Sommerinterview
Betriebsratsvorsitzender des Klinikums: Personalmangel sorgt für Bettensperrung
Herr Alves, die Pandemie ist für die Beschäftigten in Krankenhäusern eine große Belastung. Im April haben Sie berichtet, dass die Stimmung in der Belegschaft dementsprechend schlecht ist. Hat sich das gebessert?
Leider nicht. Die Belastung für das Pflegepersonal, aber auch für die anderen Berufsgruppen ist enorm. Die Leute sind früher am Limit. Wir haben infizierte Kollegen, die nicht arbeiten können. Dazu kommt die Urlaubszeit. Wenn Sie davon ausgehen, dass zehn Prozent der Mitarbeiter krankgemeldet und etwa zehn bis 15 Prozent in Urlaub sind, können Sie sich vorstellen, wie viel Personal fehlt. Das hat zur Folge, dass Operationen, die nicht zeitkritisch sind, aufgeschoben werden. Das ist kein Kaiserslauterer Problem. In allen Krankenhäusern der Republik stellen wir fest, dass diese Bugwelle immer größer wird. Das, was man draußen erlebt, dass die Pandemie eigentlich beendet ist, das haben wir nicht. Wir tragen im Haus immer noch Maske, wir haben aktuell etwa 70 Patienten mit Corona-Infektion.
In der Politik werden gerade künftige Schutzmaßnahmen diskutiert. Reichen die aus?
Ich sehe hier im Krankenhaus, dass wir Menschen behandeln, die enorme Schwierigkeiten mit der Infektion haben. Andererseits müssen wir irgendwann zu dem Punkt kommen, dass niemand mehr in Quarantäne muss. Sonst ist unsere Arbeit im Krankenhaus so eingeschränkt, dass wir handlungsunfähig sind. Wer symptomatisch infiziert ist, bleibt zuhause, der Rest geht unter FFP2-Maskenpflicht arbeiten. Dafür brauchen wir weiterhin die Testpflicht. Im Vergleich zu den Hochzeiten haben wir wesentlich weniger schwere Verläufe. Das ist schon mal was. Auch bei einer Influenza sterben Menschen. Das wird bei Corona ebenfalls nicht vermeidbar sein. Die Frage ist, wie hoch diese Zahl sein darf. Das ist am Ende auch eine politische Entscheidung.
Zu Beginn des Jahres wurde die Corona-Impfpflicht in Gesundheitsberufen kontrovers diskutiert. Ist das bei Ihnen noch ein Thema?
Weniger als anfänglich. Es gibt den einen oder anderen, der keine Impfung möchte. Der läuft Gefahr, Post vom Gesundheitsamt zu bekommen. Andere werden positiv und haben Aufschub. Bisher ist mir nur ein Fall in Rockenhausen bekannt, wo tatsächlich ein Betretungsverbot ausgesprochen werden soll.
Gab es Kollegen, die deswegen gekündigt haben?
Mir sind nur zwei Fälle bekannt, die mir gegenüber geäußert haben, sie kündigen, weil sie sich nicht impfen lassen wollen. Vielleicht gibt es weitere, die haben es dann aber nicht offen kommuniziert.
Sie haben den Personalmangel durch Infektion und Urlaub angesprochen. Wie viele Stellen sind denn zudem unbesetzt?
Da muss man zwischen den Berufsgruppen unterscheiden. In der Pflege nehmen wir, was wir bekommen können. Das Problem ist, dass es auf dem Markt keine Pflegekräfte gibt. Wir setzen auf pflegeentlastende Maßnahmen, setzen mehr Stationshilfen oder Arzthelferinnen ein. Das heißt, was keine pflegerische Tätigkeit ist, wird von anderen Kräften übernommen.
Und wie sieht es in anderen Bereichen mit dem Personal aus?
Im ärztlichen Bereich ist es im Vergleich nicht ganz so dramatisch. Dafür haben wir bei Reinigung, Service und Logistik enorme Schwierigkeiten. Es ist schwierig, Fachkräfte zu finden, auch medizinische Fachangestellte werden zur Mangelware, ebenso Labor- oder Küchenmitarbeiter. Ganz kritisch ist es in hoch spezialisierten Bereichen, bei IT-Fachleuten zum Beispiel. Die gibt es auf dem Markt. Nur unser Tarifvertrag bildet das Lohngefüge nicht ab.
Sie haben gesagt, bei den Ärzten gibt es weniger Probleme. Bei der Position des geriatrischen Chefarztes am Standort Rockenhausen schon. Dort droht die Schließung. Wie ist der Stand der Dinge?
