Kaiserslautern
Das Kunsthandwerkerpaar Ulla und Martin Kaufmann zeigt seine Arbeiten in der Pfalzgalerie
Künstlerpaare gibt es nicht selten in der Szene. Selten aber welche mit einer solch symbiotischen Verbindung wie Ulla und Martin Kaufmann, die beiden Silberschmiede aus Hildesheim. Und das beginnt schon bei ihrem Geburtstag.
Fast auf den Tag genau werden sie im Oktober 1941 in Hildesheim geboren. Ihr Lebensweg vollzieht sich weitgehend parallel, was auch in der gemeinsamen Biografie zum Ausdruck kommt. Gemeinsame Jahre der Ausbildung zu Silber- und Goldschmieden, gemeinsame Aufenthalte in Norwegen und Frankreich, das gemeinsame Atelier in Hildesheim seit den 1970er Jahren. Nur im „Doppelpack“ treten sie auf, bei Messen, Ausstellungen – sie leben und arbeiten nicht nur zusammen, sie denken offensichtlich auch so. Dabei gilt Martin Kaufmann als der Offenere, der Enthusiastischere, seine Frau Ulla als die Nachdenklichere, die eine Idee erst einmal reifen lassen muss. Eine ideale Ergänzung, scheint es. Und was sie sich so ausdenken und umsetzen, genügt höchsten Ansprüchen. Wovon sich sicherlich auch der ein oder andere RHEINPFALZ-Leser schon ein Bild gemacht hat. Wenn auch vielleicht eher unbewusst.
Höhenflug nach Afrika
Zur Traditionsmarke sind Wilkens-Silberwaren seit ihrer Gründung in Bremen Mitte des 19. Jahrhunderts geworden. Nach etlichen Übernahmen, Fusionen und ähnlichen wirtschaftlichen Wirren in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird die Firma 2006 als Wilkens & Söhne GmbH endlich wieder zum eigenständigen Unternehmen. Mitte der 1980er Jahre, die Kaufmanns hatten sich auch durch etliche Förder- und Staatspreise einen Namen gemacht, entwickelt das Paar eine erste Besteckserie für die Bremer. Auszeichnungen satt gibt es in den Folgejahren für diese Serie „Palladio“, vom Frankfurter Rat für Formgebung etwa und den Design-Centern in Stuttgart und Essen. Nach einem Ausflug in die afrikanische (!) Gießtechnik geht es für die Kaufmanns weiter in Sachen Besteck: Der wiederum ausgezeichneten Serie „Passione“ folgen für Wilkens & Söhne das „Besteck 2000“, und „Classico“.
Der nächste Höhenflug des Kunsthandwerkerpaares dreht sich um Schmuck. Armreifen, Halsreifen, Ohrringe entstehen in Hildesheim, wiederum mit Designpreisen ausgezeichnet. Das Thema Essen und Küche findet sich in Arbeiten von der Knoblauchpresse bis zum Wiegemesser wieder. Ebenfalls in den „Nullerjahren“ entstehen die in der Pfalzgalerie gezeigten Kaufmann-Arbeiten: zwei Gefäße aus 925er Silber. Die Objekte leben durch ihre Reduktion und eine Dynamik, die durch die scheinbare Spannung des Materials entsteht. In ihrer schlichten Eleganz und der Ausgewogenheit der Proportionen erinnern sie an architektonische Formen en miniature und in ihrer spiralförmigen Anlage konkret etwa an Bauten wie die Guggenheim-Museen oder die Hamburger St. Maximilian-Kolbe-Kirche mit ihrem Aufsehen erregenden Turm in Form einer Spirale aus Beton. Auch die Titel der Silberarbeiten weisen darauf hin: „Gefäß Turm“ und „Gefäß Architektur“ heißen die beiden Exponate.
Entdeckung in München
Apropos Guggenheim-Museum: Neben der Pfalzgalerie sind die Kaufmanns in namhaften nationalen und internationalen Häusern vertreten, von Florenz bis New York, Antwerpen bis München. Und eben dort entdeckte auch Lotte Reimers die Arbeiten des Paars für sich. „Ulla und Marin Kaufmann, auch wieder eine Verbindung über Jahre, ich glaube sogar Jahrzehnte. Erstmals habe ich Arbeiten von den beiden gesehen in der Pinakothek der Moderne in München und habe ihnen, als ich sie im Café sitzen sah, zu ihren schönen Arbeiten gratuliert. Später, als ich bei einem Telefongespräch anfing ,und nun will ich...', hat sie gesagt ,zur Tat schreiten’. Ich habe dann begonnen, Arbeiten zu kaufen und abzubezahlen“, berichtet Reimers.
Ihre ganz eigene Denkweise und Interpretation von Schmuck bis zum Gefäß haben die Kaufmanns in fast einem halben Jahrhundert herausgebildet. Und das fern von etablierten Richtungen oder gar Schulen. „Wir haben unsere eigenen Maßstäbe“, so ihr selbstbewusstes Credo, mit dem sie die Loslösung von traditionellem Denken postulieren. Eine Anerkennung für sein Lebenswerk bekam das Paar im vergangenen und in diesem Jahr von berufener Stelle in Form von Ehrenpreisen des Leipziger Museums für angewandte Kunst und des Bundesverbands Kunsthandwerk.
Eine schöne Gegenposition in der Pfalzgalerie-Ausstellung formuliert übrigens der gebürtige Heidelberger Berthold Hoffmann (Jahrgang 1955) mit Topf und Schale aus Silber. Deutlich klassischer wirken diese Arbeiten des Wahl-Nürnbergers, seine gusseisernen Gefäße und Kannen lassen Anklänge an Jugendstil, Art Deco und sogar fernöstliche Momente heraufscheinen. Nicht nur dies ein Ansatz zum Vergleichen und ein Grund zum Verweilen in der Ausstellung „Die Sprache der Dinge“, wenn sie denn endlich zu sehen sein wird – was nun ja bald der Fall sein könnte.
Info
- In der Serie „Hinter verschlossenen Türen“ stellt die RHEINPFALZ ausgewählte Stücke der neuen Pfalzgalerie-Ausstellung „Die Sprache der Dinge“ vor. Die Schau konnte aus bekannten Gründen noch nicht eröffnet werden. Sie präsentiert die jüngste Schenkung der Deidesheimerin Lotte Reimers. Diese übergab dem Museum des Bezirksverbands im vergangenen Sommer bedeutende Teile ihrer kunsthandwerklichen Sammlung. Teil eins erschien am 16. Januar, Teil zwei am 23. Januar, Teil drei am 30. Januar, Teil vier am 6. Februar, Teil 5 am 13. Februar, Teil sechs am 20. Februar, Teil 7 am 27. Februar.
- Der umfangreiche und stark bebilderte Katalog „Die Sprache der Dinge“, herausgegeben von Marlene Jochem und erschienen bei Arnoldsche Art Publishers, Stuttgart (ISBN 978-3-89790-601-3), ist für 29,90 Euro zu beziehen über die Pfalzgalerie, Telefon 0631/3647-201, info@mpk.bv-pfalz.de. Die Ausstellung wurde verlängert und läuft, nach hoffentlich baldiger Eröffnung, dann noch bis 18. April.