Kaiserslautern Das Lied des Lebens
Peter Handke ist einer der renommiertesten Gegenwartsautoren. Bekannt wurde der Österreicher in den 60ern durch Stücke wie „Publikumsbeschimpfung“ oder „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“. Neben der Kritik an Sprach- und Bewusstseinsschablonen befasst sich Handke vor allem mit der Entfremdung zwischen Subjekt und Umwelt. 2015 erhielt er den Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis für sein Gesamtwerk. Am 27. Februar hat nun sein Stück „Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten“ am Pfalztheater Premiere. Gestern besuchte die RHEINPFALZ das Inszenierungsteam bei den Proben.
14 Schauspieler stehen auf der Bühne. Und 24 Statisten. Ein Ensemble aus den Reihen des Uni-Orchesters ist im Hintergrund platziert, dazu kommt die Kaiserslauterer Akkordeonistin Alexandra Maas. Unter zwei Stunden soll die Kaiserslauterer Inszenierung des Handke-Stücks dauern – der große Jürgen Gosch schaffte es am Thalia-Theater Hamburg kurz nach der Wiener Peymann-Uraufführung 1992 in einer. Die aktuelle Interpretation am Thalia-Theater braucht dagegen geschlagene zweieinhalb Stunden. Die Besonderheit: Das Stück kommt ohne Dialoge aus, besteht nur aus Handlungsanweisungen. Als „Fachfrau“ für Theaterstücke ohne Worte hat sich am Pfalztheater 2014 die Berliner Regisseurin Christina Friedrich empfohlen. Sie sollte eigentlich Caryl Churchills Drama „Liebe und Information“ inzensieren. Doch am Ende blieb nach radikalst möglicher Kürzung vom Text nichts übrig. Es entstand ein neues Stück, die viel beachtete Tanzperformance „Galaxy 21“. Nun also Handkes „Stunde“. Ort des Spiels ist ein beliebiger Platz in Europa. Am Pfalztheater ist es augenscheinlich ein italienischer – mit Balustrade, verspieltem Steinbänkchen und gemusterter Bodenstruktur. Dort soll sich das alltägliche Spiel des Lebens vollziehen, zwischen den Polen Pantomime und Ausdruckstanz. Dass das Schauspielensemble das kann, hat es in „Galaxy 21“ eindrucksvoll bewiesen. Dennoch: Gespannt, gebannt sitzt Friedrich auf einer Stuhllehne in der ersten Reihe. Sie lässt für den Besuch aus der Zeitungsredaktion eigens drei Szenen durchspielen. „Stern“ heißt die eine, „Winterlandschaft“ eine zweite. Personen gehen über die Bühne. Begegnen sich. Oder auch nicht. Sehen sich. Oder auch nicht. Treten in Interaktion. Oder auch nicht. Sind aggressiv, hastend, schleichend, genervt, suchend, verzweifelt und auch mal glücklich lächelnd. Es entstehen wie in einem Kaleidoskop die verschiedensten Konstellationen, oftmals in Parallelführung. Was sich ergibt, ist so vielfältig wie das Leben. Tausende kleiner Puzzleteilchen fügen sich zum Lied des Daseins. Die Musik, die Mark Scheibe dazu komponiert hat, kommt noch vom Band. Erst später im Probenprozess stoßen die Musiker dazu. Genauso wie die 230 (!) Kostüme noch nicht fertig sind. Rund 40 Minuten Musik werden es sein, so Scheibe. Zu hören sind barockisierende Cembaloklänge, aber auch klagende Akkordeonlinien. Komponiert hat Scheibe, der seit langen Jahren mit Friedrich zusammenarbeitet – so trägt auch die aktuelle Trierer „Zauberberg“-Inszenierung beider Handschrift – die Musik zur „Stunde“ quasi parallel zur Erarbeitung der Inszenierung. Wie üblich stehen dazu sechs Wochen und täglich acht Stunden zur Verfügung. Schon jetzt zeichnet sich ab, mit welcher Intensität und Vielfalt dieses Schauspiel aufwarten könnte. Man darf gespannt sein. Infos —Einführungsmatinee zu Handkes „Stunde, in der wir nichts voneinander wussten“ am Sonntag, 21. Februar, 11 Uhr, im Foyer des Pfalztheaters. Christina Friedrich und ihr Produktionsteam sowie Mitglieder des Ensembles stellen die Inszenierung vor. —Premiere am Samstag, 27. Februar, 19.30 Uhr, im Großen Haus; Karten und Termine an der Theaterkasse, Telefon 0631/3675-209, sowie unter www.pfalztheater.de.