Es gibt Ausschreibungen, aber ich glaube, es gibt keine Bewerber. Ich habe letztens gehört, in ganz Deutschland gibt es 160 Geriater. Jetzt können Sie sich vorstellen, wie wahrscheinlich es ist, jemanden für eine Kleinstadt wie Rockenhausen zu gewinnen. Wir versuchen das, aber es ist sehr schwierig.
Wie wollen Sie der Personalknappheit im Klinikum Herr werden?
Wir haben im vergangenen Jahr begonnen, einen Masterplan Personal zu entwickeln. Damit wollen wir unsere Attraktivität als Arbeitgeber steigern. Neben den pflegeentlastenden Maßnahmen versuchen wir, für die Beschäftigten Essen auf Station zu bringen, damit diese nicht nach Feierabend noch einkaufen müssen. Wir wollen Lücken im Tarifvertrag schließen. Aktuell gibt es noch Fort- und Weiterbildungen, die nicht finanziell honoriert werden. Wir wollen als Führungskräfte stärker auf Station präsent sein, greifbarer sein. Da geht es um Wertschätzung. Seit Juli haben wir auch eine Einspringprämie. Für jede zusätzliche Schicht, die Pflege- aber auch Reinigungskräfte machen, bekommen sie eine Prämie ausgezahlt.
Die sie dann für das Parken ausgeben müssen? Weil der Stadtrat die Parkgebühren erhöht hat, müssen auch Mitarbeiter des Klinikums mehr zahlen. Gibt es inzwischen eine Lösung?
Wir waren beim OB und haben darüber gesprochen. Ich hatte den Vorschlag gemacht, über einen Tarif für das Handyparken eine Vergünstigung für Mitarbeiter zu kreieren. Darauf habe ich leider keine Antwort bekommen. Das hängt wahrscheinlich auch mit der Entscheidung der ADD zum Haushalt zusammen.
Das Problem ist: Wir werden dadurch unattraktiver. Wir haben nur 780 Parkplätze und die sind besetzt. Alle anderen Mitarbeiter müssen mit etwa 100 Euro Parkgebühren im Monat rechnen. Mitarbeiter sagen mit Blick auf Parkgebühren und Spritkosten, sie springen eben nicht mehr ein, weil sie das unterm Strich Geld kostet. Und wenn sie an ein anderes Krankenhaus wechseln, können sie vielleicht kostenlos parken. Wir werden dadurch mittelfristig den einen oder anderen Mitarbeiter verlieren.
Um Mitarbeiter zu halten oder neue zu gewinnen, haben Sie das Flexteam ins Leben gerufen, das mit flexiblen Arbeitszeiten wirbt. Wie läuft das?
Das Flexteam soll bestehende Mitarbeiter entlasten, aber auch eine Möglichkeit bieten, ihren Bedürfnissen angepasst zu arbeiten. Also einer jungen Mutter, die von acht bis zwölf Uhr arbeiten kann, weil in dieser Zeit das Kind in der Kita ist, der ermöglichen wir das mit dem Flexteam. An die Zeiten, die wir bei Vertragsunterschrift ausgehandelt haben, halten wir uns. Das schafft Vertrauen. Wir haben mit 40 zusätzlichen Vollkräften gerechnet und wir sind voll im Soll.
Wird das Team weiter aufgestockt?
Schön wär’s. Bald gehen schließlich die Babyboomer in Ruhestand. Das zu kompensieren, wird eine Riesenaufgabe.
Im Koalitionsvertrag steht einiges, was Verbesserungen für die Pflege bringen soll, etwa bei der Personalbemessung. Wie bewerten Sie das?
Tatsächlich zielt die neue Pflegepersonalregelung darauf ab, die Bedingungen für Pflegekräfte zu verbessern. Aktuell braucht man auf einer internistischen Station tagsüber eine Pflegekraft für zehn Patienten, nachts eine für 20. Der Pflegebedarf ist aber nicht berücksichtigt. Das soll sich ändern. Das bedeutet, wir brauchen mehr Pflegekräfte auf Station – die aber nicht da sind. Wird das umgesetzt, müssen wir also Betten sperren, wenn wir nicht mehr Leute bekommen. Ich glaube, das ist auch gewünscht. Es gibt in Regierungskreisen Leute, die der Auffassung sind, dass wir in Deutschland zu viele Krankenhausbetten haben. Man will die Anzahl der Häuser deutlich reduzieren.
