Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Corona-Ambulanz für die Westpfalz: Der lange Kampf gegen Long-Covid

Pneumologe Stefan Kniele während einer Untersuchung im MVZ in der Bismarckstraße.
Pneumologe Stefan Kniele während einer Untersuchung im MVZ in der Bismarckstraße.

„Wir leisten wohl Pionierarbeit“, sagt Stefan Kniele. Der Internist und Pneumologe und sein Team der Praxis für Pneumologie und Schlafmedizin haben eine Post-Covid-Ambulanz aufgebaut. Eine Blaupause für die Behandlung von Menschen, die nach einer Corona-Erkrankung an Symptomen wie Erschöpfung oder Luftnot leiden, gibt es nicht.

Der erste Corona-Patient in Rheinland-Pfalz wurde im Februar 2020 von Stefan Kniele und seinem Team im Westpfalz-Klinikum betreut. „Damals ging es häufig um Leben und Tod. Jetzt geht es um die oft schwerwiegenden Folgeerscheinungen nach überstandener Corona-Infektion“, sagt der Mediziner.

Ende August hatte das Gesundheitsministerium in Mainz Pläne vorgestellt, nach denen in rheinland-pfälzischen Oberzentren bis Oktober Post-Covid-Ambulanzen starten sollen. In Kaiserslautern ist nun eine der fünf neuen Ambulanzen. Die Aufgabe übernommen hat Stefan Kniele mit seinem Team. Der Internist, Lungenfacharzt und Schlafmediziner arbeitet im Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) des Westpfalz-Klinikums in der Bismarckstraße und leitet dort die Praxis für Pneumologie und Schlafmedizin. Die nächsten Ambulanzen sind in Ludwigshafen und Mainz.

Ausgiebige Diagnostik ist das A und O

„Wir sprechen von Long-Covid, weil Symptome nach der eigentlichen Erkrankung eben lang andauern“, sagt Kniele. Er hat die Erfahrung gemacht, dass oft Menschen mit einfachen Corona-Infektionsverläufen danach lange zu kämpfen haben. Junge Menschen, die erkranken, seien meist nach einem heftigen Verlauf schnell wieder fit. Bei älteren Patienten könne eine Corona-Infektion bestimmte Vorerkrankungen verkomplizieren und relevant machen. Kniele gibt ein Beispiel: „Wer vor Corona Schlafstörungen hatte, kann nach der Erkrankung eine Störung entwickeln, die behandelt werden sollte. Das gilt auch für Luftnot und Erschöpfungszustände sowie dauerhafte Müdigkeit.“ Vor- oder Begleiterkrankungen könnten also plötzlich relevant werden.

Eine ausgiebige Diagnostik sei das A und O: „Dabei müssen wir jede Menge Tests durchführen. Denn es gibt nicht den ,einen’ Untersuchungsbefund, der Long-Covid anzeigt.“ Wer die Corona-Ambulanz nach Zuweisung des Hausarztes mit Symptomen wie Luftnot, Husten, Müdigkeit oder eingeschränkter Leistungsfähigkeit aufsucht, wird also erst einmal gründlich durchgecheckt. Bereits während der, wie Kniele sagt, nicht allzu langen Wartezeit für einen Termin kann ein Fragebogen ausgefüllt werden. „Das hilft, uns ein Bild zu machen“, erläutert Kniele. Bei der Gelegenheit rät er „lieber nicht auf Google zu vertrauen“, sondern eine mögliche Long-Covid-Erkrankung beim Arzt abklären zu lassen.

Lange Suche nach den Ursachen

Auf der Suche nach Ursachen für Symptome ließe sich vieles messen und so nachweisen. Kniele: „Wir haben Erfahrung bei der Diagnostik und wir haben Erfahrungen bei den Therapien. Unsere Hauptaufgabe wird es nun sein, herauszufinden, was für den einzelnen Patienten passen könnte.“ In der Post-Covid-Ambulanz leiste das Praxisteam regelrecht Pionierarbeit. Unterstützt werde das Team von ärztlichen Kollegen anderer Disziplinen und von Ergo- und Physiotherapeuten sowie Logopäden.

Zunächst auf ein Jahr begrenzt, fördert das Gesundheitsministerium die Post-Covid-Ambulanz mit 50.000 Euro im Jahr. „Das ist immerhin ein Anfang“, sagt Kniele. Wie er erzählt, fließt das Geld unter anderem in eine koordinierende Stelle in der Praxis. Wie groß die Nachfrage der Post-Covid-Ambulanz sein wird? Das sei schwierig abzuschätzen. Nach aktueller Forschungslage würden zwischen fünf und zehn Prozent der Covid-Erkrankten mit Spätfolgen leben. Da die Symptome so vielfältig sein können, gebe es nicht „das“ Medikament als Therapie. Stattdessen gelte es, die Symptome möglichst gut zu bekämpfen, schildert Kniele. Das diffuse Krankheitsbild macht den Pharmaunternehmen die Forschung schwer.

Wegen der ganz individuellen Krankheitsverläufe sei es schwierig, die Krankheit zu heilen. „Unser Ziel ist es, zu lindern“, betont Kniele. Gleichzeitig sei der Wissensaustausch zwischen den fünf rheinland-pfälzischen Post-Covid-Ambulanzen wichtig, weshalb regelmäßig Netzwerktreffen stattfinden werden. Kniele: „Es gibt noch keine Leitlinien für Medikamente und noch keine verlässlichen Studien.“ Auch wenn man die Ursache für Long- oder Post-Covid noch nicht kenne, „nehmen wir die Herausforderung gern an“.

Kontakt

Die Post-Covid Ambulanz Kaiserslautern ist unter der Telefonnummer 0631 72065 und per E-Mail an covid@kaiserslautern-lungenarzt.de zu erreichen.

Zur Sache: Post-Covid und die -Ambulanzen

Als Post-Covid werden Beschwerden bezeichnet, die länger als zwölf Wochen nach einer SARS-CoV-2-Infektion vorhanden sind und auf keine andere Ursache zurückzuführen sind. Wie das rheinland-pfälzische Gesundheitsministerium erläutert, haben die meisten von Long-/Post-Covid-Syndrom-Betroffenen gemeinsam, dass Symptome oder Beschwerden bestehen, die eine behandlungswürdige Einschränkung der Alltagsfunktion und Lebensqualität bewirken und einen negativen Einfluss auf Sozial- und / oder Arbeitsleben haben. Aufgrund des vielfältigen Beschwerdebildes bleibt Post-Covid eine Ausschlussdiagnose, mit entsprechendem diagnostischen Aufwand.

Für diese komplexen Fälle, in denen die interdisziplinäre Versorgung der Patienten in einem Netzwerk an Fachärzten koordiniert werden muss, gibt es in Rheinland-Pfalz neuerdings Post-Covid-Ambulanzen. Eine Verdachtsdiagnose der Hausarztpraxis müsse vorliegen. Die Versorgung in der Post-Covid-Ambulanz knüpft nämlich an die Untersuchungsergebnisse aus der Hausarztpraxis an, so das Gesundheitsministerium.

x