Kaiserslautern Der Hecht im Volkspark
„Sie haben so viele Hechte in der Stadt aufgezählt, aber es gibt da noch einen, den haben sie nicht genannt. Und den hat mein Vater gemacht“, sprach Wolfgang Wagner auf das Lesertelefon des „Marktplatz Kaiserslautern“, nachdem wir im September über den Fisch des Jahres berichtet hatten – den Lautrer Hecht, der vielleicht auch ein Karpfen war. „Ein Mosaik aus Pflastersteinen hinten im Volkspark“, war die zusätzliche Information, die ich hatte, bevor ich mich auf die Suche machte. Es war gegen Abend, die Sonne schon untergegangen, als ich die Rampe von der Entersweiler Straße runter in den Volkspark lief. Wie oft ich an der gesuchten Stelle vorbei tappte, weiß ich nicht mehr, zwei bis drei Mal bestimmt. Aber schließlich entdeckte ich ihn, den Hecht, dessen Umrisse aus bläulichen Steinen sich nur leicht vom Grau der umgebenden Pflastersteine abhebt. Erster Gedanke: Fotografieren bei diesen Lichtverhältnissen wird wohl nichts. Zweiter Gedanke: Den Mann, der hier, vermutlich ohne einen Vorgesetzten um Erlaubnis zu fragen, dieses Kaiserslauterer Symbol hinterlassen hat, möchte ich kennenlernen. Es hat dann einige Wochen gedauert, bis Wolfgang Wagner mich als Überraschungsbesuch mit zu seinen Eltern genommen hat – und ich in einen Familienerinnerungsvormittag gestolpert bin. Schnell saß ich in der Wohnung am Heiligenhäuschen auf dem Sofa im Wohnzimmer, ein Kaffee dampfte auf dem Tischchen und der Senior erzählte lachend von „seinem“ Hecht: „De Flipper“ hätten die Kinder gerufen, als der gelernte Maurer den Hecht im Volkspark legte – denn in den 1960er war der Fernsehdelfin gerade auch in Deutschland bekannt geworden. „Etwas weiter hinten habe ich BKK, den Schriftzug der Brauerei, gepflastert“, verriet der 84-Jährige. „Aber das musste ich wieder rausnehmen. Allerdings habe ich nur die blauen gegen die grauen Steine ausgetauscht. Wer ganz genau hin schaut, kann das Muster noch erkennen.“ Der Volkspark war Hans Wagners Revier. Mit einem Kollegen hat er in zweijähriger Arbeit die schweren Waschbetonsteine auf den Wegen verlegt, die Randeinfassungen und Ecken mit Kopfsteinpflaster versehen. „Die Randsteine am Wendehammer, die haben wir von der Mülldeponie an der Autobahn geholt. Das war eine Knochenarbeit damals. Auch im Winter haben wir gearbeitet. Da sind die Steine zusammengefroren“, berichtete er. So wurde aus dem zerbombten Ausstellungsgelände der Volkspark, mit der Hände Kraft von Hans Wagner und Karl Braunbach sowie Steinen aus dem Rammelsbacher Steinbruch. „Die Ausstellung war mein Gebiet“, erzählte Ehefrau Ursula Wagner. „Da bin ich früher Schlittschuhe gelaufen.“ Hans Wagner kam denn erst Mitte der 1950er aus der DDR nach Kaiserslautern. „Ich rede nicht gerne darüber“, sagte mir der in Dessau geborene und im Harz aufgewachsene, ließ sich aber doch einige Informationen entlocken. Zwei Jahre politische Haft für „Störung des Ansehens der Volkspolizei“ habe er bekommen. „Ohne Anhörung. Da konnte man nichts machen. Die Gefängnisse waren damals so überfüllt, es wurden so viele weggesperrt, wir haben unter den Tischen geschlafen.“ So weit wie möglich habe er danach weggewollt, sei so als anerkannter Flüchtling nach Kaiserslautern gekommen, wo Maurer gesucht wurden, habe bei den Amerikanern gearbeitet, seine Frau kennengelernt, 1964 geheiratet und schließlich bei der Stadt angeheuert. Den Bau der Muschel habe er gerade noch erlebt, als er vor 20 Jahren in Rente ging, berichtet Hans Wagner. Nicht mehr als Maurer sondern als beim Grünflächenamt für die Parks Verantwortlicher war er da tätig, fuhr täglich seine Runden. Aber die schönste Zeit, meint er, sei die als Feldschütz, als Anlagenaufseher für den Stadtpark gewesen. „De Schütz kommt“, wurde da gerufen, wenn er oder einer seiner Kollegen, die jeweils für den Wiesenplatz und den Volkspark zuständig waren, sich näherten. Einige Rabauken und Halbstarke seien damals im Stadtpark unterwegs gewesen. „Ich war akzeptiert, habe mit ihnen geredet. Es war dann absolute Ruhe im Stadtpark, alle Leute konnten durchlaufen.“ Noch heute werde er erkannt von den damals 14- bis 20-Jährige. Bis Anfang der 1980er war er so als „Gemeinnütziger Vollzugsbeamter tätig“. Dann folgte die moderne Zeit als motorisierter Grünflächenaufseher. Sein Beruf hat ihn ausgefüllt, hat das Familienleben geprägt. Und Hans Wagner hat die Stadt ein bisschen geprägt. Den Hecht, den er im Volkspark gepflastert hat, den fahren Wolfgang Wagner und ich uns nochmal anschauen. Fotografisch fassen lässt er sich auch bei Sonnenschein gar nicht so einfach. Aber ein Besuch im Volkspark bei schönes Wetter, der lohnt sich allemal.