Triathlon
Chris Ziehmer setzt alles auf die Karte Triathlon
Weihnachtszeit, Zeit der Besinnung – Beine hochlegen, mit der Familie zusammensein und Erinnerungen pflegen. Für Chris Ziehmer sieht das ganz anders aus. Seine Saisonpause ist gerade vorbei und er ist schon wieder im Training. Und in der Spirale, in der er sich vor allem in diesem Jahr weit nach oben geschraubt hat. Aktuell ist er einer der besten deutschen Triathleten. Er ist zum ersten Mal bei der WM-Serie gestartet, war dafür viel unterwegs.
„Das letzte Jahr war aufregend“, sagt Ziehmer. Er war dreimal in Asien, war in Australien, war 140 Tage lang nicht zuhause. „Ich habe ausgerechnet, dass ich acht komplette Tage im Flugzeug verbracht habe.“ Nicht immer einfach, wie er zugibt. Die unterschiedlichen Klimazonen machen ihm zu schaffen. „Ich kann nicht gut mit Hitze umgehen. Manchmal habe ich aber auch Glück. In Australien war Winter. Da waren es nur 22 Grad.“ Aber dann ist da ja auch noch die Zeitverschiebung. „Anfang des Jahres war ich in China, bin zurück, dann nach Amerika, sechs Stunden, und weiter nach Australien, neun Stunden.“ Als er zurückkam, ging es weiter nach Japan, acht Stunden. „Da weiß man irgendwann nicht mehr, welcher Tag ist.“ Ein Rezept, wie er damit umgeht, hat er nicht wirklich. „Fürs Finale in Australien habe ich zum Beispiel versucht, mit einem Puffer anzureisen.“ Er flog zwei Wochen vorher hin.
Keine Experimente
Ernährungstechnisch muss sich der 25-Jährige nicht besonders einschränken oder einstellen. „Das ist nicht superspeziell. Wichtig ist: viele Kohlenhydrate. Ich verbrenne 100 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde im Training.“ Er füllt die Speicher mit Sportgetränken, Energieriegeln und Gels auf, nimmt zusätzlich Eisen, Magnesium und Vitamin D. Experimente macht er da keine. „Ich achte sehr genau darauf, was ich zu mir nehme.“ Schließlich will er keinesfalls etwas erwischen, was ihn vielleicht unbeabsichtigt in Schwierigkeiten bringen könnte. Die Dopingkontrollen seien engmaschig. „Ich gebe jeden Tag an, wo ich abends ins Bett gehe. Sechs- bis zehnmal im Jahr stehen sie morgens vor der Haustüre. Und bei den Wettkämpfen wird natürlich sowieso streng kontrolliert.“
Chris Ziehmer vertraut deshalb bei allen Gesundheits- und Ernährungsfragen der Sportmedizin in Saarbrücken. Der Kindsbacher ist froh, den Schritt ins Saarland gemacht zu haben. Angefangen hat seine sportliche Karriere mit Schwimmen beim Kaiserslauterer SK. Dann hat ihn Wasserball begeistert. Weil es keine Jugendabteilung in Kaiserslautern gab, landeten er und sein Zwillingsbruder Jannick bei den Wasserballern in Ludwigshafen. „Wir hatten da einen Trainer, der Triathlet war“, erzählt er. Damals wurde eine Triathlonabteilung gegründet und er und sein Bruder wechselten die Sportart.
Sie starteten bei Wettkämpfen in Rheinland-Pfalz, aber auch im Saarland. „2013 wurde Christian Weimer, der damalige Landestrainer, auf uns aufmerksam, weil da zwei kleine Jungs im Saarland aufgetaucht sind und die Rennen gewonnen haben.“ 2013/14 startete Chris Ziehmer für den Landesverband Saarbrücken. 2015 wechselte er für die letzten viereinhalb Jahre Schule nach Saarbrücken. Er besuchte das Rotenbühl-Gymnasium, eine Eliteschule des Sports, wohnte im Internat, betreibt seitdem Leistungssport, trainiert 30 bis 35 Stunden die Woche.
