Kaiserslautern „Der Film will nicht provozieren“

Der Hamburger Regisseur Fatih Akin wurde mit Filmen wie „Gegen die Wand“ und „Auf der anderen Seite“ zu einer der wichtigsten Stimmen des deutschen Kinos. Morgen läuft sein Film „The Cut“ in den Kinos an, der bei der Uraufführung in Venedig manche Zuschauer enttäuscht hatte, da die Erwartungen so hoch waren. Denn der 41-Jährige hatte ein Werk über den Genozid an den Armeniern angekündigt – „The Cut“ ist jedoch eher ein Roadmovie. Der Film erzählt vom Armenier Nazaret Manoogian, der den Verfolgungen der Jahre 1915/16 entkommt und seine verschwundenen Töchter sucht, auch in den USA.
Ich hatte mir vorgenommen, nur wenige Interviews zu geben. Aber offensichtlich wirft er viele Fragen auf und hat Missverständnisse provoziert. Den komplexen Sachverhalt erläutere ich gerne, und es macht mir Freude, mich mit verschiedenen Blickwinkeln auf den Völkermord an den Armeniern auseinanderzusetzen. Entstand die Idee für den Film aus dem Angebot des Hamburger Produzenten Ottokar Runze, Franz Werfels „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ zu verfilmen? Der Roman war ein Schlüsselerlebnis. Ottokar Runze kam damals zu mir mit einem fertigen Drehbuch. Die Drehorte und die Besetzung standen fest. Für einen Regisseur und Autorenfilmer blieb kein Raum, sich selbst zu finden und auszudrücken. Außerdem wäre die Stimmung in der Türkei bei einer Adaption dieses Romans von vornherein aufgeladen gewesen. Deshalb habe ich abgesagt und mein eigenes „40 Tage“ geschrieben. Wobei ich die Balance finden wollte zwischen einem Film für das Publikum in der Türkei, das ihn aushalten muss. Und den Armeniern, die diesen Film eines Kindes türkischer Eltern als ihren annehmen sollen. Das war ein schmaler Grat. Den Sie bewältigen, indem Sie betonen, dass nicht alle Türken Täter waren? Der Direktor des Genozid-Museums in Jerewan, Hayk Demoyan, bat mich während der Recherchen, die Türken nicht zu vergessen, die Armenier gerettet haben. Das passte in meine Intention, mich dem komplexen Thema über ein Einzelschicksal zu nähern und eine typische armenische Lebensgeschichte zu erzählen. In der Diaspora gibt es unzählige Berichte von Verlust und vom Suchen und Finden von Familienmitgliedern. Haben Sie eigentlich bewusst Ihre Wut gezügelt, die sonst den Ton Ihrer Filme prägte? Der Film will nicht provozieren, er will Empathie schaffen. Er hat in der Filmgeschichte andere Vorbilder, Kazan, John Ford, die Abenteuerfilme von David Lean. Meine früheren Filme muss ich auf stets verdrängen, schon alleine, weil ich mich nicht wiederholen will. „Gegen die Wand“ war „Gegen die Wand“. Der Film hatte seine Zeit und seinen Anklang. Wenn ich mich nach dem Schulterklopfen sehnen und den Stil um seiner selbst willen kopieren würde, entstehen keine ehrlichen Filme. Hitler hat vor seinen Generälen gesagt, dass die Welt den Völkermord an den Juden ebenso vergessen wird wie den an den Armeniern. Bis heute läuft der Streit, inwieweit der Holocaust zu bebildern ist. Wie haben Sie sich der Darstellung angenähert? Ich teile die Ansicht nicht, dass ein Genozid nicht darstellbar sei. „Schindlers Liste“ hat zum Beispiel in mir den Impuls freigesetzt, mich über das Thema besser zu informieren. Zum Holocaust hat jeder Bilder im Kopf. Doch es wäre verantwortungslos, an diese Bilder in einem Film über einen anderen Genozid anzuknüpfen. „The Cut“ will ihn auch nicht nachstellen. Ich will zur Reflexion anregen, damit solche Gräuel nicht wieder passieren. Der Erste Weltkrieg ist 100 Jahre her. Deutsche, Belgier und Franzosen wurden zu Freunden. Im Nahen Osten wurde diese Chance verpasst. Dafür trägt der Westen zumindest eine Mitverantwortung. Die Siegermächte haben das Osmanische Reich mit willkürlichen Grenzlinien aufgeteilt, die der IS heute in Frage stellt. Der Film schließt Ihre Trilogie „Liebe, Tod und Teufel“ ab. Welche Idee steckt hinter der Dreiteilung? Mein damaliger Produzent Andreas Thiel und ich haben uns bei der Entwicklung von „Gegen die Wand“ in das Thema so hineingesteigert, dass etliche Ideen für „Auf der anderen Seite“ und „The Cut“ entstanden. Ein Film reichte nicht aus, um zu erzählen, was wir wollten. Daraus entstand das Konzept der Trilogie um mein Abarbeiten an der türkischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. „Gegen die Wand“ zeigt mein damaliges Bild von der Türkei, das sich auf einen Stadtteil von Istanbul beschränkte. Über den Film habe ich die Linke, politische Gefangene und das Hinterland kennengelernt. Das fand seinen Ausdruck in „Auf der anderen Seite“. Ich traf damals Orhan Pamuk, der über die Minderheitenpolitik schreibt. Sie ist eng mit dem Gründungsmythos der Türkei und dem Völkermord verbunden. Andreas Thiel ist noch vor dem Dreh von „Auf der anderen Seite“ gestorben. Fehlt Ihnen ein kreativer Partner? Die Trilogie hat bei mir sehr persönliche Assoziation ausgelöst, weil ich die Schlagworte selbst ernte. Mit „Gegen die Wand“ fand ich sehr viel Liebe. Bei „Auf der anderen Seite“ den Tod von Andreas Thiel. Jetzt bin ich auch der Teufel, ein heller Stern, der gefallen ist und gehasst wird. Ich brauche einen künstlerischen Produzenten, der mir Grenzen setzt, an dem ich mich abarbeiten und dem ich vertrauen kann. Im Augenblick fange ich an, auf meine Frau zu hören, die viele Sachen sehr viel früher erkannt hat als alle anderen. Vielleicht ist das fruchtbar für den nächsten Film. Mal schauen. Führt der Sie wieder zurück nach Deutschland? Ich arbeite an einem Film über den Schauspieler und Regisseur Yilmaz Güney. Der wird mindestens zwölf Millionen Euro kosten. Den will ich drehen, auch wenn es der letzte Film ist, den ich mache. Vielleicht schreibe ich wie Lars von Trier für amerikanische Stars. Oder das richtige Drehbuch kommt und ich drehe einen Film als Angestellter für ein Studio. Ich würde gerne ausprobieren, ob ich das kann. Ich will nur keinen Film machen, für den ich mich schämen muss. Das ist bisher ganz gut gelungen. Letztlich gibt es in Deutschland noch vieles, über das ich erzählen möchte. Dafür würde ich gerne wieder in den Rhythmus kommen, alle zwei Jahre einen Film mit überschaubarem Budget zu drehen. Würden Sie gerne mit Ihrem Freund Martin Scorsese als Produzent arbeiten? Seine Produzentin ermutigt uns dazu. Doch Filmemacher sind wie Boxer: Jeder geht alleine in den Ring. Er geht in seinen Ring, ich in meinen. Anschließend reden wir über unsere Boxkämpfe. Wir vergleichen uns, wir reden über unsere Arbeit. Nur, wir können nicht wirklich miteinander arbeiten.