Kaiserslautern Ansprechend und zeitgemäß
Wie kaum ein anderer Bereich des Laienmusizierwesens ist der klassische Chorgesang in der Krise: Das Auflösen und Zusammenlegen von Chören zeigt ebenso den Wandel an wie das Entstehen von Projekt- und Alternativchören. Patentrezepte gibt es nicht, aber vielversprechende Ansätze wie den von Bezirkskantorin Beate Stinski-Bergmann. Das Musical „Schock-Orange“ von Peter Schindler gab ihrer evangelischen Singschule in Kooperation mit dem Kinderchor Erlenbach, einem Projektchor, am Sonntag in der Stiftskirche Gelegenheit, ein neues Konzept erfolgreich aufzuführen.
Mit der szenischen Aufführung eines in der Tonsprache ansprechenden und zeitgemäßen Musicals und dem zeitlosen Stoff „Macht und Geldgier“ mit überspitzt gezeichneten Auswüchsen einer spätkapitalistischen Gesellschaft schlug die Kantorin ein neues Kapitel ihrer kontinuierlichen Aufbauarbeit auf: Akribisch waren die Hauptrollen von Anna Sender (als Rocco Dilettanto) und Felix Orth (als Richard Millionski) in der Spracherziehung, Deklamation und der Stimmführung bei Soli und Duetten vorbereitet und von Antonietta Jana als Stimmbildnerin betreut worden. Und die Bezirkskantorin leitete selbst mit Übersicht, koordinierte zwischen Soli und Tutti (die beiden Kinderkantoreien und die Jugendkantorei mit dem genannten Gastchor) die Abläufe, balancierte klanglich geschickt zwischen vokal und instrumental und hielt die musikalische Spannung bis zur Fermate aufrecht. In Schockorange kamen die „Müllmänner“ daher, die eine eigene Combo – auch auf Mülleimern als Handtrommelersatz – bildeten. Am Beispiel ihrer Zunft werden Machtkämpfe, Imponiergehabe und die ganze Fragwürdigkeit einer hier morbiden Gesellschaft vorgeführt. In diesem Spannungsfeld zwischen Realsatire und gesellschaftlicher Utopie bewegen sich skurrile Persönlichkeiten, wie „Putzfrauen“ (Clara Weindl, Anna Orth, Kiara Bauer und Fee Kock) mit tänzerisch und stimmlich glänzend umgesetzten Einlagen. In der Choreographie von Silke Heller-Gonzalez, der spannenden und lebendigen Inszenierung von Daniel Korz kamen all die hier nur angedeuteten, umrissenen gesellschaftlichen Spannungen und inneren Konflikte (personifiziert in der ebenfalls darstellerisch herausragenden Charlotte Fordan) treffend zum Ausdruck. Mit Requisiten und ständig wechselnder Kleidung der Hauptpersonen und häufigem Szenenwechsel lieferte die Aufführung exemplarisch Ansätze, wie trotz räumlicher Problematik – der Altarraum als Bühne – ideenreiche Lösungen realisiert werden können. Da es sich aber um eine Singschule und keine Theater-AG handelt, gebührt insbesondere allen vokalistischen Kräften ein Sonderlob – aufgrund der klaren Diktion und reinen Intonation, hinsichtlich der Phrasierung in spürbaren Spannungsbögen und der ansprechenden melodischen Gestaltung der anspruchsvollen Partien. Diese wechselten zwischen Pop und Punk und von Rock bis Jazz und haben die Qualität, um mehr zu sein als reine Gebrauchsmusik für pädagogische Zwecke. Entsprechende Instrumentierung und größerer Rahmen – dann ist dieses Musical ein Geheimtipp für große Bühnen. Die Band aus Keyboard und Klavier (Jonas und Eva Klamroth) sowie E-Gitarre (Max Ackerknecht) und Schlagzeug (Christian Matzke) traf immer den Nerv der groovigen Rhythmen und zündenden Melodien.