftshaus Unterhammer bei Trippstadt zu sehen. Doch eine Doppelschau alleine mit Arbeiten von Jörg Heieck und Günther Wilhelm gab es bislang nicht. Obwohl das doch so nah lag und liegt.
Faszinierende Welt aus Handwerk und Kuriosem
Denn beide, Heieck wie Wilhelm, beschäftigen sich unter anderem intensiv mit dem Thema Stadtlandschaft. Und beide pflegen seltene fotografische „Uraltverfahren“, respektive Edeldruckverfahren. Von beidem kann man sich derzeit in der Ludwigshafener Galerie Hartmannstraße 45 im wahrsten Wortsinne ein Bild machen. Wobei der Begriff Galerie eigentlich weit untertrieben ist.
In eine faszinierende Welt aus Handwerk und Kuriositäten taucht ein, wer den Hauptraum in der Hartmannstraße durch den idyllischen Innenhof betreten hat. Das Atelier von Günther Wilhelm atmet den unbändigen Geist der Kreativität. Bis unter die Decke stapeln sich Gläser, Töpfe und Tiegel mit den verschiedensten Flüssigkeiten, Steine, Puppenteile, Holzstücke, dazwischen schwere Druckplatten, massive Pressen und was Wilhelm sonst noch so benötigt für seine (foto)grafische Arbeit, aber auch die Objektkunst, der er daneben nachgeht.
Blaudruck trifft Braundruck
In diesen Rahmen fügen sich die Arbeiten der beiden Linsenkünstler nahtlos ein – schon durch ihre Technik aus den Kindertagen der Fotografie, die ihnen entsprechend eine „altertümliche“ Aura verleiht. Die Cyanotypie pflegt dabei der Westpfälzer seit etlichen Jahren. Jenes auch Blaudruck genannte Verfahren verwendet Eisen statt Silber zur Herstellung der Abzüge. 1842 entwickelte der Engländer John Herschel diese Technik, bei der das Sonnenlicht die Negative oder Objekte direkt auf das Papier belichtet. Typisch für das Verfahren sind eben seine Blautöne.
Brauntöne dominieren dagegen die Arbeiten des Ludwigshafeners. Sie sind wiederum kennzeichnend für die Kallitypie, die sich der britische Chemiker W. W. J. Nichol 1889 patentieren ließ – und die natürlich keinesfalls zu verwechseln ist mit der Kalotypie von William Henry Fox Talbot. Man merkt: Eine Wissenschaft für sich sind diese Edeldruckverfahren, von denen Heieck und Wilhelm so fließend parlierten bei der Vernissage am vergangenen Freitagabend. Dabei mag es nicht nur am vorbildlich getragenen Mundschutz und seinen akustischen Auswirkungen gelegen haben, dass sich die Feinheiten der Uralttechniken nicht bin zur letzten chemischen Formel erschlossen.
Vom Menschen befreit sind Landschaften und Städte
Um so eindringlicher kommt die Bildsprache rüber. Fern jeder Hochglanzästhetik entstehen bei Heieck und Wilhelm Arbeiten von großer Ruhe, kalkuliertem grafischen Bildaufbau und ausgewogener Komposition. Heiecks Ablichtungen der Ludwigshafener Brückenlandschaften haben dabei nicht nur einen starken dokumentarischen Charakter, werden die Hochstraßen doch bald Geschichte sein. Sie zeigen vielmehr die abstrakte Seite des Künstlers, die sich schon in seinen früheren Landschaftsserien ankündigt. Kongenial, ebenso menschenbefreit wie beinahe meditativ, setzt Wilhelm seine Ansichten von Neustadt, Ludwigshafen oder Mannheim in Szene.
Wieder- und neu entdecken lassen sich so prägende Stadtarchitekturen aus oft ungeahntem Blickwinkel. Reizvoll ist dabei der Kontrast zwischen „antiker“ Anmutung der Exponate über ihre Machart und der abgebildeten modernen Architektur – etwa die „Tortenschachtel“ auf dem Berliner Platz, das Ostasieninstitut am Rheinufer oder das Victoria-Hochhaus auf der anderen Flussseite, die Wilhelm in Szene setzt. Die Breite des Experimentierfelds über die diversen Druckverfahren hinaus zeigt in der Ausstellung beider Umgang mit der Lochkamera und dem Medium der (Un)schärfe.
Fazit: Eine Schau zum Entdecken also – nicht nur der Kunst, sondern auch der einnehmenden Werkstattatmosphäre, in der sie zumindest teilweise entsteht. Ein Tipp also für den nächsten Trip an den Rhein sicherlich.
Ausstellung