Pfalztheater
Bei Richard Strauss zuhause: Digitales Liederprojekt am Pfalztheater
Richard Strauss gehört sicherlich zu den Komponisten, die in ihren Werken am meisten von sich preisgaben. Er hatte so etwas wie eine exhibitionistische Ader. Das Private wurde ihm zum öffentlichen Ereignis. Seine Ehe, ein offenes Buch. Seine Liebe ebenso. Das Schlafzimmer allerdings blieb dabei weitestgehend ausgespart. Zumindest direkt. Indirekt könnte uns vielleicht das Vorspiel zum „Rosenkavalier“, bei dem es musikalisch um nichts weniger als um Sex geht, auch in das Haus Strauss führen. Leider ist dann, wenn der Vorhang hochgeht, bereits alles vorbei. Es herrscht nur noch Erschöpfung bei der Marschallin wie bei ihrem Liebhaber Octavian.
Intime Einblicke ins Privatleben
Aber es gibt davon abgesehen genügend intime Einblicke, die Strauss zulässt. „Des Helden Gefährtin“ heißt ein Satz in seiner Tondichtung „Ein Heldenleben“. Und diese Gefährtin ist halt niemand anderes als Pauline de Ahne, jene Frau und Gefährtin und Sängerin an seiner Seite, die er 1894 geheiratet hatte. In seiner autobiografischen (wer komponiert eigentlich so etwas?) Oper „Intermezzo“, die man in Anlehnung an das „Heldenleben“ auch „Ein Familienleben“ nennen könnte, tritt Pauline als Christine auf. Und dann wäre da noch die „Sinfonia domestica“, die das Alltägliche vollends zur Kunst macht. Man hat ihm vorgeworfen, dass er sich schon wieder mit sich selbst beschäftige. Darauf hatte Strauss jedoch die passende Antwort: „Ich sehe nicht ein, warum ich keine Sinfonie auf mich selbst machen sollte. Ich finde mich ebenso interessant wie Napoleon und Alexander.“
Pauline war eher der derbe Typ. Vollblutmusikerin und großartige Sängerin, die in Bayreuth wie in München und in Hamburg begeisterte und ihre Gesangskarriere nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes Franz langsam ausklingen ließ. Aber Pauline Strauss war auch durchaus handfest, wenn es darum ging, Paroli zu bieten. Es knallte öfters bei den Straussens daheim, und den Gästen der Familie zitterten durchaus schon mal die Knie, wenn sie durch die Haustüre traten. Der Sopranistin hatte der Komponist seine vier Lieder opus 27 gewidmet, die nun auch im Mittelpunkt des jüngsten digitalen Liederprojekts des Pfalztheaters standen, das seit Freitag auf dem YouTube-Kanal des Hauses zu verfolgen ist.
Ein Hochzeitsgeschenk für Pauline
Die vier Lieder sind ein Hochzeitsgeschenk für Pauline. Es ist kein wirklicher Zyklus mit einer übergeordneten Handlung, aber sehr wohl eine Abfolge von vier Liedern auf Gedichte von Karl Henckell, Heinrich Hart und John Henry Mackay, die sich um das eine große gemeinsame Thema dreht: Liebe, jedoch, und auch das ist typisch für Strauss, nicht die leidenschaftliche Liebe der ersten Begegnung, die in schierer Begeisterung zu verglühen droht, sondern eher die fast schon abgeklärte, sagen wir vielleicht realistische Liebe zwischen zwei Menschen, die sich versprochen haben, füreinander da zu sein. Die aber eben auch wissen, dass nicht jeder Tag ein Feiertag ist, auch wenn es in Nummer drei „Heimliche Aufforderung“ durchaus mit großer Emphase und Pathos zur Sache geht. Es sind Lieder, die davon erzählen, dass es auch Krisen und Probleme geben wird. Gesungen wird von den Ensemblemitgliedern Polina Artsis und Daniel Kim. Die Mezzosopranistin und der Tenor werden am Klavier begleitet von Mirei Arai.
Das Projekt geht zurück auf die Initiative von Generalmusikdirektor Daniele Squeo und Chefdramaturg Andrea Bronkalla. Pfalztheater-Schauspielerin Astrid Vosberg liest zwischen den Liedern aus Briefen und Erinnerungen der beiden Eheleute vor. „Ich brauche diesen Sprühteufel von Frau“ erfahren wir da. Aber wir hören auch von der Unsicherheit, ja der Angst der doch eigentlich so selbstbewussten jungen Pauline: „Überschätzen sie mich denn nicht?“
Der Rest ist stummes Schweigen
Beide, Daniel Kim wie Polina Artsis, singen Strauss so, wie man ihn singen sollte, ja muss. Mit großer Textverständlichkeit, der Tenor auch mit selbstverständlicher Höhensicherheit, in einer perfekten Abstimmung zwischen großer dramatischer Geste und lyrischem Ausdruck. Und alles läuft auf das Schlusswort in dem bekanntesten Lied der Sammlung zu: „Morgen“ nach einem Mackay-Gedicht. „Stumm werden wir uns in die Augen schauen,/und auf uns sinkt des Glückes stummes Schweigen.“ Die beiden haben nie ein großes Aufsehen um ihre Beziehung gemacht, sie brauchten sich, und sie gehörten sich, in guten, wie in schlechten Zeiten. Der Rest ist des „Glückes stummes Schweigen“.