Kaiserslautern Dem Alltagentfliehen

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So nett kann Indie-Pop made in Germany sein: Axel „Aki“ Bosse verbreitete eine rundweg positive Stimmung bei seinem samstäglichen Auftritt im seit langem ausverkauften Kulturzentrum Kammgarn. Nett sind seine Songs, nett die Texte, nett sind selbst die Fans, die sich auch noch entschuldigen, wenn sie im proppenvollen Kasino an einem vorbei wollen oder einen aus Versehen einmal anrempeln. Was will man mehr...

Bosse ist auf Akustik-Tour und erzählt ganz passend Geschichten fürs Lagerfeuer. Er berichtet davon, was ist, wenn ihn (Liebes)kummer wach hält und er in der „Nacht“ nicht schlafen kann, wenn ihn sein Herz hin und herreißt („Metropole“), wie es ist, im „Wartesaal des Glücks“ zu sitzen, mit der Angebeteten der Tristesse von „Frankfurt/Oder“ zu entfliehen oder auch auf das eigene (kurze) Leben zurückzublicken („Februarsterne“). Bosse erzählt also die vielen kleinen Geschichten des Alltags, und mit genau diesen trifft der 34-Jährige den Erfahrungshorizont seiner ebenfalls nicht allzu alten Fans. Sie finden sich wieder in seinen Texten wie auch in den Zwischenmoderationen, in denen Bosse von sich und seinen Erlebnissen – bis hin zum nachmittäglichen Joggen auf dem Kaiserberg – berichtet. Wehtun will er mit diesen gerne melancholischen, aber weitgehend affirmativen Zustandsbeschreibungen weniger, aufbegehren oder Kritik üben schon gar nicht. Geprägt sind Bosses leise Schilderungen durchaus von Poesie und von einer guten Beobachtungsgabe in jedem Fall. Und nur manchmal schimmern noch ein wenig Pennäler-Lyrik oder Schlagerkitsch auf in Zeilen auf wie „Komm schon und tanz mit mir / lass doch den Trübsinn hinter dir“ oder „dreh deinen Po im Kreis / bis du von nichts mehr weißt“. Bosses Musik, insbesondere im akustischen Rahmen, passt sich harmonisch und melodisch perfekt an. Wohlklang dominiert, Ohrwürmer fressen sich unweigerlich in die Gehörgänge. Die Instrumentierung könnte dabei bunter, phantasievoller kaum sein: Neben Trompete und Posaune tauchen Violine, Cello und Kontrabass auf, weiter finden sich in der Sparte Saiten Gitarren in all ihren Variationen, Banjo und sogar eine türkische Saz, neben einem Drumset gibt es diverse Schlaginstrumente bis hin zum Vibraphon, und auch die Gattung Tasten ist neben der üblichen Ausstattung bis hin zum Akkordeon und zur Melodica gut besetzt. Entsprechend finden sich etliche Multiinstrumentalisten in der zehnköpfigen Truppe, die über verschiedenste Klangfarben verschiedenste Stimmungen zaubern. Sie halten sich allesamt in einem harmonischen Rahmen, Dissonanzen sind hier ebenso wenig angesagt wie in den Texten. Und wenn sich das Publikum dann in einen tausendköpfigen Chor verwandelt, hat das schon was von Kirchentag. Bosse bedient letztendlich also ein tiefes Harmoniebedürfnis. Die Sehnsucht nach Menschlichkeit und Wärme, wie sie offenbar unserer turbokapitalistischen, auf Rendite und Leistungsfähigkeit getrimmten Gesellschaft abhanden gekommen ist. Klar steht die nette Band von nebenan mit ihrem sympathischen Frontmann damit an der Seite einer Helene Fischer, einer Band wie Purple Schulz oder – um mal auf ein anderes Genre zu kommen – all der Komödien und Soap-Operas, die auf Bühnen und Bildschirmen ein Gegenbild zu einer zunehmend als unmenschlich und kalt empfundenen Wirklichkeit entwerfen. Ihr Verdienst aber ist es zweifellos, wenigstens für ein paar Stunden die Realität vergessen oder noch besser: sie erträglicher zu machen. Und das ist doch wirklich auch schon was.

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