Kaiserslautern Danke fürs Geld

Kunst, Kunst, Kunst. In Basel gibt’s zurzeit drei spektakuläre Ausstellungen. Kunstmuseum und Museum für Gegenwartskunst gewähren einen auf 15 Arbeiten beschränkten Einblick in das bildhauerische Werk von Charles Ray. Kristof Kintera hat das Museum Tinguely in Kirmesstimmung versetzt. Und die Fondation Beyeler zeigt eine Gerhard-Richter-Ausstellung, in der die Serien und wohl auch die diskret ordnende Hand des Malers das Sagen haben.
Der „Knabe mit Frosch“ machte Furore. Bis vor Kurzem stand er in Venedig an der Punta della Dogana. Jetzt ist die weiß bemalte Stahlskulptur nach Basel ins Kunstmuseum weitergewandert. Seltsames Kunstgeschöpf. Da steht es jetzt ganz allein in einem Raum. Die Leute gehen erstaunt drumherum. Zeitlos sieht das gnadenlos perfekt gefertigte Bübchen aus, trotz der zur Besorgnis Anlass gebenden schlechten Haltung, die kein alter Grieche hätte durchgehen lassen. Für den Amerikaner Charles Ray ist die Antike nicht tot. Der 61-Jährige ist ein Perfektionist, der sich Zeit lässt. Manchmal dauert es Jahre, bis eine Arbeit fertig ist. Was ist Skulptur heute? Das Nachdenken über Proportionen, Innen und Außen, den Raum und das Gewicht braucht seine Zeit. Das erklärt, warum der auf Kunstmuseum und Museum für Gegenwartskunst verteilte Blick auf die Jahre 1997 bis 2014 mit 15 sockellos auftretenden Arbeiten auskommt, ohne dass man den Eindruck hat, die Räume seien doch ziemlich schwach möbliert. Am Anfang der in Fiberglas nachgegossene verunfallte Pontiac von 1997, am Ende ein Mann auf einem Feldbett, der zu schlafen scheint („Mime“, 2014). Schon denkt man an Museumsklassiker wie sterbende Amazonen und Giganten. Wie auch der mit einem Spielzeugauto spielende Junge („The New Beetle“, 2006) an bestimmte sterbende Gallier erinnert. Wir sind verwirrt. So viel bedachte Antike war nie in der zeitgenössischen Plastik. Es sei eine schwere Arbeit, das Subjektive zur Skulptur werden zu lassen, sagt Ray. Den Zwang, sich auf die Basler Museumsräume einlassen zu müssen, empfand er als Befreiung. Und auch wir empfinden so etwas wie Erleichterung, dass der Künstler die bunt bemalten (und sehr amerikanischen) Schaufensterpuppen der früheren Jahre hinter sich gelassen hat. Der Gewinn ist eine – vorsichtig gesagt – Aura des Erhabenen, die als zeitgenössische erkennbar ist und nicht wehtut. Charles Rays neuere Arbeiten sind Solitäre, die zu Recht einen Raum für sich beanspruchen dürfen. Im Solitudepark am Museum Tinguely plärrt eine Jukebox. Verbogene Absperrgitter sind über den Rasen verteilt. Wie, wenn man die Dinge einfach mal auf den Kopf stellt? Ums Museum rum und durch den Noteingang hinein in einen Billigshop, auf dem überflüssiger Schund zur reduzierten Preisen auf Käufer wartet, die nie kommen werden. Ist man durch, brüllt eine Maus von der Wand. Leider ist ihr Englisch kaum zu verstehen. „I am not you“, warnt der Ausstellungstitel, was zu beherzigen wäre. Denn gleich hinter dem gefakten Laden lässt Kristof Kintera drei kahle Äste mit Globen als Köpfe obendrauf erbärmlich zittern – „Nervous Trees“ heißt die Arbeit aus dem vergangenen Jahr. Brandaktuell ist der aus bunten Kunststoffkugeln zum lustig ausufernden Riesenmolekül gefügte „Demon of the Growth“. Ächzend ruckelt ein Plastikeimer über den Boden, zwei Bronzesocken stehen auf Spitze Habacht. Es gibt einen Riesenkronleuchter aus Straßenlampen und ganz unten, wo sonst keiner hinkommt, haut ein Ein-Meter-Figürchen mit dem Kopf an die Wand, dass es bollert. Aber die Wand weicht nicht: „Revolution“ ist von 2004 und, vielleicht, als Kommentar zu eben dieser gemeint. Kristof Kintera hat die 40 gerade hinter sich gebracht hat, darf nach Kunstmarktkriterien also noch als einigermaßen jung gelten. Die Basler Ausstellung ist mit 30 Skulpturen, Installationen und „Drawings“ (eine Art Malerei aus Fantasiefratzen, Comics und Teletubbies) die bisher größte Einzelschau des nicht unbekannten Tschechen, der ein ausgebuffter Ironiker ist. Diese nicht selten an Sarkasmus grenzende Ironie ist von der Sorte, die beißt. Manchmal scheint sie nur ein wenig zu blinzeln, manchmal ist viel Poesie drin. Die Jukebox im Park tönt nur nach Geldeinwurf. Zwischen Popsongs und Marseillaise ist musikalisch ziemlich alles drin. Hat man Pech, sagt das Gerät nur „Thank you für your money“. Da hat es wohl Recht. Begrüßen wir Kristof Kintera also als modernen Kafka. In der Fondation Beyeler hat man Gerhard Richter den roten Teppich ausgelegt. „Es ist so ein Traum von mir, dass die Bilder zum Umfeld werden, selbst Architektur werden“, hat er im Vorfeld der Schau verlauten lassen. Für solche Überlegungen ist Renzo Pianos Museumsbau der rechte Ort, die vom Künstler (nur?) abgesegnete Inszenierung funktioniert. Aber wieder Richter, was könnte die Ausstellung Neues bringen? Der Kurator und langjährige Richter-Freund Hans Ulrich Obrist war schlau genug, die Serien in den Vordergrund zu stellen. Darunter auch vier Bilder aus dem spektakulären Zyklus der „Verkündigung nach Tizian“ (1973), die jüngst aus einer Züricher Privatsammlung ans Basler Kunstmuseum gingen, zu einem „mäzenatischen“ Preis (gezahlt von Maja Oeri) und in Riehen zum ersten Mal nach dem Kauf öffentlich ausgestellt. Mindestens ebenso spektakulär ist die Rückkehr der 15 Grisaillen zum „18. Oktober 1977“, gemalt zehn Jahre nach dem Ende der RAF-Häftlinge in Stammheim, die sich heute in New York befinden und als einer der bedeutendsten Zyklen politischer Kunst gelten. Auf der einen Wand die großen Streifen-Panoramen mit ihrer raffinierten Op-Art-Anmutung, auf der anderen Bilder der scheinbar „realistischen“ Serie „S. mit Kind“, vier große „Doppelgrau“-Bilder aus diesem Jahr, dazwischen immer wieder mal einzelne Landschaften, Blumen, der Totenschädel, die berühmte Kerze gegenüber den ermordeten „Lernschwestern“. Spitzmarken wie abstrakt oder realistisch taugen nichts in diesem Bilderkosmos, in dem Chronologien bewusst ausgeblendet, alle Spuren planmäßig verwischt werden. So ist das immer bei Richter. Und das ist die große Freiheit, auf die sich seine ebenso großartige wie eiskalte Malerei gründet. Das fasziniert, in Basel wie anderswo. Die Besucher strömen.