Kaiserslautern
Der Herrscher und seine 16-jährige Braut
Zu dieser Zeit besaß Kaiserslautern noch keine Stadtrechte. Aber 100 Jahre zuvor hatte Friedrich Barbarossa eine baufällige Burg zur prächtigen Kaiserpfalz ausbauen lassen und damit dem Marktflecken am Lauterufer zu überregionaler Bedeutung verholfen. Er stiftete ein Spital und übertrug die Seelsorge an Mönche des Prämonstratenser-Ordens, die er vom württembergischen Leutkirch nach „Lutra“ einlud.
Indem der Kaiser den Klosterbrüdern eigene Forstflächen zur Verfügung stellte, schied er ihrem Stifts- vom Stadt- und Reichswald. Auf Grenzsteinen wurden die jeweiligen Besitztümer durch die Darstellung einer „Wolfsangel“ (einer Art Metzgerhaken) markiert. Barbarossas Chronisten listen mindestens sieben Besuche des Kaisers in Lautern auf, in den Jahren 1186 und ’87 hielt er hier Hoftage. Für die Dauer dieser Tagungen war Kaiserslautern also so etwas wie die Hauptstadt des römisch-deutschen Kaiserreichs.
Herausgeputzte Kaiserpfalz
Im Frühsommer 1269 – also acht Jahrzehnte nach Barbarossas Tod – war die Lauterer Kaiserpfalz samt aller umliegenden Straßen und Häuser festlich herausgeputzt. Der Herrscher hieß jetzt Richard von Cornwall und hatte die römisch-deutsche Krone bereits seit 19 Jahren inne. Er war ein Schwager von Barbarossas Enkel Friedrich II., mit dessen Tod im Jahr 1250 das „Interregnum“ begann – eine Zeit, in der schwache Herrscher ohne echten Rückhalt regieren und sich oft vergeblich gegen intrigante Mitbewerber behaupten mussten.
In den Geschichtsbüchern heißt es über Richard, er habe „bei nur viermaligem Aufenthalt im Reich keine Machtstellung gewinnen“ können. Seine Regierungszeit war von Anfang an verfahren. Bereits sein Vorgänger Wilhelm von Holland stritt sich zeitweilig mit einem Gegenkaiser. Als er 1256 im Kampf fiel, waren seine beiden Söhne noch im Kleinkindesalter.
„Geld wie Wasser“
Um die Nachfolge bewarben sich der König von Kastilien und eben Richard von Cornwall, der sagenhaft reiche Bruder des englischen Königs Heinrich III. Da die Regenten des römisch-deutschen Reichs von den Sieben Kurfürsten gewählt wurden, suchten beide Kandidaten nach Unterstützern. Richard soll, wie es in einer Chronik heißt, „Geld wie Wasser vor die Füße der Fürsten geschüttet“ haben.
Der Heidelberger Pfalzgraf Ludwig II. verpflichtete sich im November 1256, dass er für Richard votieren werde. Beim Wahlgang am 13. Januar 1257 bekam der Engländer außerdem die Stimmen der Bischöfe von Mainz und Köln. Wenige Wochen später schlugen sich die Kurfürsten von Trier, Sachsen und Brandenburg auf die Seite des Spaniers.
Der Spanier und der Engländer
Zünglein an der Waage wäre der siebte Kurfürst gewesen, König Ottokar von Böhmen. Der jedoch legte sich trotz üppiger Geldgeschenke von beiden Seiten nicht fest. So erklärten sich beide Kandidaten zum Herrscher übers Heilige Römische Reich deutscher Nation. Allerdings hat Alfons von Kastilien niemals deutschen Boden betreten.
Richard von Cornwall, der erst jetzt per Schiff aufs Festland reiste, bestieg am Himmelfahrtstag, dem 17. Mai 1257 in Aachen den Thron Karls des Großen, nachdem er vom Kölner Erzbischof Konrad von Hochstaden das Zepter und die Reichskrone empfangen hatte. Wenig später fuhr er mit Mann und Maus wieder zurück nach England.
„Reichster Fürst der Christenheit“
Auf der Insel wie auf dem Kontinent war „dem reichsten Fürsten der Christenheit“ keine glückliche Herrschaft beschieden. Richard entstammte einem anglo-normannischen Adelsgeschlecht und war ein Neffe des legendären Königs, Kreuzfahrers und Trifels-Gefangenen Richard Löwenherz. Nachdem er zunächst die französische Grafschaft Poitou erworben hatte, finanzierte er 1240 aus eigenen Mitteln einen Kreuzzug nach Palästina.
