Sommergespräch RHEINPFALZ Plus Artikel Annemarie Becker amtiert auch mit 85 Jahren als „Geschäftsführerin ohne Gehalt“

Von Frauenquoten und „Gender-Mainstreaming“ hält Annemarie Becker nichts. Im Entsorgungsunternehmen Becker blickt sie auf 66 Jah
Von Frauenquoten und »Gender-Mainstreaming« hält Annemarie Becker nichts. Im Entsorgungsunternehmen Becker blickt sie auf 66 Jahre Betriebszugehörigkeit zurück.

Sie fährt jeden Morgen mit dem Pkw zur Arbeit. Dort erledigt sie nicht nur Korrespondenz und Telefonate, sondern kocht Mittagessen für den engeren Mitarbeiterkreis. Annemarie Becker ist „Geschäftsführerin ohne Gehalt“ und blickt auf 66 Jahre Betriebszugehörigkeit zurück. Nach wie vor läuft ohne sie nichts in der Firmengruppe Jakob Becker. Seit 1978 steht sie an der Spitze des Entsorgungsunternehmens, soeben beging sie ihren 85. Geburtstag.

Die Jakob Becker GmbH & Co KG ist ein internationaler, weit verzweigter und augenscheinlich erfolgreicher Wirtschaftsriese. Die Firmengruppe besteht aus 25 Unternehmen mit 2157 Mitarbeitern. 60 Standorte verteilen sich auf Deutschland, Österreich, Italien, Kroatien und Serbien. Der Jahresumsatz lag im Vorjahr bei 340 Millionen Euro. Allein im Hauptsitz, der sich auf Mehlingen und Sembach verteilt, arbeiten 450 Menschen.

Wenn es um die Firma geht, hat Annemarie Becker alle Daten, Zahlen und Infos aus dem Stand parat. Schwieriger ist ein Blick auf den Menschen hinter der Fassade der Chefin. Zur Jahreswende 2015/16 hat sie ihren Geschäftsanteil von 51 Prozent an die beiden Kinder Barbara Steingaß und Thomas Becker übertragen. Damit steht die Gesellschaft in vierter Generation in Familienbesitz.

1898 als Kleinunternehmer angefangen

Angefangen hat alles 1898, als der Bauer Jakob Becker, der nebenbei als Kleinunternehmer mit dem „Puhl-Wäänche“ unterwegs war, gemeinsam mit seinem Schwager die „Abfuhr des Hausunrats der Stadt Kaiserslautern“ übernahm. Heute hat die Gruppe über 750 Fahrzeuge im Einsatz, die nicht nur der Sammlung und Wiederverwertung von Abfall dienen, sondern auch dem Transport von Öl/Wasser-Gemischen, dem Saugen und Spülen sowie der Inspektion und Reinigung von Kanalsystemen.

Die heutige Seniorchefin trat 1956 mit 20 Jahren in die Firma ein, als sie den Firmennachfolger Jakob Becker III. heiratete. Zuvor hatte die Tochter eines Pfalzwerkers – waschechte Lautererin und eine geborene Jester – das Burggymnasium besucht und beim Bezirksverband eine Ausbildung als Verwaltungsangestellte absolviert.

„Das Metier ist erst langsam gewachsen“, sagt sie heute. Das frisch vermählte Unternehmerpaar begann mit einem einzigen Lkw. Die Firma nahm erst an Fahrt auf, als mit dem Wirtschaftswunder der Abfallberg wuchs und die Entsorgung von den Kommunen einheitlich geregelt werden musste, ehe schließlich auch Recycling zum beherrschenden Thema wurde. Ganz allmählich wuchs Annemarie Becker in die Geschäftsführung hinein – und übernahm sie 1978 auch offiziell.

Mit Weitblick zur Gebieterin über ein Firmen-Imperium

So wurde sie mit Umsicht und Weitblick, Selbst- und Verantwortungsbewusstsein, Geschäftssinn und kühlem Blick für Zahlen zur Gebieterin eines beständig wachsenden Imperiums. Nebenbei bekam sie zwei Kinder, aber „Elternzeit gab es nicht“, wie sie sagt.

Ihr Mann starb 1994, als die Wiedervereinigung die Erfolgsbilanzen des Groß-Mittelständlers in die Höhe schnellen ließ. Immerhin lag die jährliche Wachstumsrate in den vergangenen viereinhalb Jahrzehnten bei durchschnittlich 18 Prozent. Auf ihrer Internetseite firmiert die Becker-Gruppe als „eines der größten deutschen Entsorgungsunternehmen“, das zudem am Dualen System beteiligt ist.

Auf dem Betriebsgelände wird die kühl kalkulierende Rechnerin, die bei ausufernden Debatten auch mal ein abkürzendes Machtwort spricht, als fast mütterliche Matriarchin geschildert. Diese Bodenständigkeit scheint auch ihr Privatleben zu prägen. Sie hält sich durch regelmäßiges Schwimmen fit und liest gern Krimis im Bett. Jeden Samstag kauft sie auf dem Lauterer Wochenmarkt ein, „denn wenn man am Stand aussuchen kann, dann weiß man, was man kocht“. Ihren Urlaub verbringt sie alle Jahre wieder in Abano im nordöstlichen Italien: „Dort decke ich mich seit 30 Jahren auch immer mit Garderobe ein.“

Gleichfalls unverbrüchlich ist ihre Treue zum 1. FC Kaiserslautern. Trotz dessen Niedergangs pilgert sie weiterhin zu fast jedem Spiel auf den Betzenberg – und bewertet den Kader mit der ihr eigenen Nüchternheit: „Wie soll man denn mit solchen Buben erfolgreich spielen, wenn andere die großen Stars verpflichten?“ Immerhin war sie zeitweise als Präsidentin des FCK im Gespräch, „aber sowas kann man nicht nebenbei machen“.

Ohnehin gilt ihr gesamtes Engagement weiterhin der Geschäftsführung der Firma Becker. Die langen Autofahrten, die sie einst genoss, überlässt sie inzwischen zwar anderen. Aber noch nach ihrem 70. Geburtstag, so berichtet sie nicht ohne Stolz, habe sie „mit dem E-Mailen angefangen“.

Von Frauenquoten und „Gender-Mainstreaming“ hält Annemarie Becker nichts

Von Frauenquoten und „Gender-Mainstreaming“ hält Annemarie Becker nichts: „Frauen, die wirklich etwas machen und erreichen wollten, hatten dazu immer die Möglichkeit. Und mir ist eigentlich gar nichts anderes übrig geblieben, als immer zu machen.“ Inzwischen sind bereits drei ihrer vier Enkel im Betrieb tätig.

Dennoch macht die „Müll-Oma“ wenig Aufhebens darum, dass sie als 85-jährige Rentenempfängerin unverdrossen und mit Akribie ihre tägliche Büroarbeit erledigt. Knapp sagt sie: „Ich habe gute Gene.“

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