Interview
Arno Frank über sein neues Buch „Ginsterburg“
Herr Frank, wo treffe ich Sie eigentlich gerade an?
In einem erfrischend heruntergekommenen Hotelzimmer in Beverly Hills, Los Angeles, wo ich gerade beruflich zu tun habe. Es regnet übrigens in Strömen.
Wird etwa einer Ihrer Stoffe in den USA verfilmt?
Ich erröte schon beim Gedanken daran, dass das Pfalztheater in Kaiserslautern einen meiner Stoffe auf die Bühne gebracht hat (die Adaption seines Debütromans „So, und jetzt kommst Du“ läuft seit September stets ausverkauft auf der Werkstattbühne, d. Red.). Größenwahn gehört ganz gewiss nicht zu meinen zahlreichen Schwächen…
Nach dem autobiografischen Debütroman „So, und jetzt kommst du“ von 2017 und einem atmosphärischen Sommerroman „Seemann vom Siebener“ von 2023 nun ein ganz anderes, ein historisches und überaus schweres Sujet. Wie kam es dazu?
Ich wollte unbedingt und so radikal wie möglich vom „autofiktionalen“ Schreiben weg und ins freie Erzählen kommen. Als Leser bin ich schnell gelangweilt, wenn ein Schriftsteller sozusagen Buch für Buch nur seine eigene Wunde bewirtschaftet. Der schwerste und wichtigste Schritt war tatsächlich, einen Roman an einem einzigen Tag in einem Freibad spielen zu lassen – und mit Figuren zu bevölkern, die ich selbst vorher noch gar nicht kannte. Wohin führt mich das? Funktioniert das? Wie klinge ich eigentlich, wenn ich nicht von mir selbst erzähle? Das Ergebnis hat mir genug Selbstvertrauen gegeben, um endlich „Ginsterburg“ in Angriff zu nehmen.
Was stellte die besondere Herausforderung beim Schreiben dar, verglichen mit den ersten beiden Bänden?
Im Grunde bin ich vorgegangen wie beim „Seemann vom Siebener“. Ich stelle Figuren, von denen ich anfangs noch gar nicht viel weiß, auf eine bestimmte Bühne – und hoffe, dass sie zu einem eigenen Leben erwachen und mich beim Schreiben überraschen. Allerdings treibt das Ensemble meiner Figuren diesmal nicht durch einen harmlosen Sommertag im Freibad, sondern durch das nationalsozialistische Deutschland auf den Abgrund zu. Schaffe ich es, ein so großes Orchester zu dirigieren? Finde ich den richtigen Ton für die einzelnen Stimmen? Wer soll laut werden, wer leise bleiben? Welche literarischen Register kann ich ziehen, welche besser nicht? Wie lasse ich das Schwere leicht erscheinen? Das war die Herausforderung.
Wie komplex war die Recherche, gerade wo es um die soziopolitischen Hintergründe ging?
Sonderlich komplex war die Recherche nicht. Nur sehr umfangreich und tief, weil ich mich vollkommen in die Figuren hineinversetzen wollte. Fürs Schreiben hatte ich mir einen „Handapparat“ aus historischen und literarischen Standardwerken zugelegt. Zusätzlich habe ich alte Zeitungen studiert, die Schlager der Zeit gehört, die Blockbuster der Zeit gesehen. Ich habe für eine Weile nur noch gegessen und getrunken, was man damals schon hatte essen und trinken können. Ich habe alle Originalschauplätze besucht, vom Nürburgring bis zur Wasserkuppe, und Archive z
Am Ende musste ich das alles wieder vergessen, damit es maximal sinnlich bleibt. Niemand darf beim Lesen die Arbeit spüren, die sich der Autor vielleicht gemacht hat.
Sie lassen die Handlung im fiktiven Ort Ginsterburg spielen. Hatten Sie dabei ein Vorbild im Kopf?
Nein. Der Ort steht für jede der rund 160 Städte und Gemeinden, deren historisches und kulturelles Gepräge von alliierten Bombern für alle Zeiten dem Erdboden gleichgemacht worden sind. Beim Schreiben hat sich mir Ginsterburg dann als eine Mischung aus dem hübschen alten Marburg – das weitgehend verschont geblieben ist – und dem ausgelöschten Kassel mit seinen kriegswichtigen Industrien vorgestellt. Es könnte aber jeder andere Ort auf der Liste der Verheerungen sein, von Aachen bis Zwickau.
