Kaiserslautern Bühne als Neuland

Christoph Willibald Glucks Oper ist die Geschichte einer Sehnsucht. Nach einem Zuhause, in das die Rückkehr unmöglich scheint. Davon singt Katharine Tier als verzweifelte „Iphigenie auf Tauris“ am Staatstheater Karlsruhe. Neben ihr auf der Bühne: 18 Menschen, die dieses Gefühl kennen.
28 Rollendebüts, den Chor noch nicht mal mitgezählt. Doch während es für die neun routinierten Opernsänger normal ist, mit einer neuen Partie das erste Mal auf der Bühne zu stehen, blicken einem 19 Gesichter von Menschen entgegen, die eigentlich mal Bauarbeiter waren. Oder Schreiner oder Automechaniker. In Serbien, Eritrea, Gambia. Nun ist das Badische Staatstheater nicht das erste Haus mit der Idee, Asylbewerber auf die Bühne zu holen. Ein bisschen ist das in Mode gekommen, als integratives Projekt und künstlerische Idee. Was manchmal gewollt wirkt, passt jedoch bei „Iphigenie“. Aus der Heimat gezwungen wurde auch sie. In der neuen Rolle im neuen Land muss sie sich erst zurecht finden, ist verzweifelt. Sehr eindrücklich dazu, poetisch gar, wirkt die Kombination aus Regie (Arila Siegert) und Bühnenbild (Thilo Reuther). Wie zu den ersten Klängen die Bühne in ein tiefes Blau taucht: Wasser, Meer, Angeschwemmte, Gestrandete, Suchende. Dann Menschen in wogender Bewegung hin und her schwappend, neue Ufer erreichend. Hier ist – im positiven Sinne – nicht zu übersehen, dass Siegert aus dem Tanztheater kommt. Auch sonst schafft das Bühnenbild eine bedrückende Atmosphäre. Dicke Steinwände, ein schweres Gitter, das sich immer wieder senkt. In den kleinen Freiräumen, engen Parzellen: die Geflüchteten – in Karlsruhe wirklich Geflüchtete (die nicht singen, aber an vielen Stellen körperintensiv spielen). Auch Statisten und der Staatsopernchor sind dort eingepfercht. Der Chor hat großen Anteil an dieser kurzen Oper, singt mächtig. Es ist ein einziges Jammern und Leiden, das Gluck in Musik packt. Würde man alle glücklichen Momente zusammenzählen, kämen höchstens zehn Minuten heraus. Der prächtigste davon: das Finale. In Karlsruhe ein schöner Abschluss, weil alle sich gerne haben. Ein kleines bisschen Völkerverständigung. Damit’s noch freundlicher wird, ändert Arila Siegert die Handlung: Thoas wird nicht ermordet, es erscheint keine Göttin, stattdessen darf Iphigenie Orest von seiner Schuld freisprechen. Das hätten wir jetzt nicht unbedingt gebraucht. Schadet aber auch nichts, weil der Rest der Bilder an diesem Abend stimmt. Bleibt die Frage, warum sich die Aufführung trotzdem und trotz eines vital spielenden Orchesters (Leitung: Christoph Gedschold) an einigen Stellen zieht. Vielleicht liegt es an den teils verschleppenden Solisten, die manchmal arg weit zurückgelehnt singen. Einiges tragisch Klagende wird zu sehr gedehnt. Ansonsten tritt das Sänger-Ensemble überzeugend auf. Katharine Tier (Iphigenie) und Armin Kolarczyk (Orest) zeigen starke, durchschlagende Stimmen, Steven Ebel (als Pylades etwas eng gesungen) und Lucia Lucas (als Thoas nur in kleiner Partie) ergänzen das Haupt-Quartett. Das Premierenpublikum ist begeistert, möchte gar nicht mehr aufhören zu applaudieren. Besonders schön an diesem Abend aber: Neben den 18 Neulingen auf der Bühne findet sich auch im Zuschauerraum der eine oder andere, der wohl zum ersten Mal eine Oper anschaut. Termine Weitere Aufführungen: 17. und 26. Juni, 2., 5. und 14. Juli. Karten: 0721/933333.