Kaiserslautern Askese und Ekstase
Mit dem Pianisten Ivo Pogorelich gastierte eine der schillerndsten Figuren der Klassikszene am Mittwoch bei Pro Arte im Mannheimer Rosengarten. Pogorelich blieb sich treu und bestätigte mit einem ebenso eigenwilligen wie faszinierenden Spiel alle Vorurteile. So sehr, dass einige Zuschauer ihre gute Kinderstube vergaßen und den Saal vorzeitig verließen.
Der 1958 in Belgrad geborene und in Moskau ausgebildete Pogorelich wurde in den 1980er Jahren zu einem der absoluten Topstars der Klassikszene. Viele nahmen sich ihn zum Vorbild. Die Art, wie er sich vermarktete, sein exzentrisches Auftreten (das allenfalls Glenn Gould als Vorbild gekannt haben konnte), seine schier grenzenlose Extravaganz und dandyhafte Exaltiertheit wirken nach bis heute. Immer, wenn es mit der musikalischen Begabung nicht alleine bis hinauf in den Olymp reicht, wird von den PR-Fachleuten noch etwas Virtuosen-Attitüde à la Pogorelich beigemischt. Fertig ist der Weltstar. Zumindest manchmal. Und meist auch nur vorübergehend. Pogorelich wurde gerade dadurch weltberühmt, dass er einen Wettbewerb nicht gewann. 1980 war das, beim Chopin-Wettbewerb in Warschau. Sein exzentrisches Spiel war den meisten Juroren ein Graus. Sie verhinderten einen Finaleinzug, was wiederum dafür sorgte, dass Martha Argerich wutentbrannt die Jury verließ. Der Skandal war perfekt – auch als Start in eine Weltkarriere. Nach einer längeren Schaffenspause ist er nun auch wieder regelmäßig auf Tourneen zu erleben. Auf die aktuelle Repertoire-Auswahl hat die Zeit des Verstummens keinen Einfluss gehabt. Die ist weiterhin eher extravagant, auch beim Auftritt in Mannheim: Liszt: „Dante“-Sonate; Brahms: „Paganini“-Variationen; Schumann: C-Dur-Fantasie; Strawinsky: Klavierfassung der „Petruschka“-Ballettmusik. Ein Fest für jeden Virtuosen, gerade der Strawinsky, den man sich kaum mitreißender interpretiert vorstellen kann. Aber Pogorelich lässt auch bei der Schumann-Fantasie keinen Stein auf dem anderen, hinterfragt jede Phrase, verweigert sich jedem Bogen. Er atomisiert die Musik gleichsam, entromantisiert sie und konfrontiert uns mit einer Lesart, die verschrecken kann. Wie seine grandiosen pianistischen Fähigkeiten. Die zeigt er zunächst in der „Dante“-Sonate. Der Flügel wird zum Orchester, dem er die unterschiedlichsten Klangfarben abringt. Mal streichelt er ihn, dann sticht er in einer Art Staccato auf ihn ein. Alles wirkt sehr streng, fast asketisch, und gipfelt dann doch im Ekstatischen. Ähnliches Bild bei den „Paganini“-Variationen von Brahms. Ein Stück, wie geschaffen für einen solchen Pianisten. Er schüttet das schier unerschöpfliche Füllhorn seiner Ausdrucks-Fähigkeiten aus. Und verzichtet angesichts von zahlreichen Zuschauern, die sich nicht einmal mehr die Zeit nehmen für einen gebührenden Schlussapplaus, auf Zugaben.