Wie stellen Sie den gesellschaftlichen Wandel dar? Wie personalisieren Sie ihn?
Der Wandel ereignet sich, während wir unsere alltäglichen Leben führen. Er kommt schleichend und tückisch, und für einige Menschen stellt er sich sogar als Chance dar. Wer nicht direkt von der staatlichen Verunmenschlichung betroffen war, konnte anfangs mühelos wegschauen. Es gab ja auch immer etwas Aufregendes zu sehen, dafür hatte das Regime gesorgt.
Ich wollte wissen, was aus dem Kind wird, das vom Fliegen träumt. Was aus dem Journalist, der gerne Karriere machen möchte. Was aus der Buchhändlerin, aus deren Regalen immer mehr Bücher verschwinden. Welche Kompromisse gehen Leute ein, um irgendwie durchzukommen? Wichtig ist, dass diese Leute echte Menschen und keine Pappfiguren sind, die unserer moralischen Überlegenheit schmeicheln.
Sie stellen die Handlung in drei Schritten dar: 1935, 1940 und 1945. Was steckt dahinter?
Die Einteilung rhythmisiert das Buch und ermöglicht uns, das Ensemble an Figuren alle fünf Jahre noch einmal zu besichtigen. Manche haben erreicht, wovon sie geträumt hatten, anderen geht es noch schlechter als zuvor. Und wer dachte, er gehöre zu den Profiteuren, dem geht es plötzlich doch noch an den Kragen – bevor noch der Weltkrieg das komplette Leben, auch den Alltag, die einzelnen Charaktere auf eine existenzielle Probe stellt.
1935 war das Regime gerade mal seit zwei Jahren an der Macht, 1940 steht das Reich auf dem Höhepunkt seiner imperialen Ausdehnung, 1945 kommt nicht „die Befreiung“, sondern die Quittung.
Weil es nahe liegt, folgende Frage: Gibt es erneut irgendwelche biografischen Anknüpfungspunkte, etwa über einen Vorfahren?
Ein Großvater war Ingenieur, wie es ihn auch im Buch gibt. Und eine Großmutter konnte noch lebhaft und sehr drastisch von den Bombennächten in ihrer Heimatstadt erzählen. Gerade stirbt die letzte Generation aus, die das Grauen damals sowohl verantwortet als auch unter ihm gelitten hat. Als Deutscher habe ich das Gefühl, dass mich das etwas angeht. Darum habe ich für „Ginsterburg“ auch einige Zeitzeugen interviewt, deren Erinnerungen ebenfalls eingeflossen sind in den Roman.
Das Thema Nationalsozialismus ist gefühlt allgegenwärtig. Was reizt Sie daran, der Vielzahl der Veröffentlichungen, sei es im Film, sei es in Buchform, eine weitere hinzuzufügen?
Ich habe eher den Eindruck, dass der Nationalsozialismus langsam im Nebel der Vergangenheit verschwindet. Wieder war irgendwie „nicht alles schlecht“ oder nur eine kleine Clique schuld, und neuerdings soll Adolf Hitler sogar Sozialist gewesen sein.
Ignoranz und Dummheit marschieren wieder, und immer mehr Menschen spazieren mit. Mir ging es, anders als einer Vielzahl anderer Veröffentlichungen, weder um die echten Täter noch um die wenigen Aufrechten. Ich wollte erkunden, wie Mitläufertum geht, ob einem das eigene Mitlaufen vielleicht sogar entgehen kann. Meine Kernfrage hat bereits Bertolt Brecht gestellt: „Wo waren all die guten Menschen, als ihre Nachbarn in den Tod gingen?“ Vermutlich waren sie einfach im Kino.
Ich danke fürs Gespräch.
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Zur Person
Arno Frank wird 1971 in Kaiserslautern geboren. Nach seiner Schulzeit am dortigen Albert-Schweitzer-Gymnasium studiert er Kunstgeschichte und Philosophie und absolviert die Deutsche Journalistenschule in München. Danach arbeitet er elf Jahre lang als Redakteur bei der „taz“ in Berlin. Er schreibt derzeit für den „Spiegel“ sowie für die „taz“ die Kolumne „Die Wahrheit“. Arno Frank lebt mit seiner Frau, einer Denkmalpflegerin, und den beiden gemeinsamen Töchtern seit 2011 in Wiesbaden. An „Ginsterburg“ arbeitete er auch im Feriendomizil im Donnersbergkreis.