Kaiserslautern Der Abiturschummler
Das netteste Attribut, das man den neuen Filmen von Sean Penn und dem Dänen Nicolas Winding Refn zuschreiben kann, lautet: schöne Bilder, nichts dahinter. Dafür ist der Rumäne Christian Mungiu, der 2007 gewann, erneut ein Palmenfavorit.
Eines muss man allen Regisseuren zugutehalten, die man in den Wettbewerb geholt hat: Sie experimentieren! Der Däne Nicolas Winding Refn (45) begibt sich mit „The Neon Demon“ in die Welt der Models in Los Angeles. Die 16-jährige Schönheit Jesse (Elle Fanning) versucht, Fuß zu fassen, ist schnell bei den Fotografen begehrt und bei ihren Konkurrentinnen verhasst. Die Idee war wohl, einen Film wie eine Modezeitschrift zu gestalten: nur toll gestylte Fotos, Models und Kleider. Nach 20 Minuten reißt der narrative Faden, es bleiben mystische Hochglanzbilder und große Langeweile. Refn wollte wohl David Lynch imitieren und ist dabei formschön im eigenen Blutbad untergegangen (Kinostart: 23. Juni). Sean Penn (55) kommt bei „The Last Face“ auch ohne Handlung aus. Im Krieg in Libyen treffen sich Wren (Charlize Theron), Chefin einer Hilfsorganisation, und der Arzt Miguel (Javier Bardem). Doch Penn konnte sich nicht entscheiden, ob er einen Liebesfilm dreht oder einen, der den Krieg anprangert. So schaltet er unmotiviert und ohne Erklärung hin und her. Das Ergebnis: wie bei Refn. „Juste la fin du monde“ (Nur das Ende der Welt) hat eine Handlung: Nach zwölf Jahren kommt ein Autor Mitte 30 zu seiner Familie zurück. Der Kanadier Xavier Dolan (27) tut alles, um vergessen zu machen, dass es sich um ein Theaterstück handelt: Es gibt fast nur Großaufnahmen der Gesichter; Menschen schreien sich an, weil man sie anders aus dem überlauten Soundtrack nicht heraushören würde. Intime Momente und wahre Gefühle sind rar. Immerhin hat man Natalie Baye noch nie so nuttig gesehen. Der völlig unaufgeregte rumänische Film „Bacalaureat“ (Abitur) von Cristian Mungiu (48) dagegen verdichtet sich unmerklich zu einem Vielpersonenfilm, in dem jeder neue Lösungsansatz des Grundproblems mindestens zwei neue Probleme aufwirft. Alles ist so genial miteinander verbunden, dass sich jede Sekunde Unaufmerksamkeit rächt. Es beginnt damit, dass Eliza vergewaltigt wurde, kurz vor dem Abitur. Das muss sie mit sehr gut bestehen, weil sonst ihr Stipendium verloren geht. Eliza (die deutsche Schauspielerin Maria Dragus) steht noch unter Schock und hat bei den ersten Prüfungen nicht genug Punkte. Weshalb Papa, ein Arzt, einen Freund in der Verwaltung, der ihm einen Gefallen schuldet, bittet, dafür zu sorgen, dass die Korrektoren Eliza helfen. Das will er Eliza nicht verraten, muss es aber tun, damit sie ihre Prüfbogen für die Manipulation kennzeichnet. Er will Eliza auch nicht verraten, dass er eine Geliebte hat, aber sie erfährt es trotzdem. Mit dem Abi, der Geliebten, die auch noch schwanger ist, Elizas Freund und diversen Helfershelfern geht schief, was schief gehen kann. Mungiu macht daraus keinen Thriller, sondern eine ruhige Alltagsbeobachtung quasi-mafiöser Verbindungen. Alle reden gesittet, niemand schreit, die Bilder des Kleinstadtlebens sind unspektakulär. Alles ist so natürlich miteinander verwoben und meisterhaft inszeniert, dass man den Figuren gebannt folgt und enttäuscht ist, wenn der Film nach zwei Stunden endet, denn er könnte der Beginn einer wunderbaren Serie sein. Und Mungiu wieder den Sieg einbringen. Drei Wettbewerbsfilme fehlen noch, am Sonntagabend gibt es die Palmen.