Laienmusizierwesen
Andreas Vicinus über Sorgen und Perspektiven
Andreas Vicinus ist ein erfahrener Musikpädagoge. Er ist dabei nicht nur Vorsitzender des Kreismusikverbandes Westpfalz, sondern auch noch Konrektor der Kurpfalz-Realschule und in seinem Verein, dem Kolping-Blasorchester Kaiserslautern, Vorsitzender, Ausbilder und Vizedirigent. Er hat dabei ein integrierendes Ausbildungssystem aus Blockflöten-Kursen, Bläserklassen, Jugendorchester bis hin zum symphonischen Blasorchester als exemplarisches Vorzeigemodell mit initiiert und perfektioniert. Weiter ist er Präsidiumsmitglied im Landesmusikverband und Beauftragter für Bläserklassen im Landesmusikbeirat.
Wie hat sich das Laienmusizierwesen, besonders der Musikvereine, in den letzten Jahrzehnten personell verändert?
Die Tendenz zeigt, dass kleine Vereine ohne Jugendarbeit den Betrieb einstellen müssen. Umgekehrt haben Vereine mit Konzeptionen zur Ausbildung und Jugendförderung im Vergleich bessere Perspektiven und stehen folglich besser da. Dementsprechend haben kleinere Vereine eher sinkende und größere Vereine eher steigende Mitgliederzahlen bei den Aktiven.
Wie hat sich der Kreismusikverband entwickelt?
2019 haben sich die Kreismusikverbände Kaiserslautern und Kusel zum KMV Westpfalz zusammengeschlossen, ein neues Führungsteam wurde gewählt, und es wurde angestrebt, diese Leitung aus möglichst weiten und vielen geografischen Teilen zu formieren.
Wie hat sich die Musik, speziell die Literatur und Besetzung, verändert?
Die Arrangements und Kompositionen sind konzertanter, ausgefeilter und anspruchsvoller geworden. Es ist bei einigen Orchestern ein erweitertes Instrumentarium dazugekommen, das es früher weniger gab: Piccoloflöte, Bassklarinette, Baritonsaxophon etwa. Dadurch ist der Klang farbiger und nuancenreicher geworden. So entstanden inzwischen auch sinfonische Konzert-Blasorchester und weitere, neue Besetzungen neben traditionellen.
Welche?
Früher war das hauptsächlich volkstümliche Blasmusik der böhmisch-mährischen Stilart, auch bearbeitete Schlager und Evergreens. Es gibt jetzt auch Kombinationen aus Bläsern und elektronischen Instrumenten, was über die klassische Bigband-Besetzung hinausgeht. So werden Basstuben durch E-Bassgitarre ersetzt, E-Gitarren für Melodieunterstützung verwendet und das Schlagwerk erweitert. Mitunter werden, wie beim Cross-over in Otterbach, auch eigens für die jeweilige Besetzung beauftragte Noten verwendet. Auch gibt es Vereine – wie bei uns – mit ergänzenden, kleineren Formationen, um mehr Flexibilität zu erzielen.
Wie steht es vielerorts um Proben- und Auftrittsmöglichkeiten? Und fallen da zusätzliche Kosten an?
Die Proberäume sind nach unserem Kenntnisstand meist traditionell verankert, also Pfarrheime oder etwa Bürgerhäuser. Aber auch hier fallen Mietzahlungen vielfach an. Nach dem Corona-Tief sind die Auftrittsmöglichkeiten durch traditionelle Veranstaltungen weitgehend wieder offen. Allerdings zeigt sich eine bedenkliche Tendenz zu kleineren Besetzungen, vom Alleinunterhalter bis zur kleinen Combo, um nicht größere Klangkörper finanzieren zu müssen. Das gesellschaftspolitische Bewusstsein für den immensen Aufwand der Vereine wie Anfahrten der Musiker, Vorbereitung zuhause, proben, Instrumentenwartung, Notenkauf und -verwaltung sowie Personalkosten für Dirigenten schwindet.
Haben die neuen GEMA-Verordnungen das Vereinsleben beeinflusst?
Der Verwaltungsaufwand ist trotz Online-Bearbeitung größer geworden. Das bleibt dann wieder an den Ehrenamtlichen hängen. Die neuen Verordnungen haben bei den Weihnachtsmärkten schon in bekannten Fällen wie Kindsbach zu reduzierter, abgabenfreier Literatur geführt.
Wir haben inzwischen in Kaiserslautern kein Musikfachgeschäft mehr – was bringt das an Nachteilen für die Vereine mit sich?
Insbesondere der fehlende dauerhafte Service ist ein spürbarer Verlust: Es fehlt das schnelle Reparieren von Instrumenten, das kurzzeitige Beschaffen von Musikalien und Zubehör sowie die kompetente Beratung und das Ausprobieren vor Ort. Das alles ist nicht durch Online-Handel mit Versand – und oftmals auch Rücksendung – ersetzbar.
Wie ist die Zusammenarbeit der Vereine untereinander, etwa was Kooperation und Austausch von Spielern, Noten und Instrumenten betrifft? Wurde dies intensiviert oder stockt das?
Der Austausch existiert schon länger, Kontakte der Musiker untereinander und Kooperationen zwischen Vereinen ermöglichen gegenseitige Unterstützung und halten den bisherigen Standard am Laufen. Einige Vereine sind bei Auftritten auf Aushilfen bereits angewiesen, können allein nicht mehr alles entsprechend besetzen.
Gibt es Zahlen zur Entwicklung des Laienmusizierwesens in der Region?
Es gibt eine Statistik des Kreismusikverbandes Westpfalz, erhoben seit 2019 und erstellt bis ins Jahr 2024. Danach hat dieses Laienmusizierwesen die Corona-Pandemie stabil überstanden: Von 45 Vereinen 2019 ist die Anzahl nur auf 42 gesunken. Die Gesamtzahl aller Aktiven ist zwar von 1534 auf 1472 in diesem Zeitraum leicht gesunken, ist aber im Jugendsektor, also unter 18 Jahren, sogar erfreulich leicht gestiegen – von 304 auf 321 Aktive.
Ein Silberstreif am Horizont. Danke für Ihre Ausführungen.