Die Wege trennen sich
Sein Bruder entdeckte währenddessen seine Fußballleidenschaft als Schiedsrichter, fuhr eine Zeit lang zweigleisig, bis der Landestrainer ihm ins Gewissen redete. „Du kannst nicht alles gleich gut machen“, gab er ihm mit auf den Weg. Jannick Ziehmer war lieber auf dem Spielfeld als Triathlon zu machen. Die Wege der Zwillingsbrüder trennten sich. Zumindest die sportlichen. Privat sind sie immer noch eng verbunden – wenn es die Zeit mal erlauben sollte. Und wenn nicht, finden sie trotzdem Möglichkeiten. Beispielsweise kommt Jannick jetzt mit ins Trainingslager nach Fuerteventura, fährt dort mit seinem Bruder Rad.
Dass der bei der WM gestartet ist, freut auch ihn. Dafür qualifiziert hat sich Chris Ziehmer durch seine Europa-Cup- und Weltcup-Ergebnisse. Die Premiere lief gleich mal gut. Bei seinem ersten Weltmeisterschaftsrennen im tschechischen Karlsbad wurde er gleich mal 13., kam damit in die Top 15 der Starter der Europa- und Weltcups. Es war sein bestes Rennen 2025. Und er war ziemlich beeindruckt von der Atmosphäre, die um ein Vielfaches heftiger ist als bei den Rennen, die er sonst bestritten hat. „Alles ist deutlich größer. Da steht nicht ein Videowagen sondern acht, überall sind Motorräder mit Kameraleuten, Drohnen fliegen. Man steht an der Linie und weiß sofort, das ist ein WM-Rennen. Da starten jetzt die besten Leute der Welt.“ Er liebt diese Bühne. „Das ist das, was wir im Leistungssport wollen, gegen die Besten racen.“ Ziehmer weiß aber auch: „Da ist jedes Prozent wichtig. Wenn du nicht alles gibst, wirst du von den anderen auseinandergenommen. Jeder Fehler wird direkt bestraft.“
Der Traum von Olympia
Chris Ziehmer sagt von sich selbst, dass er keine Lieblingsdisziplin hat. Er sei in allen dreien etwa gleich stark. Was für ihn feststeht: dass er die Kurzdistanz liebt. „Die reizt mich deutlich mehr. Man kämpft Mann gegen Mann und nicht Mann gegen Uhr“, spielt er auf die Zeitfahrrennen an. Er schließt nicht aus, dass er später mal auch längere Distanzen in Angriff nehmen wird, aber aktuell ist er recht zufrieden.
Auch mit der Weltmeisterschaft. Um weltweit richtig weit oben zu landen, sei er allerdings in dieser Saison zu spät eingestiegen, erklärt er. „Ich hätte vier Rennen gebraucht, bin aber erst im drittletzten gestartet.“ Dafür standen für ihn zusätzlich weiter Weltcups auf dem Programm, Starts in der Bundesliga.
Sein Ziel für 2026 ist klar: Er will von Anfang an in der WM-Serie starten. „Der nächste Step wäre, konstant in die Top15 der Serie und an einem guten Tag auch in die Top Ten zu kommen.“ Im nächsten Jahr beginnt die Olympiaqualifikation. Wie die Qualifikationsmodalitäten genau aussehen, steht noch nicht fest. Ein Start bei den Spielen wäre sein Traum, aber der 25-Jährige bleibt realistisch. Aktuell ist er der drittbeste Deutsche in der Weltrangliste. „Aber es sind noch drei Jahre Zeit, es wartet noch viel Arbeit und es kann noch viel passieren.“ Erst mal genießt er die Zeit ohne Wettkampf, ist über Weihnachten bei der Familie und fliegt dann mit seiner Freundin, die Triathletin ist, und seinem Bruder, dem Ex-Triathleten, „nach Fuerte“ zum Trainieren.
Zur Person
Der 25-Jährige ist mit seinem Zwillingsbruder Jannick in Kindsbach aufgewachsen. Über Schwimmen und Wasserball kamen die beiden zum Triathlon, dann trennten sich ihre Wege. Jannick, der in Kaiserslautern wohnt und beim Finanzamt arbeitet, macht als Schiedsrichter Karriere, pfeift inzwischen in der vierthöchsten Spielklasse. Chris Ziehmer konzentrierte sich auf Triathlon, ging vor zehn Jahren nach Saarbrücken, ist als BWL-Student eingeschrieben, doch läuft sein Studium eher nebenher. Er startet für das Hylo Team Saar, ist im Nationalkader und aktuell der drittbeste Triathlet Deutschlands.