Kaiserslautern Bis die Saiten glühen
Was war da am Donnerstagabend an der Kammgarn los? Autos aus der ganzen Region parkten rings um das Kulturzentrum. Proppenvoll der Cotton Club, wo Fanclubs vor dem Konzert schon vorglühten. Der Grund: ein schwergewichtiges Musiker-Duo mit Namen Ezio. Die beiden brauchten nichts als ihre Gitarre, um die Stimmung auf den Siedepunkt zu bringen.
Ein optisch völlig ungleiches Duo steht da auf der Bühne: Ezio Lunedei, ein Brite mit italienischen Eltern, dessen breites Antlitz von langem, strähnigem Haar umrahmt wird und von kleiner Statur, ist sowie Mark „Booga“ Fowell, ein Bär von einem Mann, Halbkenianer, fast zwei Meter groß, der einem Mafia-Boss gleicht und keine Miene um sein gepflegtes Anjou-Bärtchen verzieht. Schon mit dem ersten Song von ihrem neuesten Album „Adam And The Snake“ ( März 2014) springt der musikalische Funke auf die Zuhörer über. Der Sound ist phänomenal. Und richtig satt. Obwohl sie nichts als ihre akustische Gitarre im Arm haben. Sie benötigen weder Samples, Loops, Overdubs oder sonstige elektronische Spielereien. Diese Musik ist in der Tat handgemacht, um dieses oft missbrauchte Wort zu bemühen. Den Stil des Duos zu beschreiben, ist schwierig. Ihre Musik bewegt sich in einem Spektrum zwischen extrem rhythmusbetonten, fiebrig treibenden Latin-Rock-Nummern und zarten, träumerischen Balladen, herzzerreißend und zutiefst poetisch. Seit Mitte der 90er haben die beiden zahlreiche Alben veröffentlicht, und sie touren regelmäßig durch Europa. Die Kammgarn beehrten sie letztmals vor fast genau zehn Jahren. Damals aber als Quintett. Sie machen ihr eigenes Ding, und von der Musikindustrie lassen sie sich nichts diktieren. Und trotzdem sind ihre Konzerte regelmäßig gut besucht. Es ist vor allem die Mund-zu-Mund-Propaganda, die ihre treuen Fans in die Konzertsäle zieht. Die singen, wie auch im Cotton Club, viele Nummern Wort für Wort mit, so dass sich die Stimmung von Song zu Song steigert. Der Gegensatz zwischen der rhythmischen Akkordspielweise Ezios und der solistischen Single-Note-Technik Boogas ist das Geheimnis ihres Erfolgs. Ezio reitet den Gitarrenton, er lässt ihn laufen, springt ihn an und setzt sich drauf, gibt ihm die Sporen und lässt ihm die Zügel schießen. Auf seiner Gitarre stellt er praktisch an, was er will. Aber die Brillanz ist teilweise auch sehr oberflächlich, wenn er die Hände emotionsgeladen und flink wie ein Zitteraal über die Saiten gleiten lässt. Seine Lieder handeln davon, was es bedeutet ein Mann zu sein, außer Kontrolle zu geraten, von Versuchung geplagt, schwach und verletzlich. Da singt er teils mit großem Einfühlungsvermögen, mal cool, mit „schmutzigen“ Blue Notes wie ein Jazzsänger, mal rau wie ein Blueser. Die fast klassische Auffassung von Boogas Gitarrenspiel kontrastiert mit unerwarteter Wildheit, was seinen Improvisationen etwas ganz Besonderes verleiht. Dann lässt er die Töne förmlich explodieren. Oft zupft er aber sein Instrument nicht, sondern bringt die Saiten zum Erklingen, indem er sie, im Taping- oder Hammeringstil, mit den Fingerkuppen beider Hände auf das Griffbrett niederklopft – ganz so, als seien sie Tasten eines Klaviers. Sein reiches Liniengeflecht erweckt zudem den Eindruck, als spiele hier nicht eine Gitarre, sondern ein kleines Orchester. Viele Fans kamen aus dem Saarland wegen eines besonderen Gastmusikers angereist, der schon vor wenigen Tagen bei dem Leonard Cohen-Konzert (wir berichteten) mit seiner Geige die Zuhörer bezaubert hatte: Wolfgang Wehner, gebürtig im Kreis Kusel, wohnhaft in Saarbrücken. Er bereicherte das Duo zusätzlich mit seinem perfekten Legato-Stil und überzeugte mit technischer Leichtigkeit, klarem Ton und viel musikalischem Geschmack. Im Wechselspiel mit Ezio verschoss er sein ganzes Virtuosenpulver mit virtuosen Skalen, Trillern und einem Vibrato, das die Augen groß machte. Dann bekam die Musik des Trios eine ungeheure Intensität, und die Stufendynamik steigerte sich von Phrase zu Phrase, bis die Saiten glühten. Das Publikum war aus dem Häuschen.