Auf dem Heimweg feierte er in Italien verschwenderische Feste mit Friedrich II.. Aus Frankreich brachte der verwitwete Milliardär seine zweite Frau Sancha mit. Sie wurde mit ihm zusammen in Aachen zur „Königin der Römer“ gekrönt, starb aber vier Jahre später auf Berkhamstead Castle, dem Lieblingsschloss ihres Manns.
Donnersberger Machtkartell
Der wurde kurz danach in einen der zahlreichen Konflikte zwischen seinem Bruder und den englischen Baronen verwickelt und 1264 sogar für 16 Monate im Tower eingesperrt. Kein Wunder, dass er nur selten nach Deutschland kam. Dennoch hatte er, wie es in einem Porträt der Historikerinnen Brötz & Sprengart heißt, zur Pfalz „eine ganz besondere Beziehung“.
So konnten die Donnersberger Adelsgeschlechter Bolanden, Hohenfels und Falkenstein während seiner Regierungszeit ihre Machtstellung als Reichsministeriale ausbauen. Philipp von Hohenfels gehörte vor Richards Königswahl zum Verhandlungsteam, sein Vetter Philipp von Falkenstein brachte die Reichskleinodien vom Trifels zur Krönung nach Aachen. Die Falkensteiner stiegen zu Reichskämmerern auf, Werner von Bolanden wurde mit dem hohen Amt eines Truchsess betraut.
„Perle der Frauen“
Die Nordpfälzer Falkensteiner waren mit den Aachener Edelmännern von Falkenburg verwandt. Ein Schriftstück von 1257 nennt Dietrich von Falkenburg und den pfälzischen Ritter Philipp von Falkenstein als Zeugen. Die Familien hatten sicher die Hände im Spiel, als Richard sowohl Heirats- als auch Reisepläne schmiedete. Im Spätsommer 1268 setzte er aufs Festland über und reiste rheinaufwärts in Richtung Aachen.
Dort traf er Beatrix, 16 Jahre alt, nach zeitgenössischen Quellen bildhübsch und „eine Perle der Frauen“, Tochter des Herrn von Falkenburg, Nichte des neuen Kölner Erzbischofs Engelbert von Falkenburg. Richard machte den 44 Jahre jüngeren Teenager zu seiner Braut. Durch die Verlobung konnte er sich mit dem Kölner Erzbischof und dem mächtigen niederrheinischen Hochadel verschwägern. Mit großem Gefolge reisten die Brautleute nach Worms, wo Richard fürs folgende Frühjahr seinen ersten Reichstag einberief.
„Palast ohne Vergleich“
Auf dieser Versammlung der mächtigsten Männer des Reichs schloss Richard einen „Rheinischen Landfrieden“, also den Verzicht auf die gewalttätige Durchsetzung ihrer Interessen. Außerdem wurde ein Großteil der Rheinzölle abgeschafft. Teilnehmer waren nicht nur die königlichen Günstlinge aus der Nordpfalz, sondern ebenso die Erzbischöfe von Trier und Mainz, mehrere Bischöfe, Kurfürsten, Grafen und Ministeriale.
Die meisten von ihnen waren auch zur Hochzeit eingeladen.
Während in Worms noch getagt wurde, fanden in Kaiserslautern die Vorbereitungen zur Hochzeitsfeier statt. Immerhin erwartete man an der Lauter neben dem königlichen Brautpaar die Bischöfe von Speyer und Bamberg, den Pfalzgrafen Ludwig von Oberbayern, die Grafen von Leiningen „und viele weitere fränkische und pfälzische Adelige“, wie es pompös, aber leider vollkommen nichtssagend in den Quellen heißt.
Witwe stirbt mit 23
Einer der Gäste war außerdem der Chronist Thomas Wykes, ein Mönch aus der Osenay-Kapelle bei Oxford. Er brachte einen Bericht über die am 16. Juni 1269 vollzogene Zeremonie zu Papier, in dem er nicht nur die Schönheit der 16-jährigen Braut betont. Nebenbei erwähnt er den Glanz der Kaiserpfalz und merkt an, sie müsse „keinen Vergleich scheuen mit den Palästen anderer Königreiche“. Eindeutig sexueller Natur ist die Anspielung, der König habe seine Gattin „nicht eine Nacht von seiner Seite weichen“ lassen.
Heinz Friedel hebt in seiner Lauterer Stadtchronik hervor, die Wahl gerade dieser Burg sei „ein Beweis dafür, welchen Ruf Lautern bereits hatte“. Dennoch verließen Richard von Cornwall und Beatrix von Falkenburg die Pfalz bereits kurz nach ihrer Trauung und fuhren heimwärts gen England. Die Ehe blieb kinderlos, der König starb 1272 und wurde im Kloster Hailes begraben. Beatrix kehrte nicht mehr in ihre Heimat zurück. Sie war erst 23, als sie am 17. Oktober 1277 starb und in Oxford beigesetzt wurde.