Das klingt, als sehen Sie das anders ...
In Kaiserslautern haben wir jetzt schon Probleme, Patienten unterzukriegen. Wir haben auf der Intensiv- und Normalstation Betten gesperrt, weil das Personal fehlt. Wir brauchen die Betten und wir brauchen Personal.
Wenn es nicht genug Personal gibt, muss ich es ausbilden. Wie kriege ich mehr Menschen in die Ausbildung?
Ganz sicher braucht es eine Imagekampagne. Das Image der Pflegekraft war nicht gut. Am Anfang der Pandemie wurde es besser. Dann wurde immer mehr über Pflege berichtet – aber negativ: Wie schlimm die Situation ist, wie stark man belastet ist, wie wenig Personal es gibt. Das hat zur Folge, dass niemand freiwillig in diese Mühle hinein will. Dabei ist das ein schöner Beruf mit ganz vielen Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln oder zu spezialisieren.
Bei der Situation in der Pflege geht es auch um die Bezahlung: Ist der Corona-Bonus inzwischen ausgezahlt?
Das ist ein heißes Thema. Der Bonus wird im Herbst ausgezahlt. Die Entscheidung der Bundesregierung, den Bonus nur an dreijährig examinierte Pflegekräfte auszuzahlen, hat für viele Emotionen gesorgt. Stellen Sie sich vor, Sie sind eine Krankenpflegehelferin, arbeiten Schulter an Schulter mit einer dreijährig examinierten Pflegekraft am gleichen Patienten, die gleiche Schicht. Die Pflegekraft wird einen Bonus von rund 1500 Euro bekommen, die Krankenpflegehelferin geht leer aus. Unsere Labormitarbeiter haben so viele Überstunden in der Corona-Zeit gemacht. Ohne die Testungen, die sie sieben Tage die Woche ausgewertet haben, hätten wir hier das Chaos gehabt. Die gehen auch leer aus. Da geht es auch um die Wertschätzung gegenüber Beschäftigten in Krankenhäusern.
Die fehlt Ihnen?
Krankenhäuser sind 365 Tage im Jahr für die Patienten da. Ich finde, das ist nicht selbstverständlich und es wird nicht immer wertgeschätzt. Eine Pflegekraft, die auf einer Station einen Patienten verloren hat, die muss diese Situation auch verarbeiten. Das ist nicht einfach. Und bei einem Schlüssel von einer Pflegekraft für zehn Patienten muss man Prioritäten setzen. Da kann man nicht immer zu 100 Prozent für jeden Patienten da sein. Die Beschäftigten versuchen alles, damit es den Patienten gut geht. Das sollte man honorieren, indem man wertschätzend mit den Leuten umgeht und sie nicht noch kritisiert, wenn man warten muss.
Haben Sie denn Verständnis dafür, dass sich Patienten andererseits darüber ärgern, wenn Behandlungen verschoben werden, oder Angehörige nicht nachvollziehen können, dass sie nicht zu ihren Liebsten dürfen?
Natürlich versuchen wir, es jedem recht zu machen. Das ist nicht immer möglich – es menschelt eben. Die Situation hatten wir aber auch vor der Pandemie. Durch Corona ist die Zündschnur überall kürzer geworden, bei Patienten, den Angehörigen und den Mitarbeitern.
In diesem Jahr kommt auf jeden Fall noch eine große Veränderung auf das Klinikum zu: Mit Thorsten Hemmer bekommen Sie einen neuen Geschäftsführer. Was erhoffen Sie sich?
Ich wünsche ihm ein glückliches Händchen. Die Situation ist nicht einfach. Ich denke, mit einem jüngeren Geschäftsführer wird die Digitalisierung schneller voranschreiten. Über das Krankenhauszukunftsgesetz haben wie zehn Millionen Euro bekommen. Die müssen unter die Leute gebracht werden. Dafür haben wir jetzt vier Jahre Zeit. Ich denke, es wird auch eine andere Unternehmenskultur Einzug halten. Ob das besser oder schlechter ist, weiß ich nicht. Wenn das Haus in kommunaler Trägerschaft bleibt und die Arbeitskräfte erhalten werden, können wir zufrieden sein. Ich denke, in der Pandemie hat sich gezeigt, dass das Gold wert ist. Private Träger schließen einfach unlukrative Kliniken oder Abteilungen. Das ist bei uns nicht der Fall. Wenn uns das auch in Zukunft gelingt, ist das Ziel erreicht.