Kaiserslautern Botschafter der hypnotischen Klänge

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Einer der vier Gründerväter der minimal music wird heute 80 Jahre alt: Philip Glass. Mit Steve Reich (80), Terry Riley (81) und La Monte Young (81) entwickelte er jene hypnotische Musik, die bis heute ihre Wirkung nicht verloren hat und inzwischen von zwei jüngeren Musikergenerationen weiterentwickelt wird. Glass ist gleichwohl der populärste Vertreter des minimalistischen Musikkonzepts.

Alles beginnt für den am 31. Januar 1937 in Baltimore, Maryland geborenen Philip Glass im Radio- und Schallplattenladen seines Vaters Ben. Dort kommen Philipp und seine Geschwister schon früh in Kontakt mit den Werken Beethovens, Schuberts oder Schostakowitschs. Mit sechs Jahren beginnt er auf der Geige – richtig „ernst“ ist es ihm allerdings erst mit acht – und der Flöte. Bereits zwei Jahre später spielt er in Orchestern die Flötenliteratur rauf und runter, bis ihn diese als Teenager zu langweilen beginnt. Nach zwei Jahren Highschool zieht es ihn an die Universität in Chicago, wo er das ersehnte Musikstudium aufnimmt, finanziert durch etliche Gelegenheitsjobs. Am Klavier beschäftigt er sich in diesen Jahren viel mit Charles Ives, aber auch den Zwölftönern der europäischen Avantgarde. Geprägt von seinen Lehrern ist sein Kompositionsstil auch noch im anschließenden Studium an der berühmten Juilliard School New York, darunter Größen wie William Bergsma und Darius Milhaud. Gegen Ende seines Studiums weist sein Werkverzeichnis bereits rund 75 Kompositionen auf, eine enorme Produktivität, die ihn sein Leben lang kennzeichnet. Glass’ frühe Stücke besitzen jedoch wenig eigenen Charakter; folgerichtig distanzierte er sich später von ihnen. Stipendien verhelfen Glass in der ersten Hälfte der 60er Jahre zu ausgedehnten Studienzeiten in Europa, etwa in Paris bei Nadja Boulanger. Doch schmecken ihm – wie übrigens auch den erwähnten Komponistenkollegen Reich und Young – weder die seinerzeit angesagten Neutöner wie Stockhausen und Boulez, noch das disziplinierte Grundlagentraining bei Boulanger. Glass beschäftigt sich lieber mit der Musik des indischen Sitar-Meisters Ravi Shankar und findet in dessen komplizierter Rhythmik eine Grundidee für seinen eigenen Stil. Erste minimalistische Kompositionen schreibt Glass 1966 für ein Avantgarde-Theater, zwei Jahre, nachdem Terry Riley in San Francisco sein bahnbrechendes minimal-music-Stück „In C“ vorgestellt hatte. Ein Jahr später, 1967, gründet Glass – wie Reich und Young – sein eigenes Ensemble, man spielt vor allem in der New Yorker Galerieszene, sozusagen im Zusammenklang mit der minimal-art-Bewegung. Später geht es dann entsprechend in die Museen, etwa das berühmte Guggenheim. Diese Beziehung zu visuellen Ausdrucksformen sollte für Glass bestimmend bleiben. Fast alle seiner Stücke nach 1975 stehen in Zusammenhang mit Film, Tanz oder Theater. Bekannt ist Glass denn auch hierzulande folgerichtig vor allem durch seine großformatigen Opernprojekte. Das erste, „Einstein on the Beach“, mit Ausstatterlegende Robert Wilson eingerichtet, sorgt 1975 für Furore, recht bald folgen die zwei weiteren Teile „Satyagraha“ (1980) und „Echnaton“ (1983). Glass steigert seine Produktionsrate zu quasi-industrieller Fließbandfertigung: Bis heute legt er neben vielem anderen fast jährlich ein Opernwerk vor. Zum Problem werden angesichts dieser Produktivität die Aufführungstermine. Auch Kaiserslautern erlebt immer wieder seine Werke, etwa in der Pfalzgalerie oder am Pfalztheater, das 2012 mit der Deutschen Erstaufführung der Glass-Kammeroper „The Sound of a Voice“ hervortritt. Bereits mit „Einstein“ scheint Glass seine Klangsprache perfektioniert zu haben. Es dominieren die kurzen, eingängigen Melodiephrasen, die in steter Reihung wiederholt und sukzessive sowie unmerklich verändert werden. Übereinandergeschichtet, ergeben sie stark rhythmisierte, komplexe Klangflächen, die eine Art hypnotischen Sog entfalten können. Die Forschung spricht dabei von „psychoakustischen Phänomenen“, die den Hörer in den Bann ziehen – oder ihn ob ihrer scheinbaren Monotonie unendlich nerven. Dementsprechend polarisiert Glass’ Musik, wie die minimal music insgesamt, bis heute das Publikum. Die Auswirkungen auf große Teile des aktuellen Musiklebens sind jedoch unübersehbar – von tranceartigen Technosessions über New-Age-Klänge und diverse Filmmusiken bis hin zur epigonalen Klimperei eines Ludovico Einaudi. Philip Glass hat also die minimal music sicherlich nicht alleine erfunden oder entwickelt. Doch er hat sie als ihr populärster Vertreter in der ganzen Welt publik gemacht – und auch das ist ein immenses Verdienst.

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